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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 6 DIEE^ELT 119 wird, den Leib. Es dauerte lange, ehe ich mich daran gewöhnen konnte, wie rasch, rücksichtslos und gründlich bei uns Zionisten die moralische Entkleidung vorgenommen wurde, — wie unbekümmert und derb man in diese intime Atmosphäre eindrang, die sonst als heilig gilt, wie gut bekannt man tat. Arthur Schnitzler meint, die Respektlosigkeit des Juden gegen Juden sei das Benehmen von Kriegsgefangenen untereinander, die keine Rangunterschiede mehr anerkennen. Die Juden befänden sich demnach in hoffnungsloser Kriegsgefangenschaft. Wir Zionisten hatten uns in eine doppelte Gefangenschaft begeben. Und uns geschah unser Recht. Aber recht war's nicht, und es hat genug geschadet, viele von uns tief verletzt und manchen abseits gestellt. Von der geringen Liebe im besondern Ich meinte immer, der Zionismus sei ein Bund der Liebe, dann meinte ich auch, er würde nicht nur den Brüdern im Osten Licht und Wärme bringen, sondern auch einiges von diesen köstlichen Gaben zurückstrahlen, — Liebe wärmt und leuchtet! Als die ersten Schläge auf uns niedersausten,- da fühlte ich eine Erschütterung meines ganzen Empfindens. Das war-am dritten Kongreß; da ich aber ein guter und liebevoller Zionist bleiben wollte, besuchte ich die folgenden fünf Kongresse nicht mehr. Auch sonst hielt ich mich von der Parteimaschinerie ziemlich fern. Die Politiker waren mir über den Kopf gewachsen. Jede Ungebühr, jede Unaufrichtigkeit wurde damit entschuldigt, daß dies Politik sei. Und wenn ich Herzl meine Klagen vorbrachte, dann sagte er nachdenklich: „Es scheint, daß die Menschen nicht miteinander arbeiten können, ohne sich gegenseitig wehe zu tun!" Die Lieblosigkeit aber, sie nahm überhand, und die interne Politik oder vielmehr die Lust an Ränken und Intrigen verdunkelte zeitweilig das schöne Bild unseres Wollens. Das kam dann so weit, daß selbst Theodor Herzl, der'so gern den starken und sichern Mann spielte, dem das Gefühl nicht leicht zu Leibe konnte, mir klagte: „Es ist nicht wahr, daß man mich lieb hat, man braucht mich und man benutzt mich." Ich abe,r wußte es und sagte ihm, daß viele Hunderttausende ihn liebten und verehrten, wenn auch die Nahen und Nächsten ihn bekämpften. Wie ein leuchtender Schimmer von Glück, von tiefer Befriedigung flog es da über sein edles Gesicht, und der Mann, der für seine Führerschaft, für seinen Zionismus immer praktische Gründe anführte, wurde weich, nachdenklich und fast zärtlich. Denn wir alle brauchen die Liebe, wir hoffen auf Liebe und sind für Liebe dankbar. .Es gibt welche unter uns, die lachen-darüber. Das sind die, die ganz plötzlich zur Führerschaft in kleinem Kreise gelangten, die da meinen, Pblitik schließe das Gefühl aus, und die Furcht haben, Treue und Liebe zu den Männern, die ihr ganzes Leben an unsere Idee verschenkt haben, bedeute Personenkult. Bei manchem ist es auch die Lust am Verdunkeln der andern, in der geheimen Meinung, dann ihr Licht heller leuchten zu sehen. So kam es, daß Theodor Herzl die Lieblosigkeit schwer zu fühlen bekam, — er, der den modernen Zionismus in einem Gefühle des Hungers nach Liebe geschaffen hatte. Und so kommt es, daß es noch immer welche unter uns gibt, die sich nie wohler fühlen, als wenn sie Herzl und seine Ideen glauben bekämpft oder überwunden zu haben, und die es nie verwinden können, da'ß der tote Herzl noch immer stärker ist, als alle seine lebenden Gegner. Was man dem toten Herzl nicht antun kann, wurde gegen seine lebenden Freunde geübt. Es gab eine Zeit, ganz besonders hier in Wien, da es als schlechteste Empfehlung galt, ein treuer und zuverlässiger Freund unseres toten Führers gewesen zu sein. Ich verstehe diese Wandlung und würde sie auch billigen, so hart einzelne davon betroffen werden. Eine Bewegung entwickelt sich, sie ist in ihrer Zeit entstanden und muß mit der Zeit fortschreiten. Aber all diese neuen Pflichten und Aufgaben des Zionismus außerhalb des Rahmens von Herzls Ideen, was haben sie geschaffen? Was hat z. B. die ganze innerpolitische Bewegung in Österreich, die dem Judentum und seinen derzeitigen Interessen gewiß nützt, dem Zionismus eingebracht, der fast an dieser Arbeit verblutet wäre? All diese Abirrungen sind mit so viel Selbstsucht und Neid verbunden und mit solcher Lieblosigkeit gepaart, daß sie dem Zionismus nicht helfen können, der ein Bund der Selbsthilfe auf Basis der Bruderliebe ist. Bei uns in Wien hat die innerpolitische Betätigung bald Jahre hindurch die letzten Ziele verdunkelt, Zwietracht gesät und die Wege verlegt. (Fortsetzung folgt) (□□□□□□ FEUILLETON O □□□□□□!) O o v o DIE DREI... Von Samuel Max Melamed An einem kühlen Tischebeow-Morgen packten wir unsere Sachen, d. h. jeder nahm seine Gebetriemen in die Tasche, und machten uns auf den Weg. An diesem Morgen hatten wir, wie es sich von selbst versteht, nichts gegessen. Und auch am Tage zuvor hatten wir nur andere essen sehen. Wir wußten, daß, selbst wenn wir . bis Sonnenuntergang die nächste Stadt erreichen, wir dort kaum Eßgelegenheit haben werden. An diesem Abend ist jeder hungrig — und verläßt die Synagoge, ohne sich um die „Gäste" zu kümmern. Versteht sich, — nach einem Fasttag. Unsere Befürchtung war also nur zu begründet. Wir waren unserer drei. Wir kannten uns seit kurzer Zeit. Der. eine wollte Verkäufer in einem Kolonialwarengeschäft in Kiew gewesen sein, was nidit wahrscheinlich war. Er wurde, wie er sagte, von jener Stadt ausgewiesen und kam später nach Berditschew, wo er ausländische Lotteriezettel kolportierte. Er war ein junger Mensch wie tausend andere auch, ohne besondere Merkmale, ohne jede Originalität, die 2*

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