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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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einer Besehreibung wert wäre. Sein ganzes Streben war, acht Rubel die Woche verdienen und heiraten. Der Zweite hingegen, den ich etwas länger kannte, war ein merkwürdiger Mensch, ein Vollblutoriginal. Er konnte ebensogut für fünfundzwanzig Jahre wie für einen starken Fünfziger gehalten werden. Er hatte ein langes, fahles, mageres Gesicht, krauses, pechschwarzes Haar und ein paar Wolfsau£ren, die immer wild blinzelten. Trotz unserer längern Bekanntschaft konnte ich nie. erfahren, wer und was er war.. Er hatte in jedem Falle eine bessere Erziehung genossen, oder er war ein fleissiger Autodidakt: denn er sprach geläufig Hebräisch und Russisch und zitierte auch oft Schiller im Urtext. Seine Sprache war kernig und kräftig, — jeder seiner Sätze war ein Sprichwort. Sie waren kurz und abgehackt, — so Gedankenblitze. Allein, er sprach nicht viel. Ich mindestens fühlte, daß ich unter normalen Umständen gar nicht zu ihm passen würde, denn er war mir tausendfach an Geist und Bildung überlegen. Aber der hungrige Teil der Menschheit huldigt demokratischen Anschauungen, — und so hat uns, zwei Gegensätze,, der Hunger zusammengekittet und aneinandergebracht. Von meiner Wenigkeit ist nicht viel zu erzählen, ich wollte immer ein reicher Mann werden und bin es nie geworden. Im übrigen war und bin ich ein .lud. — Was ist ein Jud? Er will ein reicher Mann werden, er geht nach Amerika, er ist ein Krämer oder ein Schadehen, oder ein Schulmeister, — oder er ist überhaupt nichts, — nur ein Jud, — das heißt, ein zufälliger Mensch mit einem stabilen Dalles, in meiner Jagend war ich in der Talmudschule wie alle andern jüdischen jungen Leute auch; aber dank meiner bescheidenen Begabung mußte ich meine sakrale Karriere aufgeben. Ich war dann abwechselnd Verkäufer. Unternehmer, Schadehen. Hauslehrer bei Landjuden. Synagogendiener, Ritualieninspektor, dann wieder Krämer. Ich bin in Amerika und in England gewesen, in ersterm Lande Hausierer, im zweiten Reverend: ich hatte eine Frau, und eine zweite auch, nachdem die erste während meines amerikanischen Aufenthalts am Hungertyphus gestorben war. —und heute bin ich alles: — Händler. Reporter, Privatlehrer. Ausläufer. Nachtwächter. Badediener. Viehagent: ich hatte immer nur Geld für eine Mahlzeit, trotzdem ich den ganzen Tag auf dem qui vive bin. Mein Anzug stammt noch aus meiner präamerikanischen Periode. Die Leute behaupten, er wäre graugrün . . . In der letzten Zeit habe ich mich auch als Kantor und Vorbeter versucht, habe schon auf dem Friedhof in den Tagen zwischen jüdischem Neujahr und Versöhnungstag Totengebele verrichtet, war in jüngster Zeit Lampenputzer inderSchusterklause — undnochimmer kein Rothschild. Zuletzt hielt ich mich in ßerclitsehew auf, wo ich mit wechselndem Erfolg Obsthändler und Gelegenheitsdichter war. In dieser Stadt lernte ich auch meine zwei Wegekameradeii kennen, den einen in der Synagoge, den andern vor dem Theater. An einem Abend gab man Shakespeares Hamlet im Stadttheater. Ich kannte meinen Shakespeare und wollte sehen, wie Shakespeare in Berditschew aussieht. Ich wollte der Vorstellung beiwohnen, aber als ich vor dem Schalter stand und mir ein Billett für die Vorstellung lösen wollte, erinnerte ich mich, daß ich möglicherweise kein Geld bei mir haben könne . . . Ich kehrte meine Taschen um (ich bin nie ein Freund von Portemonnaies gewesen), und viele Brotkrümel fielen auf die Erde. Ich zog mich unter vielen Entschuldigungen meinerseits und unter vielen Verwünschungen von seiten des Billetteurs von dem Schalter zurück. In diesem Augenblick bemerkte ich meinen jetzigen Kameraden, der am Theatereingang stand, ganz nachdenklich und in sich versunken, als gelte es, Amerika zu entdecken oder fünf Rubel zu verdienen. Ich erkannte ihn sofort als meinen Schicksalsgenossen, denn in seiner Brille fehlte ein Glas, und die linke Sohle lief seinem Stiefel nach und drohte, sich selbständig zu machen . . . Ich sprach ihn an, er lächelte verlegen ... In einigen Minuten waren wir miteinander bekannt. Er erzählte mir. daß er für sein Leben gern der Vorstellung beiwohnen wollte, obgleich er Hamlet für eine psychopathische Natur halte, aber er hatte keine zehn Kopeken für ein Galleriebillett; denn an diesem Tage meinte er, geschehe zufällig kein Wunder . . . Einige Tage später trafen wir uns in der zionistischen Lesehalle. Auch der Verkäufer kam hinzu. Er fragte mich, ob oft 'Wunder geschehen, d. h. ob ich jeden Tag Mittag esse, was ich. um mich keiner Lüge schuldig zu machen, verneinte. Er sagte mir nichts von sich selbst: aber sein Gesicht verriet mir, daß auch ihm sehr selten Wunder geschehen. Ich teilte ihm alsdann meine Absicht mit, daß ich auszuwandern gedenke. Er runzelte eine Weile seine hohe Stirn, dachte nach und sagte dann plötzlich in gleichgültigem Tone: „Ich komme mit." Mittlerweile kam der Verkäufer auf uns zu, sprach ein paar banale Worte und schloß sich uns an. Wir beschlossen, den nächstem Morgen in aller Hergottsfrühe die Stadt zu verlassen. Als wir reiseeinig waren, fragte ich meine Reisekameraden, wohin sie sich zu begebe!) gedächten. Der Verkäufer schwieg, denn er wollte abwarten, auch schien es ihm gleichgültig zu sein, wohin wir ziehen würden. Er hatte nichts zu verlieren. Mein Freund aber sagte: vWenn wir morgen am Walde sind, werden wir sehen, welchen Weg wir einschlagen wollen. Keiner der Wege führt nach Rothschilds Palästen . . Als wir uns morgens, wie verabredet, am Walde trafen, schlug mein Freund vor, den Weg einzuschlagen, der nach einer kleinen Stadt unweit von Berditschew führt, und in der die Hoseuindustrie blüht. Alle Einwohner dieses Städtchens sind ihres Zeichens Schneider und als leutselig und gastfreundlich in der ganzen Umgebung bekannt. Ohne Widerrede stimmten wir seinem Vorschlage bei und nahmen, ohne uns noch einmal umzudrehen, unsern Weg auf. Der Himmel wrar verschwiegen und ausdruckslos. Über den abgemähten Wiesen, die sich längs des Weges zogen, waltete ein dumpfes Schweigen, die Zweige der jungen Bäume zu beiden Seiten der Chaussee bewegten sich kaum, und eine stumme Traurigkeit, die jede heitere Regung in der Menschen Brust erstickt, ergoß sich durch die Lüfte ... Es war so, als ob die Natur mittrauern und ihren Tischebeow halten würde. Ich schritt neben dem Verkäufer, da mein Freund lieber allein bleibet wollte, um, wie er meinte, fruchtbar schaffen zu können". Der „Verkäufer", ein kurzes, knappes ' Menschlein mit knallroten Haaren und einer unbescheidenen, geometrisch nicht uninteressanten Kupfernase hatte den obern Teil eines Gehrockes an, der der Farbe nach grün war und den er seine Geschäftsjacke nannte. Er wollte noch andere Kleider gehabt haben, die er vor kurzem verpfändete. Er sprach auch viel von seinen Schabbesanzug. Mit. seinem antiquierten Strohhut ohne Rand, den er auf den Hinterkopf geschoben

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