Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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92 blE% Die jüdische Einwanderung in das ottomanische Reich Referat, erstattet auf dem IX. Zionistenkongreß Von Aloise Cohen (Schluß) Meine Herren! Wenn ich bisher einige Vorbehalte machen mußte, weil ich in meiner Eigenschaft als Jude zu ihnen "sprach, so ist ein Vorbehalt nicht angebracht, wenn man die Frage der jüdischen Einwanderung vom ottomanischen Gesichtspunkte prüft. Wenn ich in dieser Einwanderung den geringsten Nachteil für die Türkei erblicken könnte, so würde ich, der ich die Interessen meines Vaterlandes über alle andern Interessen setze, sprechen: Meine Brüder, ich nehme von ganzem Herzen Anteil an euren Schmerzen und will gern eure Bemühungen unterstützen, aber — kommt nicht zu uns. Laßt uns gemeinsam anderwärts eine Zuflucht für unsere bedrückten Volksgenossen suchen. Allein dies ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, als Ottomane betrachte ich es als meine Pflicht, die Tausende meiner Brüder, die nichts anderes als eine ruhige Stätte für ihre friedliche Arbeit suchen, zur Einwanderung in mein Vaterland einzuladen. Unser so geräumiges und so fruchtbares Land braucht nichts als emsige Arbeiter, kraftvolle Arme, denen es die unermeßlichen Schätze anvertrauen könnte, welche unser Boden in seinem Schöße birgt. Wir brauchen Millionen Einwanderer, um unsere unbevölkerten Gebiete zu besiedeln, unsere unbebauten Ländereien urbar zu machen. Die Juden sind für die Türkei das ideale Menschenmaterial. Im Gegensatz zu manchen andern Elementen sind sie fähig, sich von allen nationalen Vorurteilen frei zu machen, um treue Bürger, aufrichtige Patrioten zu werden. Sie können als Gegengewicht gegenüber gewissen Elementen der Zwietracht und des Umsturzes dienen, die bei uns um sich greifen. Kein anderes Volk wie das jüdische kann sich so leicht den Lebensbedingungen, den Empfindungen und Bestrebungen der wirklichen Ottomanen anpassen. Und die einwandernden Juden werden auch, indem sie das Land durch ihre Tätigkeit neu beleben, gleichzeitig die Saat des Fortschritts ausstreuen, getreu der zivilisatorischen Mission, die dem jüdischen Volke von Alters her eigen ist. Es ist möglich, daß diejenigen, die die jüdische Volksseele nicht kennen, von Unruhe erfüllt werden angesichts des Wiedererwachens unseres nationalen Bewußtseins, und daß sie den zukünftigen jüdischen Einwanderern separatistische Tendenzen zumuten. Alle diejenigen aber, die den wahren Charakter des Juden kennen, werden diese pessimistischen Befürchtungen in keiner Weise teilen. Die jüdische Brüderlichkeit hat den bürgerlichen Pflichten der Juden niemals Eintrag getan. Wäre dies der Fall, so müßte man alle deutschen, französischen und englischen Juden, die für die Leiden ihrer verfolgten Brüder warmes Mitgefühl hegen und nach Kräften beflissen sind, deren Los zu verbessern, als Verräter gegen ihr Vaterland ansehen, kraft der bloßen Tatsache, daß sie die jüdische Solidarität pflegen, die jüdische Brüderlichkeit betätigen. Die Geschichte lehrt uns jedoch, daß die jüdische Solidarität von den Angehörigen des jüdischen Volkes niemals etwas anderes forderte als die gegenseitige Beihilfe, um den zerstreuten Gliedern der Jakobsfamilie nach Möglichkeit ein ruhiges £ELT ~ No. 5 Dasein und Wohlergehen zu sichern. Der Jude, der ja allgemein als ein Mensch gilt, der sich von der Vernunft und den Realitäten des Lebens leiten läßt, dessen Denkart im höchsten Sinne praktisch ist, wird sich niemals blindlings einem überspannten Idealismus hingeben, der ihn bestimmen könnte, gegen diejenigen treulos zu handeln, die ihn aus dem Abgrund errettet haben; nie wird er fähig sein, das Land zu verraten, das ihn gastlich aufgenommen hat, um nachher den gierigen Wölfen, von denen er umgeben ist, als Beute anheimzufallen. Er wird sich wohl in acht nehmen, den gerechten Zorn und die verdiente Strafe seiner verratenen Freunde und selbst seiner eignen Brüder zwecklos wachzurufen. Abgesehen davon kann keine revolutionäre und meuterische Bewegung von einiger Bedeutung entstehen, wenn sie auswärts keinen Stützpunkt hat. Der jüdische Einwanderer im ottomanischen Reiche, der nach Jahrhunderten töricht genug sein wird, dem Phantom einer Unabhängigkeit nachzujagen und die Loslösung vom ottomanischen Staatsverbande anzustreben, — wo wird er eine Stütze finden können? Etwa bei seinen Brüdern in England, Deutschland oder Frankreich, die nichts anderes sind als französische, englische oder deutsche Staatsbürger und die die ersten sein werden, ein derart schmachvolles Verhalten zu verdammen? Nein, der Jude, — mag das Land, das er bewohnt, Chaldäa, Judäa oder Türkei heißen, — wünscht nichts anderes, als frei zu sein, frei in allen seinen Handlungen und Bewegungen, und im Vollbesitze aller seiner Bürgerrechte, um seine sittlichen und geistigen Eigenschaften frei entfalten zu können. Diese Bürgerrechte sind ihm aber durch die Verfassung vollständig gewährleistet, und wenn sie jemals den Bürgern des türkischen Reiches vorenthalten werden sollten, so werden es nicht die Juden allein sein, die sich erheben werden, sondern alle Ottomanen ohne Unterschied der Rasse und des Glaubensbekenntnisses. Es mag bei uns auch beschränkte und kurzsichtige Leute geben, die durch das Gespenst der Konkurrenz auf dem Gebiete des Handels und der Volkswirtschaft erschreckt sich einer jüdischen Einwanderung widersetzen werden, ohne Rücksicht auf die wahren Interessen des Vaterlandes. Allein die guten ottomanischen Patrioten werden sich durch solche nichtige und kleinliche Befürchtungen nicht beirren lassen, vielmehr werden sie die neuen Ankömmlinge mit offenen Armen aufnehmen, die berufen sind, das türkische Land durch ihre emsige Arbeit fruchtbar zu machen. Die wirklichen Jungtürken, vorausgesetzt, daß sie über unsere Aspirationen richtig informiert sind, werden uns ihre Mithilfe nicht versagen. Frei von allen Vorurteilen, beseelt vom Geiste der Duldsamkeit, ehrlich bekümmert um das Gedeihen des von ihnen wiedereroberten Landes, werden sie in jedem Juden, der ihre Gastfreundschaft in Anspruch nimmt, ein Element des Reichtums, einen tätigen Sendboten der Zivilisation erblicken. Die Interessen der jungen Türkei befinden sich also in völligem Einklang mit denen der Juden. Die Türkei kann in den Juden dasjenige finden, was sie am meisten nötig hat, nämlich betriebsame, intelligente, friedfertige Einwanderer, die über zahlreiche Hilfsquellen verfügen. Anderseits können auch die Juden in der Türkei finden, was sie so lange suchen: ein gastliches, unbebautes Land, wo sie vor dem Antisemitismus geborgen sind.