Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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76 DIE3$£ELT No. 4 empfundenen Verurteilung eines Ferrer. Und dieselbe zivilisierte Welt bleibt unbeweglich angesichts der entsetzlichen Pogrome und der ungezählten Hekatomben, die der Judenhaß alljährlich fordert. Alle Ungerechtigkeiten, alle Roheiten sind gerechtfertigt, wenn sie gegen menschliche Geschöpfe gerichtet sind, die den Namen Jude tragen. — Wir machen ja oft genug die Wahrnehmung, daß unsere eignen Brüder die schrecklichsten Antisemiten sind. Welcher Nichtjude könnte uns also die Gewähr bieten, daß er dem Obel des Antisemitismus gegenüber gefeit sei? — Gibt es nicht auch im Mond Antisemiten? fragte einst ein Humorist. — Wie können wir nun eine große, jüdische Einwanderungsaktion unternehmen, sei es auch nach der Türkei? Wer kann uns dafür bürgen, daß unter den verschiedenen Errungenschaften der Zivilisation, die die Türkei fortgesetzt aus Europa einführt, sich nicht auch die systematische Feindseligkeit gegen die Juden einschleichen wird, die von der europäischen Zivilisation unzertrennlich zu sein scheint? Zangwill stellt die Behauptung auf, daß der Antisemitismus der ständige Begleiter des Juden sei, dem Schatten vergleichbar, der einem überallhin folgt. In der Tat sehen wir bereits in der Türkei Leute, die das Schreckbild einer „jüdischen Gefahr4' zeichnen, die sie fern am Horizont als düstere Wolke heranziehen sehen .... Und man appelliert bereits an die niedrigen Instinkte der Massen, um das Volk gegen die Ansiedlung unserer Brüder aufzustacheln. Sollten wir für immer dazu verurteilt sein, auf völlige Ruhe und Sicherheit verzichten zu müssen und uns mit einer relativen Sicherheit zu begnügen? Unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart scheinen dies zu bekräftigen. Es bleibt uns also nichts übrig, als uns jener relativen Sicherheit anzupassen. Dieser Grundsatz muß uns auch als Ausgangspunkt dienen bei der Untersuchung der Frage einer jüdischen Einwanderung in die Türkei. Wenn also auch nicht anzunehmen ist, daß der Antisemitismus in unserm Lande stets unbekannt bleiben wird, so ist es doch ziemlich sicher, daß er niemals einen allgemeinen und dauerhaften Charakter wird erlangen können. Von Zeit zu Zeit wird er vielleicht in einzelnen Teilen des Reiches aufflammen, um alsbald wie ein Strohfeuer zu verglimmen. Wie ein hervorragender moderner Denker nachgewiesen hat, ist der Antisemitismus eine sehr natürliche psychologische Erscheinung; er ist die Reaktion der Mehrheit gegen die Minderheit, der sie alle Übelstände und alle Missetaten in die Schuhe schiebt. Wenn die jüdische Minorität in allen Ländern durch die bloße Tatsache ihrer zahlenmäßigen Schwäche zu leiden hat, so fällt dies bei uns aus dem einfachen Grunde fort, weil es in der Türkei eine nationale Mehrheit nicht gibt. Zwanzig verschiedene Nationalitäten bewohnen das Reich. Keine erhebt sich durch ihre numerische Überlegenheit merklich über die andern. Die Reaktion der Majorität gegen eine Minorität ist also nicht zu befürchten. Das türkische oder, besser gesagt, moslemische Element, das als das herrschende angesehen werden kann, ist vor der antisemitischen Seuche ziemlich geschützt, da es sich im großen und ganzen nicht mit dem Handel befaßt. Seine Interessen kollidieren nirgends mit denen der Juden. Außerdem gibt es, wie wir bereits ausgeführt haben, zahlreiche Berührungspunkte und verwandte Wesenszüge zwischen den Muselmanen und Israeliten. Nichts trennt sie feindlich; wohl aber gibt es eine Menge Dinge, die eine Annäherung zwischen ihnen bewirken und sie gegenseitig zu Brüdern und Bundesgenossen machen. Sollten von Zeit zu Zeit in der Türkei wirtschaftliche Streitigkeiten ausbrechen und zu einem nationalen Kampfe ausarten, so werden sie niemals die Reaktion der Mehrheit gegen die Minderheit darstellen, vielmehr werden sie im Grunde stets reine wirtschaftliche Kämpfe bleiben und auf die politischen und gesellschaftlichen Beziehungen der einzelnen Völkerschaften keinen Einfluß ausüben. Im öffentlichen Leben und in der Gesellschaft wird der Jude, wenn ein Bevölkerungsteil gegen ihn mit den Waffen des Antisemitismus ankämpfen sollte, von den andern Nationalitäten, die seine Bundesgenossenschaft suchen, auf das nachdrücklichste in Schutz genommen werden. Auf diese Weise wrefden sich die Kämpfe mit gleichen Waffen, unter gleichen Bedingungen und bei gleichen Chancen abspielen; in jedem Ealle aber wird die Regierung, die Staatsgewalt, die Allgemeinheit niemals antisemitisch sein. Es gibt auch noch eine andere geheime Kraft, die eine eventuelle antisemitische Bewegung in der Türkei von vornherein zur Ohnmacht verurteilen würde. Und diese geheime Kraft ist nichts anderes als die jüdische Solidarität. Jawohl, eine große jüdische Siedelung in der Türkei kann eine defensive Kraft haben, wie sie anderswo nicht denkbar ist. In der Türkei wird der Jude in kultureller und moralischer Beziehung seinen nationalen Charakter stets rein erhalten, weil der Einwanderer bei uns keine höhere Kultur antrifft, die seinen Geist beherrschen und in ihren Bann zwingen könnte. Weder die albanesische noch die armenische Kultur z. B. werden den Juden zu assimilieren und ihm seinen jüdischen Charakter und sein jüdisches Geistesleben zu rauben vermögen. Die Juden, die nach Deutschland, England oder Frankreich auswandern, werden mit der Zeit in kultureller und moralischer Hinsicht zu Deutschen, Franzosen oder Engländern. Sie denken, empfinden und handeln als Deutsche, Franzosen oder Engländer, mit einem Worte, sie assimilieren sich völlig, verlieren ihren jüdischen Charakter und erregen sehr oft die Verachtung der wirklichen Autochthonen ihres Adoptivvaterlandes, die in diesen Juden, die sich ihres Ursprungs schämen, mit Recht Fremdlinge ohne Selbstachtung sehen, bereit, ihr eigenes Ich, ihre Persönlichkeit zu verleugnen und preiszugeben, ungeschickte und verächtliche Schüler, die sie sklavisch, oft in kleinlicher Weise nachahmen. Bei uns kann von alledem nicht die Rede sein. In unserm Lande wird der Jude, so sehr er seinem innersten Wesen nach ottomanischer Staatsbürger werden wird, niemals Veranlassung und Neigung haben, sich in kultureller Hinsicht zu hellenisieren. Er wird nicht leicht in Versuchung geraten, seine Nationalität gegen die arabische oder kurdische zu vertauschen. Er wird in nationaler Beziehung immer Jude bleiben. In der Türkei hat man von alters her die nationale Kultur als eine geheiligte Sache angesehen. Sie galt hier immer als Privatsache, die den Staat nichts angeht. In den regierenden ottomanischen Kreisen weiß man sehr wohl, daI3 das Vaterland bei einer freien Entwicklung der nationalen Geisteskräfte der einzelnen Völkerschaften nur zu gewinnen hat, und daß das Reich, wenn die Juden in der Lage sein werden, sich frei