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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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i\To. 6 DIE^ELT 117 höchst zahmer Weise dem Herrn Lessing seine Widersprüche vorgehalten werden, haben wir nichts gesehen und gehört. Und doch kann wohl kein Zweifel darüber sein, daß hier wirklich eine Wunde am deutschen Judentum aufgebrochen ist, daß sich hier ein Auswuchs gezeigt hat, der das ganze deutsche Judentum schänden muß*. Hat man den innern Zusammenhang nicht begriffen, der es möglich machte, daß diese Lügenserie im selben Blatt und fast zur gleichen Zeit erschien, wie jener Schulfeiernartikel? Sieht man nicht die geheimen Kräfte am Werk, die den Boden unterminieren, auf dem wir stehen? Auf der einen Seite wird der schrankenlosen Assimilation, dem ungehemmten Aufgehen im Nichtjudentum das Wort geredet. Unsere Kinder sollen im christlichen Sinne erzogen werden! Auf der andern Seite werden mit satanischem Geschick die letzten Reste des Zusammenhanges gelöst, der die deutschen Juden roch mit ihren Brüdern im Osten verbindet. Indem sie uns in ganz verlogener Manier als die Träger alles Bösen, als die Beschützer alles Lasters vorgeführt werden, und indem uns ihre judische Eigenart, die Weise, wie sie ihre Religion ausüben, persifliert und zum Gegenstand des Lachens und des Ekels gemacht wird, wird jenem Schlüsse vorgearbeitet, der sich für jeden Denkenden leicht ergibt: Wenn das Judentum dieser Menschen so lächerlich oder so ekelerregend geworden ist, wenn diese Leute, die so streng auf dem Judentum beharren, sich zu solcher Lasterhaftigkeit und Verkommenheit entwickelt haben, liegt dies nicht etwa darin begründet, daß sie eben am Judentum so festhielten? Wenn sie sich der Assimilation hingegeben hätten, wie wir deutschen Juden es getan haben, wären sie nicht auch' zu jener herrlichen Höhe gelangt, zu der wir es gebracht haben? Kann ein Judentum Wert haben, das solche Söhne erzeugt? Und sollen wir uns irgendwie mit diesen Schnorrern und Verschwörern identifizieren, die uns von authentischer Seite so abscheuerregend gezeichnet werden? Böse Krankheitssymptome zeigen sich am Leibe des deutschen Judentums. Mögen die deutschen Juden selbst die Antwort darauf geben, ob sie willens sind, mit scharfem Messer den Schandfleck zu beseitigen, oder ob es sich wirklich schon um äußere Zeichen eines innern Verfalls handelt. Er ist Dichter und Publizist und Perez Smolensky: zu seinem 25jährigen Todestag in seiner doppelten Eigenschaft eine markante Persönlichkeit; nicht als Kind seiner Zeit will er begriffen sein, sondern als Vater einer neuen Ze'it, — der nationalen Ära im Judentum. Wer der Quelle der nationalen Strömungen im Judentum nachgehen will, muß sich in erster Linie an Smolensky orientieren. Er hat keine Theorie im jüdischen Nationalismus aufgestellt, — dies ist die epochemachende Tat Krochmals, deren Fortsetzung und Kristallierung sich in Achad-Haam vollzogen hat. Smolensky ist aber der Dichter der nationalen Idee, gleichsam ihr Prophet. Aus ihm spricht das nationale Ehrgefühl, das sich vom Mendelsohnschen Rationalismus befreit und die verletzten Rechte der Individualität geltend macht. Und es ist der Pathos der gekränkten menschlichen Würde, welcher stets seine Stimme der Empörung gegen unsere seichten Humanitätler begleitet, die im Namen der Aufklärung das Judentum über Bord werfen. Und doch war er selber ein Apostel der Aufklärungsideen. Fast seine sämtlichen belletristischen Werke stellen eine bebende Kritik der verrotteten Verhältnisse im traditionellem Judentum dar. Gar vielen schweren Verfolgungen war er ausgesetzt, die wohl seinen frühzeitigen Tod — er starb als 43jähriger — mitverschuldet haben dürften. Eine ausgesprochene Kampfesnatur, ausgestattet mit einem starken Temperament der Aufrichtigkeit und des Gerechtigkeitsgefühls, schrak er nie vor den bestehenden Machtfaktoren zurück und geißelte, von den besten Motiven geleitet,- alles Morsche im jüdischen Leben. 4 So ^kämpfte er stets auf zwei Seiten: auf der einen Seite gegen die geheiligte Unbildung und ihre Folgen, die Autokratie der „Parnessim" und die gesellschaftlichen korrumpierten Zustände in der Ghetto-Gasse; auf der andern Seite gegen die Assimilationswut und ihre Blüten, die Verleugnung und Schmähung unserer nationalen Ehre. Im Gegensatze zu vielen andern Schriftstellern der Haskalah- Periode, deren Grundton die Negative ist, war Smolensky ein Verkünder einer positiven Idee. Und so war er nicht nur Mann der Feder geblieben, sondern auch der Tat, ein praktischer Vorläufer des Zionismus. Wir müssen uns versagen, seine klassische Bedeutung als Erzähler, die einen nachhaltigen Einfluß auf die Entwicklung der hebräischen Literatur hat, hier auch nur zu skizzieren. Es mag nur darauf hingewiesen werden: wiesehr die Dichterseele Smolenskys die Grundstimmung seiner publizistischen Ideen bildet, so sind anderseits seine dichterischen Schöpfungen von publizistischer Tendenz durchdrungen, was wohl ein Manko bedeutet, das aber gegenüber seinem großen Talent und seiner großen Kunst fast verschwindet. Die vom Freiheitsdusel betrunkenen Politiker Auf der Ruc.kkebr jn Rußland) die in naiver Zuversicht auf das russische Volk ihm das Schicksal des jüdischen anvertrauten und die Gunst der Liberalen auf Kosten des jüdischen Selbstbewußtseins zu gewinnen suchten, werden allmählich nüchtern und beginnen die großen Verheerungen im jüdischen Lager einzusehen, die ihre Sklaven-Moral anrichtete. Doch fehlt es ihnen an Mut, um dies auch einzugestehen, und die Rückkehr zu dem von ihnen der Politik preisgegebenen Nationaljudentum reu- und freimütig auszusprechen. Vielmehr suchen sie nach einem Sündenbock für Übernahme ihrer eignen Sünden und glauben ihn in der jüdischen Journalistik gefunden zu haben. So schreibt das vor Jahren eingegangene und seit Kurzem wieder erscheinende russische Wochenblatt „Woschod", das bekanntermaßen stets den versteckten und feigen Assimilationstendenzen diente: „Nie hat die Degeneration unter der Jugend und Intelligenz einen solchen Grad erreicht, wie in unserer Zeit. Nie waren die Juden im ökonomischen Kampfe so grausam, wie es jetzt der Fall ist. Viele Schüler aus den Mittelschulen lassen sich taufen, um in die Universität aufgenommen zu werden." Was ist der Grund des Übels? Der „Woschod" antwortet: „In der letzten Zeit hat sich die jüdische Journalistik in hohem Maße entwickelt. Sie behandelte viele wichtige und dringende Fragen, ließ jedoch die wichtigste Frage außer Acht, nämlich die Frage der nationalen Erziehung unserer Jugend und der ethischen Ideale des Judentums, ohne welche unsere Existenz jeden Sinn verliert." Wie befremdend diese fragliche Naivität des „Woschod" auch ist, der für die Entartung der jüdischen Intelligenz andere Zeitungen anstatt seiner selbst verantwortlich macht, so ist es doch ein erfreuliches Zeichen für die Beschämung unserer Widersacher, die die Rückkehr in das nationale Lager antreten und an ihre unheilvolle Vergangenheit nicht erinnert werden wollen. 9

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