Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE ELT 03 No. 5 Besonders hervorgehoben zu werden verdient noch der Umstand, daß eine Interessengemeinschaft zwischen dem jüdischen Volke und dem türkischen Reiche nicht bloß im Prinzip, sondern auch in der Praxis, in der Art der Verwirklichung dieses Prinzipes besteht. Es entspricht den Interessen der gegenwärtigen Bewohner der Türkei, daß die jüdische Einwanderung keineswegs eine sporadische sei, sondern sich in einem oder mehrern Gebieten konzentriere. Denn die Argumente derjenigen Partei in der moslemischen Presse, die sich gegen die Einwanderung ausspricht, lassen sich in folgenden Worten zusammenfassen: Die Juden sind auf dem Gebiete des Handels äußerst gewandt, sie sind imstande, den ganzen Handel und die ganze Industrie den Händen der eingeborenen Bevölkerung zu entreißen, hr geistiges Niveau ist viel höher als das der gegenwärtigen Bewohner. Es wird ihnen ein leichtes sein, das ganze Kapital an sich zu reißen und die Herren des Landes zu werden. — Wenn man diesen Ultrapatrioten begreiflich machen wird, daß die jüdischen Einwanderer sich auf unbebauten und unbevölkerten Landstrichen ansässig machen können, daß sie geschlossene Gruppen bilden sollen, die in keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Beziehungen zu den Eingeborenen stehen, so werden sie, wenn sie ehrlich sind, ihre Gegnerschaft aufgeben und uns zurufen: „Bouyoursounlar" (Willkommen!), um mich des bekannten Ausdrucks zu bedienen, der die moslemische Gastfreundlichkeit kennzeichnet. In der Tat kann eine sporadische Einwanderung für die Juden von keinerlei Nutzen sein; im Gegenteil, sie .wäre geeignet, Antisemitismus zu züchten. Wenn wir jüdische Einwanderer ins Land ziehen wollen, so können wir nichts anderes tun, als das System der Kolonisation, das bisher in Palästina angewandt wurde, weiter auszubauen. Es gibt bei uns unzählige fruchtbare Gebiete von großer Ausdehnung, wo zahlreiche jüdische Städte, umgeben von jüdischen Dörfern, erstehen könnten. Im Bereiche dieser Ansiedlungen wird der Antisemitisms sich unmöglich entwickeln können, aus dem einfachen Grunde, weil es hier nur Semiten geben wird. Keiner wird den Juden ihr Wohlergehen mißgönnen oder sich in seinen Interessen durch die Tätigkeit und die Fähigkeiten unserer Brüder verletzt fühlen. Im Gegenteil, jeder wird sie bewundern und sich bestreben, von dem guten Beispiel, das sie darbieten, zu profitieren. Die ottomanischen Vaterlandsfreunde, die in den Einöden plötzlich Städte voll Leben und Glanz auftauchen sehen werden, ausgestattet mit dem ganzen Rüstzeug der modernen Zivilisation, werden sich zu einer so guten Nachbarschaft beglückwünschen, die einen wirksamen Anreiz zum Fortschritt für sie bilden und ihnen den besten Weg dazu zeigen wird. Wenn die Ottomanen im allgemeinen durch das frische Blut, das der jungen, freien und konstitutionellen Türkei auf diese Weise zuströmen wird, nur zu gewinnen haben werden, so werden die ottomanischen Juden sich ganz besonders glücklich schätzen, den Nutzen zu beobachten, den ihr Vaterland aus den Fähigkeiten ihrer Stammesbrüder zieht, die aus den Ländern der Bedrückung gekommen sind und nunmehr die Gastfreundschaft, die sie bei den Ottomanen gefunden haben, durch ihre segensreiche Regsamkeit vergelten. Sie werden hocherfreut sein, zu sehen, wie ihre Volksgenossen die moralische Kraft und das Ansehen des jüdischen Bevölkerungselements im türkischen Reich heben. Es bliebe nur noch zu prüfen, auf welche Weise die Aktion einer methodischen Einwanderung zur Durchführung gelangen kann. Dies ist die heikelste Frage, von deren Lösung der Erfolg des ganzen Unternehmens abhängt. Man könnte auf gut Glück einzelne Vilayets anführen, in denen die Errichtung städtischer oder ländlicher Ansiedlungen am leichtesten zu bewerkstelligen wäre. Es ist jedoch nicht meine Sache, auf diesen Punkt näher einzugehen, der ein gründliches Studium erfordert, welches lediglich durch eine wissenschaftliche Kommission angestellt werden kann, die die fraglichen Gebiete mit aller erforderlichen Sorgfalt zu erforschen hätte. Geehrte Versammlung! Das Werk, das der Zionismus, diese ideale Bewegung, die Tausenden unserer verfolgten Brüder Trost und Hoffnung spendet, bisher vollbracht hat, kann nur als ein bescheidener Anfang angesehen werden. Wir wünschen aus ganzem Herzen, daß die notwendige Einheit zwischen der zionistischen Organisation, die das jüdische Volk repräsentiert, und allen andern europäischen und amerikanischen Institutionen die speziell die jüdische Finanzmacht vertreten, sich auf diesem Boden vollziehen möchte. Und wenn der Zionismus sich erst der Mithilfe aller großen jüdischen Organisationen versichert hat, wird sich die jüdische Einwanderung auf diejenigen Teile des ottomanischen Reichs konzentrieren können, die, wie Palästina, die vorteilhaftesten Bedingungen bieten. Es muß jedoch betont werden, daß diese Pläne sich nicht von heute auf morgen verwirklichen lassen, während die Notstände des jüdischen Volks sich von Tag zu Tag häufen. Es gibt unter unsern Brüdern unglückliche Entwurzelte, die sich verzweifelt auf jedes neuankommende Schiff stürzen, ohne zu wissen, wohin sie gehen und was sie beginnen sollten. Für diese ist die sporadische Einwanderung eine Wohltat. Aber auch andere Kategorien von Einwanderern könnte die junge Türkei schon jetzt heranziehen. Sie könnte die jüdischen Künstler, Ingenieure, Gelehrten und sonstige Intellektuelle ins Land ziehen, Elemente, an denen wir jetzt noch großen Mangel leiden. Für diesen Zweck wäre natürlich die Schaffung einer großen Organisation auf gesunden Grundlagen erforderlich. Zunächst wären überall eigene Lokalkomitees einzusetzen, die den Interessenten die nötigen Auskünfte zu erteilen hätten. Durch eine solche Einwanderung würde die gegenwärtige jüdische Bevölkerung in der Türkei in ihrer Position gefestigt, und sie würde dann sicherlich freudig mitarbeiten, um das Ideal eines jüdischen Kulturzentrums, wie es der Zionismus anstrebt, zu verwirklichen. Was uns türkische Juden betrifft, so möchten wrir in unserer glühenden Liebe zu unserm Vaterlande nur die Worte des Sultans Bajazed IL, die er an die aus Spanien vertriebenen Juden gerichtet hat, mit einigen Änderungen wiederholen: Kommt, Brüder, ihr werdet vielleicht die undankbaren Länder, die euch zur Flucht gezwungen haben, durch euren Wegzug arm machen, ihr werdet aber das schöne und edle ottomanische Land bereichern. Kommt, — und als gute Juden wollen wir auch die Einladung wiederholen, die die jüdische Gemeinde von Saloniki im XVI. Jahrhundert an die Israeliten der Provence und Isaak Sarfati im XV. Jahrhundert an die deutschen Juden ergehen ließ: /TIS* 1ÖQ