Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316412--52866-3346600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des Distriktskomitees", um womöglich nicht wie früher bloß den Delegierten, sondern jedem einzelnen Gesinnungsgenossen unseres Distriktes Einblick in die Tätigkeit der gewählten Leitungsorgane und den Stand unserer Bewegung zu geben. Zunächst ging das Distriktskomitee daran, den diesbezüglichen Beschluß des vorjährigen, in Olrnütz abgehaltenem Distriktstages in die Tat umzusetzen, und schuf nach mannigfachen Beratungen und Vorbereitungen diese „Mitteilungen", welche jedem organisierten Gesinnungsgenossen Mährens und Schlesiens unentgeltlich zugestellt werden, um den so notwendigen Kontakt der Gesinnungsgenossen untereinander und mit der Gesamtbewegung anzubahnen und zu festigen. Das Unternehmen steckt natürlich noch In den Kinderschuhen, und haften ihm manche Mängel an. Vor allem fehlt ihm die Mitarbeit aus den einzelnen Kreisen, um so das lokale Interesse zu heben. Wir wissen auch nicht, ob die Gesinnungsgenossen tatsächlich d»e bisherigen Nummerri zugestellt erhielten, und erwarten von den Delegierten in dieser-Frage besondere Berichte und Anregungen. Dem Ausbau und der Festigung der Organisation wendete das Distriktskomitee nach wie vor sein Hauptaugenmerk zu. Im allgemeinen konnten wir auch heuer konstatieren, daß sich die Kreiseinteilung unseres Distrikts bewährt hat. Allerdings ruht in den einzelnen Kreisen noch immer die Hauptarbeit auf den Schultern des Kreisobmannes und hängt vorläufig ganz von dessen gutem Willen und persönlicher Eignung ab. Die eigentliche Grundlage der Organisation müssen aber die Vertrauensmänner in jedem Orte bilden. Die Bemühungen des Distriktskomitees, überall solche verläßliche Mitarbeiter ausfindig zu machen, hatten jedoch nur teilweisen Erfolg, und wird hierin auch in Zukunft die Hauptarbeit zu leisten sein. Unter solchen Verhältnissen - war es auch nicht möglich, die in Aussicht genommenen Kreisleitungen einzusetzen und auf eigenen Kreistagungen die für die lokalen Bedürfnisse notwendigen Anordnungen zu treffen. Bei der großen Ausdehnung des Distrikts und schon einzelner Kreise ist nur auf diesem Wege Erspießiiches zu leisten. Das hat auch die Erfahrung bestätigt, die wir heuer im Kreise Troppau selbst machen konnten, wo allerdings das DLstriktskomitee in steter Fühlung mit dem Kreise steht, anderseits aber auch die Organisation so weit durchgeführt ist, daß ein eigner Kreistag stattfinden konnte, nachdem es in diesem Jahre zur Neugründung der Volksvereine in Mährisch-Ostrau und Oderberg gekommen war im Anschlüsse an die Agitationsversamnilungen des Gesinnungsgenossen Bechert aus Teplitz, dem auch an dieser Stelle nochmals der herzlichste Dank ausgesprochen sei. Der Mangel geeigneter Agitationsredner ist sicherlich mit daran schuld, daß der Fortschritt unserer Bewegung ein noch unbefriedigender ist. Was hier zu leisten wäre, zeigt die große Prerauer Versammlung, für die das Distriktskomitee in der Person des Gesinnungsgenossen Dr. Singer aus Prag einen gediegenen tschechischen Referenten gewonnen hatte, der unsere tschechischen Mitbürger über die Ziele unserer Bewegung hoffentlich genügend aufgeklärt hat, um manches Vorurteil und manche falsche Auffassung des Zionismus in tschechischen Kreisen endgültig zu beseitigen. Wenn wir auch den Wert der Agitationsversammlungen des jüdischen Nationalvereins in Südmähren durchaus nicht verkennen, so steht das Distriktskomitee nach wie vor auf dem vom Krakauer und in Brünn abgehaltenen westösterreichischen Parteitage festgelegten Standpunkte der Trennung der innerpolitischen Tätigkeit von der rein zionistischen Bewegung. Die Stellung unserer jüdischen Mitbürger ist in Mähren und Schlesien eine viel zu exponierte, der nationale Boden ein viel zu heißer, als daß nicht durch allzu starkes Hervorkehren der spezifisch österreichischen Politik bei den Agitationsversammlungen leicht bedauerliche Mißverständnisse entstehen könnten, wie dies auch die Bisenzer Versammlung gezeigt hat. Wo aber jeder einzelne Zionist ein geeignetes und fruchtbares Arbeitsfeld finden kann und soll, das ist die Kultusgemeinde. Die Eroberung derselben dürfen wir nie aus dein Auge verlieren und muß systematisch durchgeführt werden. Was vor Jahren schon in Troppau und heuer in Iglau möglich war, muß andern Orts auch erreichbar sein. Wie dies aber zu erreichen ist. bleibt der Einsicht und Kenntnis der Gesinnungsgenossen in jedem Orte überlassen. Die Distriktsleitung wird jederzeit denselben mit den bisher gesammelten Erfahrungen zur Seite stehen, damit endlich einmal in den Kultusgemeinden das oft rein persönliche Regime, das Festha'ten an überlebten und erstarrten Verwaltungsformen ihr Ende finden und ein neuer Geist, der Geist des zukunftsfrohen Judentums mit unsern Gesinnungsgenossen den Einzug in die Kultusstuben hält. Vor allem wird es hierbei ankommen, daß bei Vakanzen von Rubbinats- und Rel:gionslehrerstellen die hierfür geeigneten Persönlichkeiten gewählt werden, und können wir auch jetzt schon eine Reihe derselben als höchst willkommene Mitarbeiter begrüßen. Das Verhältnis zur Studentenschaft hat sich im abgelaufenen Jahre noch fester gestaltet, und kam dieses gute Einvernehmen auch gegenüber dem Vertreter des Distriktskomitees auf dem diesjährigen Studententage zum Ausdruck. Überall sind in den Ferialverbindungen die Pioniere unserer Bewegung vereint, und können wir in der nach mannigfachen Schwierigkeiten in Iglau gegründeten Hasmonaea ein neues Glied in deren Kette begrüßen. Doch eine bedauerliche Tatsache soll an dieser SteHe konstatiert werden. Gemäß dem Beschlüsse des vorjährigen Distriktstages hatte sich das Distriktskomitee die Liste der alten Herren der Studentenverbindungen unseres Distrikts verschafft und an eine ganze Reihe derselben mit dem Ersuchen um eifrige Mitarbeit gewendet Nur wenige von ihnen würdigten das Distriktskomitee ßberhaupt einer Antwort und erklärten, teils durch Beruf, teils durch soziale Stellung an der Betätigung im Zionismus behindert zu sein. Damit im Widerspruche steht aber die eifrige zionistische Arbeit vieler auch in unserer Organisation vielfach an der Spitze stehenden Akademiker; zumindest aber würde die so notwendige Mitarbeit in den Kultusgemeinden für jene Herren Gesinnungsgenossen ein geeignetes Arbeitsfeld geben und sich ohne weiteres mit jedem Beruf vereinen lassen. Vielleicht kommen diese Zeilen den Betreffenden vor die Augen und rüttein sie aus ihrer Lethargie, vielleicht übt auch die Studentenschaft auf ihre alten Herren den nötigen Druck aus, sie an die Ideale ihrer Studentenzeit etwas kräftiger zu erinnern. Jm besondern müssen wir hier der im abgelaufenen Jahr gegründeten Jüdischen Volksbank gedenken. Die Vorarbeiten wie auch die Gründung selbst ist hauptsächlich das Werk unserer Brünner Gesinnungsgenossen, doch hat das Distriktskomitee die Durchführung dieser für unsere Volksgenossen in Mähren und Schlesien volkswirtschaftlich höchst bedeutungsvollen Institution nach Kräften gefördert und hat auch dafür Sorge getragen, daß sowohl im Verwaltungswie auch Aufsichtsrate die Gesinnungsgenossen einen dominierenden Einfluß haben. Das Engere Distriktskomitee ist durch eines» seiner Mitglieder im Verwaltungsrate der Jüdischen Volksbank vertreten und weiß daher, welchen erfreulichen Aufschwung die Bank schon in der kurzen Zeit ihres Bestandes genommen hat. Die administrativen Angelegenheiten des Distriktskomitees wurden in 40 Sitzungen erledigt. Insbesondere stellten die Einhebung der Schekolini und die Durchführung der Kongreßwahlen an die Arbeitsfähigkeit der Distriktsleitung große Anforderungen. Wenn auch die Zahl der Schekelzahler gegenüber dem Vorjahre von 12S2 auf 1800 gestiegen ist, so ist diese Zunahme nur auf die eifrige Mitarbeit einzelner Gesinnungsgenossen zurückzuführen, während andere in dieser Richtung, versagten, wie dies aus der gleichzeitig veröffentlichten genauen Aufstellung der Schekelzahler ersichtlich ist. Leider sind auch heuer einige Blocks in Verlust geraten oder am Schluß des Berichtsjahrs an das Distriktskomitee noch nicht abgeliefert worden. In erfreulicher Weise hat sich das Ergebnis der Nationalfondssammlung bei uns gehoben. Der ausführliche Bericht des Nationalfondskommissärs legt dies genau dar. In einer Reihe von Orten wurden neue, ständige Nationalfondskommissäre gewonnen, doch gibt es noch immer viele Kultusgemeinden in Mähren und Schlesien ohne solche Funktionäre. Entsprechend der Zahl der abgelieferten Schekel konnte unser Distrikt diesmal neun Delegierte zum Hamburger Kongreß entsenden und war die Mehrheit derselben im Distrikt selbst heimisch. Zu den beiden in Brünn und Prag abgehaltenen Sitzungen des west-österreichischen Zentralkomitees hatte das Distriktskomitee seine Vertreter entsendet, die an diesen Beratungen sich eifrig beteiligten. Leider hat die auf dem Brünner Partei läge geschaffene west-österreichische Organisation bisher nicht die erhofften Erfolge gezeitigt, woran wohl Personalfragen zum großen Teile schuld sind. Hoffentlich wird der diesjährige west-österreichische Parteitag hierin eine Wendung zürn Bessern herbeiführen. Über den verhältnismäßig günstigen Stand der Finanzen des Distrikts wird auf dem Distriktstage selbst berichtet werden. Wir wollen noch erwähnen, daß das Distriktskornitee nach besten Kräften bemüht war, die auf Anregung der Iglauer Gesinnungsgenossen inszenierte Vortragstournee des Herrn Professors Dr. Eisler möglichst erfolgreich durchzuführen. Leider ist ihr materielles Ergebnis weit hinter den gehegten Erwartungen zurückgeblieben, und müssen sich die Veranstalter mit dem großen moralischen Erfolge dieser der jüdischen Kunst geweihten Bestrebungen begnügen. Ferner soll nicht unerwähnt bleiben das in Bielitz veranstaltete Volksfest, das sich zu einem Verbrüderungsfest mit den Gesinnungsgenossen aus dem preußisch-schlesischen Nachb.irlande und Galizit-n gestaltete und dann bei der so weihevoll verlaufenen 25jährigen Gedenkfeier in Kattowitz unter offizieller Bete l'gung des Distriktskomitees und einer Reihe von Vertretern zionistischer Vereine unseres Distrikts seine Erneuerung und Bekräftigung fand.