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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Meine Anklagen Von H. York-Steiner Nicht nur die Opposition allein klagt und klagt an im Zionismus; auch unter uns „Mamelucken" finden sich beschwerte Herzen, die Jahre hindurch seelisch hungern und intellektuell leiden, nur daß sie sich sagen: „Es gibt eine Zeit zum Schweigen, und es gibt eine Zeit zum Reden." Wir wollen uns verständigen. Ich trete auf als einer von vielen. Nicht alle meine Klagen betreffen alle, aber ich werde alles sagen, was ich an Klagenswertem kenne und anerkenne. Das Verhältnis zwischen Ost und West Als wir in Wien anfingen, das neugeprägte Wort vom Zionismus begrifflich auszustatten, da fanden wir alle Gattungen des Widerstandes; denn die meisten Leute meinten, es gelte eine sofortige Auswanderung der Juden, von denen sehr viele für die nächsten Tage zu Tarockpartien geladen waren, die sie nicht gerne im Stiche lassen mochten. Wir galten für gemeingefährlich. Als wir jedoch dazu kamen, unser Verhältnis zu den BrtkJern im Osten klarzustellen, da wurden wir für wahnsinnig erklärt. Nicht für verrückt, nein, für wahnsinnig. „Polnischer Jude", — das war ein Schimpf, ein Brandmal der Niedrigkeit, ein schweres Gebrechen — damals. Wenn man den westlichen Juden etwas recht Niedriges, Verbrecherisches nachsagte, dann, hieß es bei den wohlwollenden Christen oder bösartigen Juden: „Bei uns kann so was freilich nicht passieren, aber bei den Pollacken da schon, — jawohl!" Und die Russen oder Rumänen, ich meine die Juden, die galten hier überall für „Pollacken", wenn nicht für schlimmer, — das mußte einmal öffentlich gesagt und klargestellt werden. — Und daß wir — westeuropäisch gekleidete und geschulte Männer in auskömmlichen Stellungen uns mit den „Pollacken", die natürlich alle lange Kaftane tragen und die Schläfenlocken drehen, — verbrüdern wollten, das war heller Wahnsinn. Das ließ man uns auch allenthalben fühlen. Was wir schrieben, — soweit wir Schriftsteller waren, — wurde kritischer sondiert, — unsere Geschäftsleute „nicht ernst" genommen, die Rechtsanwälte kamen nicht in die Höhe, und die Ärzte erwarben keine Praxis, denn an uns allen haftete der „polnische" Judengeruch. So war es und geschah es jahrelang, Inzwischen hatten es unsere Brüder aus dem Osten gelernt, sich zu organisieren. Das hatten sie zumeist im Zionismus gelernt, der ihnen ein ganz besonders steifes Rückgrat geschaffen hatte. Und wir merkten es bald, denn am allersteifsten waren sie — gegen uns. Sie sonderten sich ab, zeigten uns Mißtrauen und wurden schwer lenkbar. Auch sie schienen vor einem Rätsel zu stehen. Was wollten diese westlichen Zionisten? Ehrenstellen? Erwerb? Geld? Und sie wurden ebenso mißtrauisch als verschlossen. Herzl aber verwöhnte sie. Besonders die Freunde aus Rußland, die liebte er mehr als uns alle. Denen er aber unter uns gut war, die hatten es schlecht bei den Russen. Denn inzwischen war Herzl ein „Führer" geworden, ein .,Herr", und die Macht scheint im Osten stets Mißtrauen auszulösen. Beim dritten Kongreß führte ich die Permanenzkommission, und damals zum erstenmal erlebte ich am eigenen Leibe diesen Zwiespalt zwischen Ost und West, der mir tiefer scheint als die geringe Einschätzung der „Pollacken" im Westen. Denn die Brüder aus dem Osten halten uns für so eine Art Hälb- Juden mit verkommenem Empfinden und geringer Kenntnis des Zionismus, von dem wir meinten, er sei für uns entstanden. Nur sie besaßen das feine, tiefe, wurzelechte Gefühl für den Zionismus, wir andern alle waren ihnen Verstandeszionisten. Damals wollte ich, daß man dagegen Stellung nehme, aber Herzl mochte nicht; er befürchtete eine Vertiefung des Zwiespaltes, den er noch nicht voll einzuschätzen wußte. Wir galten nun in Wien für wahnsinnig, weil wir die Juden aus dem Osten als vollberechtigte Brüder betrachteten, und in Basel hätte man uns für verrückt erklärt, wenn wir es gewagt hätten, zu sagen, wir seien so gute Juden und echte Zionisten wie unsere östlichen Gesinnungsgenossen. Von den Gefühls- und von den Verständes- Zionisten Man könnte die Standpunkte verschieben. Uns im Westen geht's noch leidlich, uns Juden: wir ernähren uns; es kommt vor, daß man zu Vermögen kommt, •ja sogar zu Ehrenstellen, Titeln und Orden. Wir in Österreich sehen mit einer gewissen Genugtuung Juden in hohen Stellen der Armee und Marine. Und unser Gefühl wird verletzt; ich möchte gerne sagen: wurde, — denn der äußerliche Antisemitismus wurde von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung überholt; er gilt nicht mehr für feind. Wenn aber jemand Zionist wird, weil sein Gefühl als Jude verletzt ist, kann man ihn da noch Verstandes-Zionist nennen? Dann gibt es noch einen Beweggrund, der uns im Westen zum Zionismus drängt, das ist das nackte Elend unserer Brüder im Osten. Ich habe zwar nur zwei Wochen in Rußland gelebt, ebensolange in Rumänien, und alles in allem nicht viel länger in Galizien. Aber ich bekomme diese Tage im Leben nicht mehr los. Ich weiß alles oder beinahe, — auch, daß in all diesen Ländern auch Juden reich werden, — aber in Rußland müßte ich ersticken, und ich bewundere die Anpassungsfähigkeit unserer Brüder, die dort atmen können. Viele von uns brachte die Hoffnung zum Zionismus, daß er die Erlösung für einen Teil unserer leidenden Brüder des Ostens bedeuten könne. Nennt man das Verstandes-Zionismus? Wäre es nicht gerechter, zu sagen, daß alle unsere Freunde im Osten Verstandes- Zionisten seien, weil doch der Zionismus in erster Linie ihrer Erlösung, der Besserung ihrer Lage gilt und wir Gefühls-Zionisten gerechter schon, aber nicht gerecht sind? Von der Respektlosigkeit im allgemeinen Jeder Mensch von sittlicher Lebensführung ist von einer Respektsatmosphäre umgeben, in die kein Mann von gutem Empfinden eindringen wird. Es ist dies eine Schranke des Anstands, eine moralische Bekleidung, die etwaige Blößen bedeckt, wie die Körperkleidung, deren Hüllen auch kein anständiger Mensch durchbrechen

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