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Die Welt · 1910-01-28 · 4 (28.1.1910) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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No, 4 --= ---DIE3^ Die Juden Der Anblick der türkischen Judenheit ist kein hellerer. Sie fahren fort, politische Mimicry zu treiben und sich ohne Gegenleistung der gerade herrschenden Meinung mit Haut und Haaren zu verschreiben. Daß in der Zusammenstellung des neuesten Kabinetts wieder die Juden vollkommen übergangen wurden, berührt sie gar nicht. Man ist zufrieden, ja glücklich, wenn die Herrschenden gute Miene zeigen und dem offiziellen Vertreter ihrer Nation Höflichkeiten beweisen, die zu nichts Ernsterem verpflichten. Die nationale Ehre ist fast entschlummert. Die Schmach des roten Zettels wird nicht mehr empfunden; und wenn Rabbi Nahurn einmal Schritte getan hat, um auf seine Aufhebung hinzuwirken, so ist doch schon lange jede weitere Bemühung aufgegeben. Es muß also wohl nicht wahr sein, daß er einmal mit seiner Demission gedroht hat, für den Fall, daß seiner Intervention nicht stattgegeben werde. Er sitzt fest auf seinem Sessel wie jemals. Im übrigen wetteifert rnan wie überall in den Golusländern mit einem aufdringlichen Patriotismus, den man besonders dadurch zu beweisen •sucht, daß man einen Teil der Nation eines Mangels an diesem Gefühl bezichtigt. Denunziationen beim Kriegsgericht beginnen eine traurige Rolle zu spielen. Juden schleppen Juden vor die Behörde, die bislang Hängeurteile gegen Reaktionäre und Mörder auszusprechen hatte, und waschen ihre wenig saubere Wäsche unter den Augen der türkischen Herren. Im übrigen geschieht von den dazu eingesetzten Instanzen für das Wohl der türkischen Judenheit so gut wie nichts. Die Reorganisation der Gemeinden, die einer reorganisierenden Zusammenfassung des ganzen ottomanischen Judentums voraufgehen sollte, läßt immer weiter auf sich warten. Jerusalem ist noch immer ohne jüdisches Oberhaupt. Aus allen großen Städten kommen Klagen über die Verwahrlosung der Gemeinden und ihrer Institutionen. Von der Änderung des Chacham Chore Nisamnamnessi, unter deren Voraussetzung die Wahl des Chachambaschi seinerzeit vor sich ging, ist noch nicht die Rede. Es ist über ein Jahr her, und die Nationalversammlung ist noch nicht wieder einberufen. Es wird also wohl bei der Lebenslänglichkeit der Amtsdauer des Großrabbiners und der Mischlischmitglieder bleiben. Damit wäre dann auch die Stagnation des ganzen öffentlichen jüdischen Lebens in der Türkei verewigt. Das Volk wartet immer noch auf seine Schulen, auf die Gründung neuer, die Unterstützung bestehender und die Reform heillos verfallener. Die Gabella funktioniert seit lange bereits tadellos, aber die Schulen Konstantinopels, seine Spitäler und Waisenhäuser haben es noch nicht zu spüren bekommen. Der hebräische Unterricht ist noch wie er war, d.h. unzureichend; sogar für den türkischen ist trotz alles Ottomanisnius noch so gut wie gar nichts geschehen. Alles schleicht seinen Schneckengang weiter. Nur die Jugend ist wach geworden; aber es nützt nicht viel, da sie den veralteten Organisierungsformen zufolge doch nicht zu Einfluß gelangen kann. Die Bilanz ist trostlos. Zukunftsmusik Die Wochenrevue „El Judio" ist das erste ottomanische Preßorgan, das, den Schäden der bestehenden jüdischen Verhältnisse klar ins Auge blickend, das Ideal neuer, besserer Zustände vor der öffentlichen Meinung erstehen läßt. Es tut das nach voraufgeschickter Kritik in folgenden positiven Darlegungen: „Es ist dringend notwendig, die jüdischen Angelegenheiten in der Türkei zu konzentrieren. Wir legen großes Gewicht auf die Existenz eines historischen Oberhauptes, aber es darf nicht allein alle Interessen verwalten. Es darf nur die Krönung des Gebäudes sein, nicht seine einzige wirkende Kraft. In kurzen Worten, die Organisation der Gemeinden muß auf folgende Weise in Angriff genommen werden: Alle Ottomanen jüdischer Herkunft bilden in jeder Stadt die jüdische Gemeinde. Die Wahlen für die Lokalverwaltungskörper müssen allgemeine, gleiche, geheime und direkte sein. Alle Gemeindemitglieder müssen progressive Gemeindesteuer zahlen. Die Leitung der Gemeinden ist? vor den Wählern verantwortlich und hat bei einem Mistrauensvotum zu demissionieren. Die Gemeindeleitung hat die Pflicht, sich mit allen jüdischen Angelegenheiten und Interessen, religiösen, kulturellen, nationalen und in gewissen Punkten auch ökonomischen, des Ortes zu befassen. Sie besitzt nur die Exekutivgewalt. Die Generalversammlung jeder Gemeinde hat die gesetzgebende Gewalt für die Genieindeinteressen. Die nächsthöhere Instanz über den Gemeinden ist die Nationalversammlung in der Hauptstadt. Die Mitglieder derselben sind durch allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht aller Wähler der Hauptstadt und. der Provinzen zu wählen, und zwar auf eine beschränkte Zeit. Die Nationalversammlung hat die gesetz- KELT 81 geberische Macht für die jüdischen Interessen im ganzen Otto manischen Reiche. Die nationalen Privilegien dürfen nicht ausschließlich allein dem Oberhaupt, sondern der Gesamtnation gehören. Indes ist gleichzeitig dementsprechend von jedem einzelnen der Nation viel mehr zu verlangen, als er bisher geleistet hat. Die Aktivität in jüdischen Fragen muß zu einer Aktivität der ganzen Nation werden. Der Großrabbiner hat die Exekutivgewalt. Er ist auf beschränkte Zeit zu wählen und vor der legislativen Versammlung verantwortlich. Die Nationalversammlung gibt dem Großrabbincr zwei Ratskörper bei, einen für die geistlichen Angelegenheiten, den andern für die weltlichen. Beide sind vor der Nationalversammlung verantwortlich. Diese Organisation ist demokratisch, weil jeder Jude ohne Unterschied an der Führung der Interessen des Judentums Anteil nimmt." .... Für einen europäisch Denkenden wird kein Zweifel darüber bestehen, daß so oder ähnlich tatsächlich die Grundlinien der zukünftigen Gestaltung der ottomanischen Judenheit werden sein müssen. Von ihrer Aufstellung aber bis zur Realisierung, ja auch nur bis zur Einführung in die Denkweise der hiesigen sephardischen Juden, ist sicher noch ein weiter Weg. Sie werden gewiß noch lange Zukunftsmusik bleiben müssen. Es sei denn, daß die Massen des einfachen Volkes, das die öffentlichen Bedürfnisse am stärksten fühlt, weil es seine eigenen Lebensbedürfnisse sind, und die Jugendorganisationen, die überall ins Dasein treten und offenen Auges an die Reform des Bestehenden herangehen möchten, sich kräftig aufraffen und für die neuen Ideen in die Arena treten. Die jüdische Wohltätigkeit Bislang zeigt sich ein allgemeineres Interesse und jüdisches Leben (außer im Kampfe für und wider den Zionismus) nur erst in Angelegenheiten derWohltätigkeit. Es ist rührend, die Anstrengungen auf diesem Gebiete zu beobachten. Es ist ein Segen, daß wenigstens hier, wo eigentlich die jüdischen Gemeindeverwaltungen zu arbeiten hätten, aber gänzlich versagen, Privatinitiative zu finden ist. Es ist jetzt die Saison der Feste. Nicht der Feste, die um des Tanzens willen, sondern um der Überschüsse willen zu gemeinnützigen Zwecken veranstaltet werden. In Konstantinopel herrscht da geradezu eine atemlose Konkurrenz. Zum Besten der bestehenden Schulen dieser oder jener Organisation oder dieser oder jener Privatperson oder Zwerggemeinde, zum Besten der Armenbekleidung, zum Besten von Waisen, von Kranken, von Obdachlosen, — Fest auf Fest jagen sich um dieser Zwecke willen. Die Opferfreudigkeit bei diesen Gelegenheiten ist allen Lobes würdig, ganz besonders die Frauen und die Jugendklubs sind zu rühmen. Hier zeigt sich, daß genug Edles im Gemeinbewußtsein der spaniolischen Juden zu finden ist, das nur darauf wartet, von einer verständigen Organisationsform herausgearbeitet und zu segensvoller Blüte in sozialen Institutionen gebracht zu werden. Immer wieder und wieder ist es dasselbe, was mangelt: Organisierung. Türkische, hebräische und deutsche Sprachkurse in der Hilfsvereinsschule Auf Anregung des Herrn Schmyl Effendi, Lehrer an der Or- Tora-Schule des Hilfsvereins der deutschen Juden, hat sich in Konstantinopel, wie früher schon in Brussa, unter Patronanz hoher türkischer Persönlichkeiten, eine Organisation zur Verbreitung der Kenntnis der türkischen Sprache, „Tamimi Lissaui Osmaui1-, gebildet. Diese wird unentgeltliche Kurse für Erwachsene in zwei Sektionen einrichten. Die Leitung der Or-Tora-Schule hat zur Abhaltung dieser Kurse ihr Lokal bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Der Unterricht wird bald beginnen, da eine sehr bedeutende Anzahl von Anmeldungen meist jüdischer Teilnehmer bereits vorliegt. Ebenso sollen in den Räumen der gleichen Schule die vorjährigen hebräischen Sprachkurse für Erwachsene, demnächst wieder aufgenommen werden. Hier verspricht die Beteiligung gleichfalls eine große zu werden. Endlich soll in einem Abendkurse auch denjenigen, die sich in der deutschen Sprache zu vervollkommnen wünschen, Gelegenheit zur Fortbildung geschaffen werden. Rabbi Jakob MeTr in Konstantinopel Seit einigen Tagen weilt der Großrabbiner von Salonik als Gast in unserer Hauptstadt. Wie es heißt, soll er berufen sein, in der Angelegenheit der Jerusalemer Rabbinatszwistigkeiten seinen Rat zu erteilen. Andere wollen wissen, daß seine Anwesenheit mit der vielbesagten Reform der jüdischen Nationalorganisation, insbesondere des Zentralgroßrabbinats und der Nationalversammlung, in Zusammenhang stehe. Hoffentlich geschieht hier endlich ein wirklicher Schritt vorwärts.

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