Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Ii m M 80 DIE ELT No. 4 - I t I Jüdische Nation und einen einzigen Zionismus. Dieser kann in seinem Endziele nur politisch sein, will er die jüdischen Volksmassen hinreißen und nicht in eine Kolonisationsgenossenschaft ausarten, und in seinen Mitteln praktisch. Es gibt keinen Gegensatz zwischen politischem und praktischem Zionismus. Der eine ist das Ziel — der andere das Mittel. Hätte die Kongreßmehrheit sich von dieser Idee leiten lassen, so hätte sie weniger Kritik und mehr praktische Resultate geleistet. Dieser Programm rede ging e'ne interessante Schilderung der Kongreßeindrücke voran, die Frau Dr. Kritschewsky gab. Auch sie hat vieles an den Verhandlungen und Resolu ionen auszusetzen. Die Russen hätten sich öfter von stürmischen Gefühlen als von der berechnenden Vernunft leiten lassen, die Österreicher kleben zu sehr an ihrerLokalpolitik usw. Dr.Ginsburg, ein ausgesprochen praktischer Zionist, erwiderte auf Marmoreks Rede ungefähr folgendes: Der Gegensatz zwischen politischem und praktischem Zionismus sei kein künstlicher, sondern ein reeller, und zwar liege er auf theoretischem Gebiete. Die „Politiker'4 hätten die Illusion, daß der Zionismus die Judenfrage en gros lösen würde, daß er die ganze Jüdische Nation in sich verkörpern müsse. Die „Praktiker" seien viel bescheidener. Sie wollen in Palästina langsam, schrittweise eindringen. Sie betrachten sich als eine große jüdische Partei — und sie werden es so lange bleiben, solange sie ihr Programm nicht verwirklicht haben. Erst dann wird ihnen die ganze jüdische Nation zuströmen. Herr Hacken broch, Kongreßdelegierter aus Frankfurt a. M., wies auf die Wichtigkeit der misrachistischen Bewegung hin und hob besonders die Rede Dr. Levys aus Hamburg hervor, die für das künftige Verhalten des Zionismus programmatisch sein müsse. Als letzter Redner ergriff Herr Kimmelinann das Wort. Er betonte die Wichtigkeit des politischen Zionismus, der allein imstande ist, die Jugend zu begeistern und hinzureißen. „Dem politischen Zionismus sei es zu verdanken, wenn heute in Österreich und besonders in der Bukowina ein Erwachen aus dem Assimilationsschlummer bemerkbar ist. Fortsetzung der Debatte den 5. Februar. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Schwarze Punkte Die Großwesirkrise ist vorüber, und noch imnier wollen die dunklen Punkte am jungtürkischen Horizont nicht verschwinden. Im Gegenteil, sie häufen sich mehr und mehr, so sehr, daß pessimistisch Angehauchte schon den Trauerrand zu sehen vermeinen, zu dem sie drohen sich zusammenzusetzen. In der Tat hat man seit der Revolution noch nie so deutlich von einem Untergang der europäischen Türkei gesprochen als jetzt. Selbst in den türkischen Milieus; denn draußen in der großen Welt scheint ja das Ende der jungtürkischen Herrlichkeit fast wieder zu einem Glaubensartikel geworden. Die ewige Wiederholung dieser Überzeugung oder ihre Andeutung in der europäischen Presse wirkt schließlich unheimlich suggestiv auf die öffentliche Meinung; und ständen die Konstantinopeler Blätter nicht unter dem Zwange des endlosen Ausnahmezustandes, der ihnen die Erörterung so gefährlicher Probleme verbietet, so wäre in ihnen gewiß von nichts anderm so sehr die Rede, als von diesen düstern Wahrzeichen und Ausblicken. Die Stöße von draußen kommen aber auch gar zu häufig. Kaum haben sich die Aufregungen der Lynchaffäre etwas verzogen (um freilich ein beunruhigendes Fragezeichen zurückzulassen), als Frankreich auf den Plan tritt und mit der tunesischen Frage eine neue schwere Komplikation heraufführt. Da ist denn also nun die letzte der „befreundeten" Mächte. Rußland und Italien drohten in Racconigi, England in Mesopotamien, nun Frankreich in Nordafrika. Wieder wird dem jungtürkischen Ehrgefühl zugemutet, sich mit der Anerkennung bestehender Tatsachen — in diesem Falle des die Besetzung des türkischen Tunis durch Frankreich regelnden Vertrags von Bardo—abzufinden. Eine neue «Auflage von Bosnien. Wahrscheinlich wird die Türkei auch diesen Bissen schlucken müssen. Damit geht aber nach außen wie nach innen wieder ein Stück Prestiges verloren, ohne das ein Staat ebensowenig wie ein Individuum auf die Dauer seinen Platz behaupten kann. Dazu schaut man mit banger Spannung auf die englischen Wahlen. Der „Ikdam" sagt offen, daß der Sieg der Unionisten, der im Anzüge zu sein scheint, schwere Drohungen gegen das Wohl der Türkei in sich birgt. Er schreibt: „Die konservative Partei wird in der Orientpolitik eine energischere Richtung einschlagen und die Differenzen auf dem Balkan daher allmählich stärker hervortreten lassen. Da das Petersburger Kabinett auf eine stärkere Unterstützung von Seiten eines konservativen englischen Kabinetts rechnen kann, werden die persische Grenzfrage und die' Kretafrage in eine ernstere Phase eintreten. Das Londoner Kabinett wird in Abessinien, Ägypten und Tripolis Zwischenfälle zu erregen suchen und zur Lösung der schwebenden politischen Fragen drängen. Kurz, der SLg der englischen Konservativen ist nichts, was wir herbeiwünschen könnten." Die Nachbarn endlich nehmen eine immer gefährlichere Haltung an. Die kretischen Anführer führen ihre Annexionspläne unerschrocken weiter; der Besuch ihres Führers Veniselos in Athen läßt energischere, ihnen entgegenkommende Aktionen auch von Seiten des griechischen Mutterlandes erwarten, und die Stimmung in der Türkei ist darob sehr erregt. Am beunruhigendsten jedoch ist die Haltung der Bulgaren. Die Kündigung des bulgarisch-türkischen Handelsvertrags durch die Türkei trifft die ökonomischen Interessen Bulgariens schwer, und die Massen sind durch die scharfe Behandlung ihrer Konuationalen in Mazedonien unter der Herrschaft des" Bandengesetzes chauvinistisch überhitzt. Wer weiß wie bald der bewaffnete Konflikt losbrechen kann, der die europäische Türkei zwischen Bulgaren und Griechen, zwischen zwei Feuer bringt. Darum wird rastlos gerüstet und insbesondere für die Flotte gesammelt. Es fragt sich nur, ob die kleinen und großen Nachbarn ihr Zeit lassen werden, sich fertig vorzubereiten. Dieser eventuelle Balkankampf kann über das ganze Geschick, der Jungtürkei überhaupt entscheiden. Die Nationalitäten Die bösen Wirkungen, die wir dem berüchtigten Nationalitätenparagraphen des Vereinsgesetzes voraussagten, sind eingetroffen. Trotz des von den Jungtürken immer lauter proklamierten Schlagwortes von der Einigung der Rassen ist keine einzige der ottomanischen Nationalitäten der herrschenden Nation auch nur um Haaresbreite nähergekommen. Im Gegenteil, die Entfremdung wird immer böser. Die intimsten Jungtürkenfreunde, die Bulgaren in Mazedonien, deren Klubs bskanntlich gewaltsam aufgelöst wurden, sind zu den bösesten Feinden geworden. Der Bandenkrieg brach offen wieder aus, und soeben ist der Getreueste der Getreuen, der Banden-Anführer Sandersky, der noch in St. Stefano die Konstitution mit retten half, nach der bulgarischen Grenze hin entflohen, um die alte Bandenpolitik wiederaufzunehmen. Und diese erbitterte Feindschaft der bulgarischen Elemente in Mazedonien ist es wesentlich, die der Türkei jenseits der Grenze die bulgarische Kriegsgefahr schaffen half. Auf griechischer Seite steht es nicht viel besser; erst vergangene Woche haben in Konstantinopeler Kirchen griechische Massenversammlungen stattgefunden, die sich offiziell zwar gegen die mazedonischen Bulgaren wenden sollten, die aber genug Drohung auch gegen die Regierung implicite in sich trugen. Die Armenier grollen nach wie vor, und wenn nicht der neue Großwesir bald die Demission des armenischen Patriarchen aus der Welt schafft, kann auch auf dieser Seite wieder sehr böses Blut entstehen. Die Albanesen haben endlich klare Stellung genommen, indem sie mit Istnael Kemal an der Spitze sich der Oppositionspartei anschlössen, also sich den Jungtürken offen gegenüberstellen. Diese sogenannte „gemäßigt liberale Partei" hat sich mit den Resten der alten „Ahrar" verschmolzen und sich Ismael Kemal zum Haupt gesetzt. Das Hauptkontingent der Partei aber bilden die Araber, die fast sämtlich ihr zugehören. Nur ca. sieben ahrarische Türken zählt die Partei noch außerdem. Man hat also im wesentlichen eine mohammedanische antijungtürkische Fronde in ihr zu erblicken unter Hegemonie des Araberelements. Diese Bildung gehört zu den historischen Notwendigkeiten und muß einmal für die innere Entwicklung der Türkei ausschlaggebend werden. Das Parlament in Asche Der herrlichste aller Konstantinopeler Paläste, das Märchenwunder am Bosporus, Tschiragan, der Sitz des jungtürkischen Parlaments, ist im Laufe einer einzigen Stunde ein Raub der Flammen geworden. Die Ursache des Brandes ist nicht aufgeklärt. Obwohl keinerlei bestimmte Verdachtsgründe gegeben scheinen, wird angstvoll von reaktionärer Anstiftung gemunkelt. Besonders in der Provinz ist man aufgeregt; man glaubt, in der Hauptstadt gingen schlimme Dinge vor, die nach außen hin nur verschwiegen würden. Die Intelligenz ist furchtbar niedergedrückt. N icht nur wegen des Verlustes des großartigen Bauwerks, sondern wegen der Wirkungen im Innern des Staatslebens, die das Unglück nach sich ziehen kann. Sie beobachtet angstvoll die Haltung der Massen, die iirder Tat bezeichnend genug war. Es gibt nicht wenige im Volke, die den Brand als gerechte Strafe Gottes für die frevelnden Neuerer ansehen. Der Vorfall wird als neuer Schlag zu den vielen Schlägen betrachtet, die in dieser unglücklichen Zeit den Staat von außen und innen betroffen haben. So ist also nichts Hoffnungsfreudiges diesmal aus dem türkischen Leben zu berichten. m$%-