Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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102 DIE 2 Und daß es in schwerer Stunde für die Türkei nicht gleichgültig sein kann, ob ihr die Liebe und Hilfsbereitschaft der nicht völlig machtlosen internationalen Judeaheit zu Gebote steht oder nicht. In der Hand der jungtürkischen Regierung steht es, ob sie sich diese, seit lange bereits harrende Liebe nutzbar machen will oder nicht. Wenn ja, so muß unverzüglich ein Vorurteil fallen, das der Türkei ohne Zweifel mehr Schaden bringt als den davon Betroffenen. Es gibt noch heute keinen herzlichem, opferbereitem Freund der TüTkei, als den Zionismus. Der rote Zettel, eine Folge des Zionismus Wieder einmal taucht der rote Zettel in der Presse auf. Im „Jeune Türe" vom 26. Januar lesen wir: „Man weiß, daß die ausländischen Juden, die in Palästina landen, nur zu dreimonatigem Aufenthalt berechtigt sind. Man liefert ihnen zu diesem Behufe einen roten Erlaubnisschein aus, der gemeiniglich „Roter Paß" genannt wird. Bekanntlich hatte Talaat Bej, der Minister des Innern, seinerzeit einen Korrespondenzenaustausch mit dem Großwesir wegen Aufhebung dieses Passes. Der Großwesir hatte damals negativ geantwortet, aber der Minister des Innern war mit Entschiedenheit darauf zurückgekommen, indem er die nutzlose Willkür dieser Maßregel bewies. Da Hiltni Pascha auf diesen neuen Schritt nicht geantwortet hatte, wird Talaat Bej „mit gleicher Entschlossenheit bei dem neuen Kabinett darum vorstellig werden". Hoffen wir Erfolg und kein enttäuschendes Dementi. Übrigens hat sich der „Tiempo", der die Mitteilung des „Jeune Türe" zitiert, nicht die Gelegenheit entgehen lassen, sich zu blamieren. Er „beweist" in einer begleitenden Note klipp und klar, daß der Zionismus und seine gemeingefährliche Tätigkeit es ist, die überhaupt den roten Zettel geschaffen haben. Die Chalukah — eine zionistische Institution! Warum soll ein christlicher Korrespondent besser sein als eine jüdische Zeitung? Ein Unsinn ist des andern wert. Der famose Jerusalemer Berichterstatter des Konstantinopeler „Osmanischen Lloyd" hat wieder eine neue Weisheit ausgegraben: Die Chalukah ist eine vorn Zionismus eingeführte Institution. Der Berichterstatter zitiert zwar sofort in den folgenden Zeilen eine ganze Reihe scharfkritischer Äußerungen bekannter Zionisten gegen die Chalukah; das beweist aber anscheinend für ifyn nichts. Ob hier - nur eine grobe Unwissenheit vorliegt oder auch die Absicht, die Einwanderung der der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last liegenden Judenelemente dem Zionismus moralisch aufzubürden und damit die ganze von diesem projektierte Immigration zu kompromittieren, ist eine offene Frage. Ein Blatt von der Bedeutung des „Osmanischen Lloyd" sollte wahrhaftig mehr Sorgfalt auf die Auswahl seiner Berichterstatter legen und sich nicht über Dinge von einem Manne berichten lassen, über die er erprobtermaßen und nach dem Urteil seiner eignen engsten Kollegen im Lande absolut nicht zu urteilen in der Lage ist. Es müßte denn sein, daß der „Lloyd" es gern sieht, durch Unrichtigkeiten oder Unschicklichkeiten einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner deutschlesenden Klientel im ottomanischen Reiche sich zu entfremden. Die Aschkenasimgemeinde und das Qroßrabbinat Seit der Einführung der Konstitution hatte sich bekanntlich die Aschkenasische Kultusgemeinde aus dem früher bestehenden Aschkenasimkomitee herausgebildet und sich zu einer lebendigen Körperschaft zu organisieren versucht. Auf diesem Wege war durch die vor etwa einem halben Jahre vollzogene Einigung der Einzelgemeinden ein bedeutender Schritt nach vorwärts getan worden. Es blieb aber ein schweres Hemmnis für die gesunde Entwicklung der Gemeinde: das Qroßrabbinat. Weit nämlich davon entfernt, diesen vielversprechenden Organisationskeim in seiner Entfaltung zu unterste eth suchte diese oberste jüdische Stadtbehörde ihn auf alle mögliche Weise niederzuhalten, einerseits durch Verweigerung der Anerkennung des Gemenidenamens und -Siegels, anderseits durch Hinterziehung der Mittel für ihre Finanzgebahrung. Viele Jahre schon bestand zwar ein bis dahin nie angefochtener Vertrag zwischen Aschkenasim und Qroßrabbinat, wonach den ersteren aus den gemeinsamen Gabeliaeinkünften der Stadt ein den Steuerleistungen der deutschsprechenden einigermaßen äquivalenter Betrag von 6000 Piastern monatlich für die Bedürfnisse ihrer Schulen und gemeinnützigen Anstalten zufließen sollte. Gleichwohl hatte die erste Budgetkommission des Mischlisch unter Rabbi Nahurn diese rechtmäßig zustehenden Einkünfte in eine „Subvention" verwandelt und eigenmächtig auf 4700 Piaster herabgesetzt. Damit aber nicht gtnug, hatte der Großrabbiner sogar diese vom Misch- [ELT -----— No. 5 lisch selbst übernommene Verpflichtung nicht innegehalten, sondern erst lediglich willkürliche Beträge nach Maßgabe der Einlaufe der Gesamtgabella zugebilligt und sodann das Recht der Gemeinde auf die beanspruchte Steuerquote überhaupt bestritten, indem er die Höhe der Steuerleistungen der Aschkenasim anzweifelte. Unter den deutschsprechenden Juden herrschte über dieses Verhalten große Erbitterung, und von vielen Seiten wurde stürmisch eine völlige Separation der ottomanischen Aschkenasim von den Sepharadim verlangt. Es war das Verdienst des Präsidenten der Aschkenasimgemeinde unseres Gesinnungsgenossen Reisner, der diesen radikalen intransigenten Neigungen eine Politik der Ruhe und Mäßigung vorgezogen und alle Mittel friedli hen Ausgleichs versucht wurden. In der Tat ist es nun endlich gelungen, diese bereits kaum mehr erhoffte Einigung herbeizuführen. Ein vom Mischlisch ernanntes spaniolisches und ein von der Aschkenasimgemeinde delegiertes aschkenasisches Einigungskomitee schlugen die Brücke der Verständigung. Nachdem von seiten der Aschkenasim durch eine unzweifelbare Statistik festgestellt worden war, daß die von ihnen für die Gabella aufgebrachten Steuern mindestens, die dem alten Vertrage zugrundeliegende Höhe erreichen, ist vom Mischlisch die regelmäßige Zuführung.des im Konstantinopeler Budget vorgesehenen Betrages zugesichert worden. Diesen Vorschlag hat die Aschkenasische Kultusgemeinde in Interesse des Friedens angenommen, und damit ist das Kriegsbeil einstweilen begraben worden. Bleibt nun noch die Frage des askenasischent Rabbinats bestehen, deren Lösung der Chacharnbaschi schlechterdings nicht mehr lange wird ausweichen können. Diese Angelegenheit ist eine der eigentümlichsten. Bereits seit 1 Vs Jahren ist der Rabbiner von der Aschkenasischen Kultusgemeinde gewählt, und noch vor der Ernennung Rabbi Nahums auf den Großrabbi natsposten war die Bestätigung dieser Wahl von ihm versprochen worden. Seit damals, also über ein Jahr lang, ist aber die Bestätigung unter den haltlosesten und nichtigsten Vorwänden immer wieder hinausgeschoben worden, sodaß mancherseits in persönlichen Animositäten der Grund für dieses merkwürdige Verhalten gesucht wird. Die schleunige Erledigung dieser Formalität altein kann einem Verdachte ein Ende machen, den das oberste geistliche Oberhaupt der ottomanischen Judenheit natürlich nicht auf sich wird sitzen lassen können. Aus der österreichischen Privatgemeinde Vergangene Woche schied aus der deutsch-österreichisch-israelitischen Kultusgemeinde unter den größten Ehrenbezeugungen ihr langjähriger höchstverdienter Präsident Dr. Fried. Dieser rastlos tätige und kraftvolle Mann war im besten Sinne des Wortes ihr Führer gewesen, ihre ganze Organisation und die Schaffung der meisten ihrer Institutionen verdankt sie ihm. Ihm im wesentlichen neben einigen anderen Gleichgesinnten auf Seiten dieser Einzelgemeinde ist auch das Zustandekommen der segensreichen aschkanasischen Einigung gutzuschreiben. Er verabschiedete sich mit einem warmherzigen bemerkenswerten Appell zu weiterm brüderlichen Zusammengehen. Sein Name wird in der Geschichte der jüdischen Gemeinden Konstantinopels verzeichnet bleiben. Es bewegt sich doch Das Großrabbinat fordert durch ein Rundschreiben sämtliche Gemeinden der Hauptstadt und der Provinzen auf, ihm ein Verzeichnis sämtlichen Besitztums der Synagogen, der unbeweglichen, beweglichen und ihrer Einkünfte, sowie die Art ihrer Verwendung mitzuteilen. Die Synagoge sei entweder gesperrt oder geöffnet Diese logische Forderung stellt die „Aurore". Wie erinnerlich, war auf Betreiben des hiesigen Häuptlings des Antizionisnius durch den Großrabbiner das Verbot erlassen worden, eine Synagoge zu irgend einer öffentlichen Versammlung oder einem Vortrage zu benutzen. Dieses Verbot traf u. a. keinen geringem Mann, als den Abgeordneten Emanuel Carasso Effendi, der verhindert wurde, in der Talmud Tora-Synagoge in Salouik einen Vortrag zu halten. Sein energischer Presseprotest dagegen hatte keine Wirkung. Nun ist aber in Adrianopel plötzlich einem dortigen Advokaten die Synagoge „Italia" zu gleichem Zwecke freigegeben worden. Kein Mensch weiß, warum just denn. Böse Zungen behaupten, das sei deswegen geschehen, weil der Glückliche weder ein Zionist noch ein ottomanischer Deputierter, sondern Vorsitzender des Schulkomitees der Alliance Israelite Universelle sei'. Aus der jüdischen Presse. Vier Nummern der ersten modernhebräischen Zeitschrift der europäischen Türkei, des „Hamewasse", liegen vor. Alle sind