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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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116 DIE^gELT No. 6 ansehen, es handelt sich wohl nur um lokale Krankheitserscheinungen an einem wichtigen Organe des deutschen Judentums. Das allgemeine Interesse verlangt, daß sie radikal beseitigt werden. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" erweckte in diesen Wochen das lebhafte allgemeine Interesse, dessen Erregung zu vermeiden sie bisher mit Konsequenz und Geschick verstanden hat. Der neue Herausgeber der Zeitung, der nach einem Gustav Karpeles die Erbschaft der Redaktion übernommen hat, der Herr Geheime Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger, hat einen Artikel über Schulfeiern geschrieben, in dem er nichts weniger als die zwangsweise Teilnahme der jüdischen Kinder an den Weihnachts- und Lutherfeiern der Schulen verlangte. Alles natürlich von wegen liberaler Gesinnung und Assimilation. Die deutschen Juden haben sich diese Herausforderung nicht gefallen lassen. Sie haben in der Presse, und sogar in der Geiger-Zeitung selbst, gegen diese Zwangschristianisierung protestiert, Volksversammlungen haben sich mit Herrn Geiger beschäftigt usw. Insofern war der Vorfall vielleicht ganz gut, als er einmal eklatant erwiesen hat, wohin die Fahrt des deutsch-liberalen Judenschiffes geht. Denn Herr Geiger ist, das kann man nicht leugnen, der typische Vertreter dieses liberalen offiziellen Judentums, und solange ihn seine Genossen nicht von der Stellung des Leiters ihres Organs entfernt haben, solange ist er eben ihr Steuermann. Über diesen Vorfall ist aber eine Affäre ganz übersehen worden, die sich gleichfalls in den Spalten der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" abgespielt hat und die uns noch viel bedeutsamer erscheinen möchte, als jener Vorschlag einer allmählichen Zwangschrisiianisierung. Unter dem Titel „Eindrücke aus Galizien" hat Herr Dr. Theodor Lessing in der Allgemeinen Zeitung eine Serie von Artikeln erscheinen lassen, in denen er es unternimmt, ein getreues Bild unserer Glaubensgenossen aus Galizien zu zeichnen. Diese Artikel sind nicht mehr und nicht weniger als die niederträchtigste und verlogenste Beschuldigung, die jemals gegen Juden zu schleudern einer gewagt hat. Solche Schmähartikel über Juden •dürften bisher kaum auch in der niedrigsten antisemitischen Zeitung gefunden worden sein. Wir wollen gar nicht davon reden, daß der Schreiber die galizischen Juden ungefähr so beschreibt, wie die Reiseschriftsteller einer vergangenen Epoche über Eskimos oder die eigentümliche Lebensweise gewisser Affenarten zu berichten pflegten. Er hat es sich zum Leitmotiv gemacht, die Juden in Galizien als einen ganz und gar minderwertigen, kulturell und moralisch rückständigen Teil des Volkes und der Menschheit darzustellen. Nach seiner Beschreibung stehen so ziemlich alle Laster, die man kennt, bei den galizischen Juden in Blüte, jedes Gefühl der Würde, des Anstandes, der Sittlichkeit geht ihnen ab. Schon aus dieser Andeutung geht die Schmähsucht, geht die Unwahrheit dieser Artikel hervor, in denen der Schreiber es unternimmt, sein eignes Nest zu beschmutzen. Daß er dies tut, ist seine Sache. Man weiß von Herrn Dr.Lessing, daß es seine Lieblingsbeschäftigung ist, nicht nur in einem Mauscheltone sondern auch in einem mauschelnden deutsch zu schreiben und Artikel zu liefern, die nachher von der „Staatsbürger-Zeitung" mit einem Ruf des Entzückens ihrem Arsenal einverleibt werden. Daß er aber eine jüdische Zeitung dazu bereit fand, sich zur Ablagerungsstätte seiner Produkte zu machen, das ist eine neue Tatsache, das ist ein böses Symptom am Organismus des deuischen Judentums, und daß es gar die „Allgemeine Zeitung des Judentums" war, verleiht der traurigen Affäre eine besondere Bedeutung. Wie es einein Verleumder schon zu gehen pflegt, hat Herr Lessing es mit der Konstruktion seiner Lügen nicht so genau genommen, und so hat er denn in seine Elaborate Behauptungen hineingebracht, die auch für jeden, der gar keine Ahnung vom galizischen Judentum haben sollte, die böse Absicht und auch die gänzliche Unwahrheit seiner Darstellung offensichtlich machen mußte —, für jeden, nur nicht für die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Es kommen da Behauptungen vor, deren faustdicke Verlogenheit so auf der Hand liegt, daß man sich fast eines Lächelns nicht erwehren kann. In seinem krankhaften Renegatenbestreben, den galizischen Juden eins auszuwischen, versteigt sich der Mann zu den blödesten Lügen. Zum Beispiel beschreibt er den Gottesdienst, dem er an einem Freitag Abend beiwohnte, und der ganz „geheim" (er hält die Chassidim für eine Geheimsekte!) war.. Wir wollen uns mit Nebensächlichem, z. B. der kindlichen Art, in der der Schreiber mehrfach den Anfang seiner Lüge am Ende vergessen hat und sich mit sich selbst in Widerspruch setzt, nicht aufhalten. Auch daß der „Vorsänger her- und hinsprang und sich in unverständlichen hebräischen Lauten überschrie", wollen wir ihm'als eine kleine Lüge weiter nicht ankreiden. Aber daß die Beter am Freitag Abend im Gottesdienst „Tefillin" trugen, das ist doch schon zu dumm, und sollte auch bei der Redaktion der Allgemeinen Zeitung nicht durchgehen. Und wenn an einer andern Stelle von einer großen Holzkiste die Rede ist, die in den Häusern an der Wand hängt, und in der das ewige Licht brennt, „von dem am Sabbath, wo kein anderes Feuer angezündet werden darf, alles andere Feuer entfacht wird", so sollte diese eine Notiz doch wohl genügen, um auch einem Redakteur der Allgemeinen Zeitung beweiskräftig zu machen, daß Herr Dr. Lessing seine Wissenschaft von irgendwo hergeholt haben mag, nur nicht von Juden und nicht aus Galizien. Daß die „Allgemeine Zeitung des Judentums" sich von einem Fälscher hineinlegen läßt, der ihr die unglaublichsten Dinge als Bestandteile des jüdischen Rituals in irgend einem Lande aufbindet, ist vielleicht mehr lächerlich als verwunderlich. Daß sie sich aber dazu hergibt, Artikeln Raum zu geben, in denen u. a. „von der naiven Selbstverständlichkeit und Freude, mit der der (sie!) polnische* Jude zu ganeffen pflegt" die Rede ist, ist doch wohl ein Skandal. Und wenn weiter gelogen wird, „die ganze Gesellschaft war erbötig, für ein paar Heller jeden Meineid zu schwören", so sollte man so viel Ehrgefühl auch bei der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" voraussetzen, daß sie derartigen niedrigen Verleumdungen des eignen Volkes nicht Raum gibt. Daß in einer Artikelserie, in der u. a. von den galizischen Juden in ihrer Gesamtheit gesagt wird, daß „diese Leute mit Gemütsruhe lügen, gaunern un4 betrügen", — erinnern wir uns, daß unsere Antisemiten ungefähr dasselbe von den deutschen Juden zu sagen pflegen —, es des weitern so dargestellt wird, als ob der Mädchenhandel, und zwar mit ihren eigenen Töchtern, die eigentliche Beschäftigung der galizischen Juden bilde, die sozusagen nichts anders tun, als auf der Straße auf Dr. Lessing zu warten, dem sie ihre Töchter anbieten, ist auch weiter nicht erstaunlich, und daß dabei dem Verleumder, der die Kühnheit besitzt, einen solchen angeblichen Mädchenhändler mit Namen und Wohnort zu nennen, das Malheur passiert, daß nachträglich festgestellt werden kann, daß es einen Mann dieses Namens in der betreffenden Stadt nicht gibt, ist bei den moralischen Qualitäten dieses Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" weiter auch nicht von Belang. Von Belang aber ist, und das kann nicht scharf genug betont werden, daß derartige niedrige Schmähartikel, die den Stempel der Verleumdung auf der Stirn tragen, in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Platz finden konnten. Das wissen wir, unter Karpeles wären sie nicht hineingekommen. Nicht nur, weil Karpeles das Judentum und die galizischen Juden denn doch etwas zu gut kannte, als daß man ihm solche Bären hätte aufbinden können, sondern auch, weil er viel zu viel Ehrgefühl besaß, als daß er ob solcher Schmutzereien eines blindwütigen Renegaten nicht in tiefster Seele errötet wäre. Dem Herrn Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. Ludwig Geiger war es vorbehalten, auch in dieser Hinsicht einen Rekord aufzustellen. Was aber noch schmerzlicher ist als der Umstand, daß eine solche Bloßstellung des Judentums in einer jüdischen Zeitung vor sich gehen konnte, ist die Tatsache, daß wir bisher nichts von einem Protest gehört haben, den diese Schmach ausgelöst hat. Außer einem Artikel in der Allgemeinen Zeitung selbst, in dem in

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