Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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82 DIE3^EELT No. 4 Dr. Ephraim Adler Der Zionismus hat einen schweren Verlust erlitten: Dr. med. Ephraim Adler ist in der Nacht vom 19. zum 20. Januar zu Nord rieh im Schwarzwald nach langen Leiden in der Blüte seiner Jahre dahingerafft worden. Herr Dr. Adler wurde 1855 zu Moisling bei Lübeck geboren. Nach seinen Schuliahren studierte er in Berlin und Freiburg Medizin. Schon als Student zeichnete er sich durch eine unermüdliche Arbeitsfreudigkeit und durch die Vielseitigkeit seines regen Geistes aus. Er besuchte neben den medizinischen Kollegien in Berlin das Rabbinerseminar, wirkte zu gleicher Zeit auch als Lehrer der Religion sschule der Addas Jisroel, trieb Sprachstudien und erwarb sich so für sein späteres Leben schon frühzeitig neben tiefen medizinischen Kenntnissen reiches und reifes jüdisches Wissen und eine geradezu umfassende Allgemeinbildung. Im Jahre 1882 ließ Dr. Adler sich in Lübeck als praktischer Arzt nieder. Schon nach kurzer Zeit hatte er eine umfangreiche Praxis, die ständig wuchs, und nach wenigen Jahren war er einer der gesuchtesten und beliebtesten Ärzte Lübecks. Vor allem war er ein hervorragender Diagnostiker. Das Vertrauen des hohe.i Senates berief jhn in das Medizinalkollegium und in den Ehrenrat der Lübecker Ärzteschaft, und seine Patienten hingen mit schwärmerischer Verehrung an ihm. Er war der leidenden Menschheit nicht nur ein hilfreicher Arzt, er war ihnen auch Freund und vertrauter Berater; mit gewinnender Liebenswürdigkeit kam er allen entgegen, für alle und für alles hatte er Interesse, und jedem half er, wo er nur zu helfen vermochte. Aber nicht allein als Arzt leistete Dr. Adler Hervorragendes. Der Schwerpunkt seines Wirkens lag im Judentume. Er war ein Jude in des Wortes vollkommenster Bedeutung. Von echter Religiosität erfüllt, forschte er im Qottesworte, so oft seine karg bemessene Zeit es zuließ, und all sein Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, die Lehren des Judentums in die Tat umzusetzen. So wurde sein Haus ein Mittelpunkt echt jüdischen Lebens. Jeder fand dort einen gedeckten Tisch, eine offene Hand, ein offenes Herz und reiche Geistesschätze. An zahllosen Bestrebungen, die dem Dienste des Judentums gewidmet sind, nahm Dr. Adler tätigen Anteil, oft in führender Stellung, manche auch verdanken seiner Initiative ihre Entstehung. So begründete er in Lübeck den jüdischen Gesangverein „Kaul Rinnoh" und einen hebräischen Sprachkursus; die Esra-Loge zu Lübeck im N. O. B. B., deren Expräsident er war und die er mustergültig leitete, hatte er ins Leben gerufen; zwei Jahrzehnte wirkte er als Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Lübeck, die er auch auf den Versammlungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und auf den Judentagen in Berlin vertrat, und groß ist die Zahl der jüdisch-gemeinnützigen Vereinigungen außerhalb Lübecks, denen er ein eifriger Förderer war. Vor allem aber war Dr. Adler Zionist! Bald nachdem er Herzls Weckruf vernommen hatte, war er in die Reihen des Zionismus eingetreten. Mit flammender Begeisterung erfaßte er die nationaljüdischen Ideale und mit frischern Enthusiasmus arbeitete er an ihrer Verwirklichung mit. Wenn es auch nicht in seiner bescheidenzurückhaltenden Art lag, ein Rufer irn Streite, ein Vorkämpfer zu sein, so leistete er dem Zionismus doch große und bedeutende Dienste in stiller Werbearbeit. Seinem Einflüsse ist es nicht zum wenigsten zu danken, daß die deutsche Misrachi-Föderation, deren Vizepräsident er war, immer neuen Zufluß bekam, denn seinem, des strenggläubigen Juden Beispiel schlössen sich viele an, die aus religiösen Erwägungen fern geblieben waren. Ihm verdanken wir aber auch, daß der Misrachi sich eng in die bestehende zionistische Organisation einfügte und seinen Mitgliedern vorschreibt, den zionistischen Ortsgruppen beizutreten, kurz, daß die Misrachi-Föderation ihre besondern religiösen Interessen den allgemein-zionistischen Grundsätzen angliedert. Auch als Mitglied des deutschen Zentralkomitees der zionistischen Organisation war Dr. Adler immer auf dem Posten, sein Einfluß war stets darauf gerichtet, Gegensätze auszugleichen und ein einheitliches Vorgehen zu ermöglichen. Nicht unerwähnt darf es bleiben, daß Dr. Adler einer derjenigen war, deren Takt und Geschicklichkeit es gelang, auf dem VII. Kongresse die Einigung zwischen den politischen Zionisten und den Zione Zion herbeizuführen. Er war einer unserer Treuesten und Besten! Seine Augen leuchteten, sein Antlitz strahlte wie verklärt, wenn er von unsern zionistischen Idealen sprach, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele war er unser, Und nun mußten wir ihn hergeben---- Vor etwas mehr als zwei Jahren, nachdem er sein 25 jähriges Jubiläum als Arzt gefeiert hatte, mußte er seine Praxis in Lübeck niederlegen, weil er unter der Last seines Berufes zusammengebrochen war und ein schweres körperliches Leiden sich fühlbar machte. Er siedelte nach Nordrach im badischen Schwarzwald über, begleitet von seiner trefflichen Gattin, der ihm gleichgesinnten Lebensgefährtin, die ihn mit aufopfernder Sorgfalt umgab, und übernahm dort die Leitung der v. Rothschildschen Lungenheilstätte, wo er weniger aufreibende Arbeitslast hatte und doch einen reichen Wirkungskreis ausfüllen konnte. Bis zu seinem Tode hat er dort segensreich gewaltet und im Fluge die Herzen aller gewonnen; bis zu seinem Tode ist er auch uns treu geblieben: Er hat für den Zionismus und für das Judentum auch in Nordrach unentwegt und mit voller Hingebung gearbeitet. Nun ist er dahingegangen, dieser edle Mensch, dieser treue, echte Jude. Wir werden sein Andenken in Ehren halten und ihm Dankbarkeit bewahren für das, was er uns und der Mitwelt geleistet hat. Er wird in unserer Erinnerung fortleben und uns ein Vorbild selbstlosester Pflichterfüllung sein, und wenn man die Besten unseres Volkes nennt, wird man auch Dr. Ephraim Adler nennen! Die Bestattung erfolgte am 24. Januar in Lübeck. Die jüdische Gemeinde, zahlreiche Freunde, Patienten und Verehrer des Heimgegangenen hatten sich in der Synagoge zu einer Trauerfeier zusammengefunden. Deputationen waren entsandt von dem Vorstande der Lübecker Gemeinde, vom Berliner Rabbinerseminar, von der Groß-Loge N. 0- B. B., von der Esra-Loge, der Kaiser Friedrich-Loge, der Henry Jones-Loge, der Steinthal-Loge, dem Zionistischen Aktionskomitee, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, dem Zionistischen Zentralkomitee und zahlreichen Ortsgruppen, von der Lübecker Ärzteschaft und vielen andern Korporationen. Als die Synagoge bis auf den letzten Platz gefüllt war, wurde "die Bahre von der Chrewrah-Kadischah hereingetragen und vor der Kanzel niedergestellt. Herr Rabbiner Dr. Carlebach hielt eine ergreifende Trauerrede, in der er die Verdienste des Verewigten als Jude und Mensch hervorhob und dem Schmerze über den allzu frühen Heimgang in tief zu Herzen gehenden Worten Ausdruck gab. Auch Herr Rabbiner Dr. Emanuel Carlebach-Cöln verlieh der Trauer über den unersetzlichen Verlust in einem erschütternden Nachruf ergreifende Worte. Von tiefem Eindruck in ihrer Schlichtheit waren die Abschiedsworte, die Herr Dr. Hirsch Hildesheimer-Berlin dem toten Freunde darbrachte. Nach der Trauerfeier begleitete ein schier endloser Zug von Leidtragenden den Sarg nach Moisling zum Friedhofe der Lübecker Gemeinde. In der Friedhofsallee sprachen die Herren Rabbiner Dr. Rosenack-Bremen, Dr. Ephraim Carlebach- Leipzig, Dr. Joseph Carlebach-Berlin. Namens der Zionistischen Organisation brachte Herr Dr. Kalmus-Hamburg die Beteuerungunvergänglicher Dankbarkeit zum Ausdruck für das, was der Tote dem Zionismus geleistet hat. Für den Misrachi sprach Herr Hermann Struck-Berlin wehmütige Abschiedsworte und gab bekannt, daß der Misrachi eine Dr. Ephraim Adler-Stiftung zugunsten der Tachkemoni-Schule begründet habe. Als die Abschiedsgrüße verklungen waren, wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Dumpf fielen die Erdschollen darüber, und bald bedeckte ein Grabhügel, was an Dr. Ephraim Adler sterblich war. Herzl begrüßte auf dem VI. Kongreß den Heimgegangenen mit den Worten: „Wir wissen, was wir an Ihnen gewonnen haben!" Wir wissen, was wir an ihm verloren-----—. L.