Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 4 ~= --- DIE] die Frage, die für die Juden der ganzen Welt recht einfach erscheint, die aber für die ottomanischen Juden überaus kompliziert ist; denn wir müssen sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten, vom ottomanischen und vom jüdischen Gesichtspunkte. Die ottomanische Judenheit hätte sich hierüber schon längst geäußert und sich mit diesem Problem sehr eingehend befaßt, wenn das neue Regime uns nicht in einem Zustande der vollendeten Desorganisation gefunden hätte. Ich erhebe also keinen Anspruch, Ihnen hier ein Spiegelbild der öffentlichen Meinung der ottomanischen Judenheit zu geben, denn es gibt heute noch keine derartige öffentliche Meinung. Ich werde mich darauf beschränken, unsere persönliche Meinung auszusprechen, die von einem großen Teil unserer Mitbürger 'geteilt wird. Die Frage der Einwanderung von Juden in die Türkei wurde unmittelbar nach der Julirevolution aufs Tapet gebracht. Die Begeisterung und der Oberschwang, die damals herrschten, die Freudenstimmung, in die wir durch unsere plötzliche Befreiung versetzt wurden, brachten es mit sich, daß wir die Hoffnung nährten, die konstitutionelle Türkei recht bald in ein gesichertes Asyl für unsere verfolgten Brüder verwandelt zu sehen. Die Türkei, das einzige Land, das von der Plage des Antisemitismus verschont geblieben ist, erschien uns als das neuzeitliche Kanaan, als das gelobte Land für die heutigen Israeliten, die die modernen Länder Mizraim, die Stätten der Knechtschaft und der Trübsal verlassen. Wir stellten uns vor, daß Tausende Juden kommen würden, um unsere Einöden in froher Arbeit mit dem Schweiße ihres Angesichts zu netzen, anstatt wie bisher die Steppen und Eiswüsten Sibiriens mit ihrem Blute zu tränken. Der Plan schien uns der Verwirklichung sehr nahe gerückt, — auf dem geraden Wege der schönen Träume. Die Fieberstimmung und die naive Zuversicht jener Zeit der politischen Befreiung hinderte uns, die Wirklichkeit klar zu sehen. Später fingen wir an, die Vorteile und Nachteile einer Auswanderung der russischen, rumänischen und sonstigen Juden in die gastliche Türkei deutlicher zu unterscheiden. Gegenwärtig ist es sehr wohl möglich, — obgleich die Lage in unserm Vaterlande noch wenig geklärt ist, — an die Untersuchung dieses Problems mit einer gewissen kritischen Strenge heranzutreten; wir können es mit einer genügenden Kenntnis der Bestandteile, aus denen es sich zusammensetzt, studieren. Die legendäre Toleranz der Türken ist überall bekannt, sie ist zu einem Gemeinplatz geworden. Aus ihr schöpfe ich mein erstes undentscheidendstes Argument zugunsten der jüdischen Einwanderung in die Türkei. Jawohl, diese Toleranz der Osmanen und die festen Bande der Freundschaft zwischen den Muselmanen und den Juden bilden für unsere Auswanderer den verlockendsten Anreiz. Was veranlaßt denn die Juden, ihr Geburtsland zu verlassen? Doch die Unduldsamkeit ihrer Bedrücker, die Geißel des Antisemitismus. Nun denn, da der Antisemitismus und die Intoleranz bei uns unbekannt sind, können die Juden vertrauensvoll zu uns kommen in der sichern Erwartung, daß sie hier Ruhe finden werden. Die Türkei hat Beweise ihrer musterhaften Duldsamkeit selbst in den alten Zeiten, zur Zeit der allmächtigen Kalifen geliefert, die den Christen außerordentliche Privilegien gewährten. Für die Juden war die Türkei mehr als tolerant; sie war ihr Schutz- IEL1 - 75 engel in den kritischen Zeiten unserer Geschichte, als der Geist der Inquisition, dessen Gifthauch ganz Europa erfüllte, Hunderttausende von Juden obdachlos machte. In den christlichen Ländern mag das gutmütigste Volk seine Sanftmut vergessen, wenn es sich um Juden handelt. Diese traurige Erfahrung haben wir im Verlaufe unserer Geschichte oft genug gemacht. Allein in den moslemischen Ländern, insbesondere in der Türkei, ist das Gegenteil der Fall. In der ganzen Christenheit sind die unwissenden Schichten der Bevölkerung allzu leicht geneigt, den Anstiftungen gewissenloser Judenfeinde Gehör zu geben, weil sie seit Jahrhunderten gewöhnt sind, in uns die Mörder des Stifters ihrer Religion zu sehen. Ein ebenso plumper und unsinniger Aberglaube hat die Wahnvorstellung eines Ritualmordes erzeugt. Dem ungebildeten Mann aus dem Volke gilt der Jude noch heute häufig genug als der Mann, der die kleinen Kinder zu religiösen Zwecken tötet. Derartiges ist in den Ländern des Islam undenkbar. Hier hat man uns niemals beschuldigt, Mohammed gekreuzigt zu haben. Niemals wurde hier die wahnwitzige Beschuldigung ausgesprochen, daß das Blut der Moslems zur Erzeugung unserer Mazzoth dienen könne. Es ist also unmöglich, daß sich in den Tiefen der moslemischen Volksseele die Keime eines Hasses gegen die Juden eingenistet hätten. Das antisemitische Gift findet hier keinen günstigen Nährboden. Überdies gibt es mannigfache historische, moralische und religiöse Bande, eine Verwandtschaft der Sitten und Bräuche zwischen den Juden und Türken, die uns vor dem Antisemitismus schützen. Dies wird durch zahlreiche Tatsachen bekräftigt, von denen ich nur eine anführe, die sich jüngst abgespielt hat, nämlich die wertvolle Hilfe, die die ausländischen Juden in Saloniki den Jungtürken in ihrem Kampfe gegen den Absolutismus angedeihen ließen. Einaibanesischer Geschichtsschreiber, der die Geschichte des Komitees Einheit und Fortschritt geschrieben hat, verzeichnet sehr eingehend die wirksame Mithilfe der fremden Israeliten in diesem Kampfe, die ja gar kein Interesse an der Befreiung der Türkei vom europäischen Joche hatten. Nach Einführung der Verfassung begrüßte die ganze jüdische Welt mit großer Freude den Anbruch der neuen Ära in der Türkei. Unsere moslemischen Mitbürger wissen sehr wohl, wie viele Juden aller Länder Turkophilen sind, genau wie auch wir wissen, wie viele Türken Philosemiten sind. Allerdings, all dies ist recht schön in der Theorie. Wenn wir es aber in die Praxis umsetzen wollen, können wir Zweifel und Besorgnisse nicht unterdrücken. Und dann sehen wir kleine Wolken den Horizont unserer Zukunft verdunkeln. Fürwahr, das Jüdische Volk wurde oft genug durch die bizarren Überraschungen des Antisemitismus enttäuscht. Unsere Feinde haben uns allzu oft selbst unsereTugenden, die uns ihre Bewunderung und ihre Wertschätzung hätten zuziehen sollen, als Verbrechen angerechnet. Die Betriebsamkeit, die Intelligenz, die treue Anhänglichkeit an das Vaterland, die bei andern Völkern Ruhmestitel bilden, sind uns gegenüber Motive des Hasses und der Verachtung. Die dehnbare Moral gewisser Kreise verdammt die Vivisektion, duldet aber gleichmütig die Niedermetzelung Tausender von unschuldigen Juden. Der Entrüstungsschrei der zivilisierten Welt machte die Mächtigen zittern und stürzte Ministerien wegen der als ungerecht