Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRQ. KÖLN, 11. Februar 1910 imirfc nd'Wn TIN "d No. 6. §e □ □□□ o REVUE DER WOCHE □oood| O Moria Es ist eine neue jüdische Organisation in Deutschland geschaffen worden. Nicht gegen die Wanderbettelei, aber gegen den Zionismus, und nicht für die Verbreitung von Denunziationen in Konstantinopei, aber für die praktische Arbeit in Palästina. Von Hamburg-Altona ist diesmal das Heil gekommen, und die deutsch-liberale Presse hat sich beeilt, der Welt von dem erschütternden Ereignis Kenntnis zu geben. Zweifellos war es unbedingt notwendig, eine antizionistische Organisation in Deutschland zu begründen. Nach der demonstrativen Wirkung des IX. Kongresses war wirklich Gefahr vorhanden, daß die deutschen Juden sich eines Bessern und für den Zionismus besännen, und man wird begreifen, daß es ein Rabbiner, ein Seelsorger, wie der hübsche Ausdruck lautet, war, der es unternahm, seine Schäflein aus der drohenden Qefahr zu erretten. Es war zwar nur Herr Oberrabbiner Lerner, der auf diesen ingeniösen Gedanken kam, und es war zwar nur Altona, wo die Idee ihren praktischen Ausdruck fand, aber das macht einem geschickten Manager nichts aus. Statt Oberrabbiner Lerner spricht man von einer Gruppe „von hervorragenden Mitgliedern der Israelitengemeinden" und statt Altona sagt man „Hamburg- Altona". Altona liegt zwar nach Heine bei Hamburg und ist „auch eine schöne Gegend", aber Hamburg-Altona macht doch mehr Eindruck und ist geeignet, den Anschein zu erwecken, als ob hinter dem Herrn Oberrabbiner, oder, wie die Zeitungsnotizen dies umschrieben, der Gruppe „hervorragender Mitglieder der Israelitengemeinden" ganz Hamburg-Altona oder zum mindesten sämtliche Juden von Hamburg- Altona usw. ständen. Und für praktische Arbeit in Palästina muß es sein, denn, so argumentiert man, das ist doch jetzt die tatsächliche Grundlage des Zionismus und gibt speziell einem Rabbiner die Möglichkeit, insbesondere die Misrachisten herüberzuziehen, ohne daß man sich mit der unangenehmen Beigabe des „Nationaljudentums" kompromittieren muß. Der Plan war vielleicht nicht einmal so ungeschickt. Daß der Herr sich verrechnet hat, indem er unsere Misrachi zu gering und seine eigene Bedeutung für die Judenheit zu hoch einschätzte, wer wollte es einem Oberrabbiner; verübeln? Die neue „Organisation" ist zwar inzwischen, wie wir vernehmen, an ihrer innern Unwahrhaftigkeit und ihrer Aufgeblasenheit bereits gescheitert, für länger als eine Woche hat ihre Lebenskraft nicht ausgereicht Wenn wir uns dennoch etwas eingehender mit ihr befassen, so geschieht dies deshalb, weil der Vorgang, so unbedeutendr^ er in seiner Wirkung auch ist, in seiner Anlage doch einen Typus darstellt. Da war der Neunte Kongreß. Wir erlebten seine mächtige Wirkung nach außen. Gerade in Hamburg und auch in Altona, aber auch sonst in der ganzen Welt und insbesondere in Deutschland erfuhren wir von einer großen Stärkung der Organisation, die er zur Folge gehabt hat. Die Mitgliedsziffern der Vereine steigen rapid, die deutsche Presse, uns bisher so ablehnend gegenüberstehend, beschäftigte sich eingehend und in sympathischem Tone mit uns. Da mochten manche Optimisten vielleicht glauben, daß auch in den Herzen solcher Freunde, wie Herr Lerner uns immer einer war, eine Ahnung von der großen Bedeutung dieser Kongresse und dieses Zionismus aufgedämmert sei, ein Gefühl für die Größe und Würde dieser Bewegung. Nun, möge uns dieser Vorfall eine Warnung sein. Noch muß es heißen: Feinde ringsum! Noch ist offenbar die Zeit der Wüstenwanderung nicht vorbei und jenes Geschlecht der Kleinmütigen und Hinterhältigen noch nicht ausgestorben, das den Weg ins gelobte Land verlegt. Entartung *m ^eben emes jeden Volkes kommen Perioden der Erniedrigung und Schwächung vor, in denen all seine gesammelte sittliche Kraft, die ganze Stärke seiner moralischen Bedeutung nicht mehr hinreichen, den Ausbruch bösartiger Erscheinungen hintan zu halten, die plötzlich die schwachgewordene Decke seiner ethischen Überzeugung sprengen und, indem sie am Volkskörper in ihrer Häßlichkeit sichtbar werden, dem Volke zur Schande gereichen und Ansteckungsgefahr ringsum verbreiten. Solche Symptome bilden dann entweder die ersten Zeichen einer im Innern stark gewordenen Zersetzung, die sich jetzt anschickt, den ganzen Körper zu ergreifen, oder es sind nur lokale Krankheitsmerkmale an einem sonst gesunden Organismus, die Folgen einer mangelhaften Pflege, die man dem oder jenem Teil des Körpers hat angedeihen lassen. Im erstem Falle ist eine Heilung ausgeschlossen: Das Volk ist für den Untergang reif, im zweiten hilft sich der Arzt mit einer Radikalkur: Mit einem scharfen Messer beseitigt er bis auf das letzte Symptom jene Zeichen einer krankhaften Spannung und befreit den Körper bis auf das geringste Merkmal von jenen Wunden, die ihn schänden. In der letzten Zeit sind innerhalb des deutschen Judentums Symptome aufgetreten, die wir nicht so streng beurteilen, daß wir sie für die «äußern Merkmale einer innern vollständigen Zersetzung 1