Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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mit Mißtrauen entgegen. Man prophezeite dem „phantastischen" Unternehmen ein baldiges ruhmloses Ende, ein Verlaufen im Sande. Heute würde man sich mit dergleichen Weissagungen lächerlich machen. Wir sind geblieben und gewachsen und repräsentieren eine Macht im Judentum, eine moralische und eine reale. Noch im Jahre 1906, nach den Pogromtagen, als wir die großen Organisationen einluden, sich mit uns über eine gemeinschaftliche Hilfsaktion zu verständigen, mußten wir erfahren, daß eine zionistische Initiative in den leitenden Kreisen dieser Organisationen keinen Widerhall finden konnte. Seitdem aber hat sich der jüdische Einheitsgedanke immer mehr der Geister bemächtigt, und wenn auch jetzt noch die Ära des friedlichen Zusammenarbeitens aller großen Körperschaften, die im Laufe der Zeit zum gemeinschaftlichen Wohle der Juden geschaffen worden sind, nicht gekommen scheint, so sind doch Anzeichen vorhanden, daß wenigstens in einem Teil der jüdischen Welt die Überzeugung, daß ein Zusammenarbeiten möglich und erwünscht ist, gesiegt hat. Die zionistische Leitung wird sich bemühen müssen, in der neuen Arbeitsperiode, wie sie es in der Vergangenheit getan, die außerhalb unseres engern Kreises im Judentum vorhandenen Kräfte zu der gemeinschaftlichen Arbeit für die Vorbereitung der jüdischen Heimstätte in Palästina heranzuziehen. Ob da ein Erfolg zu verzeichnen sein wird? — Man wird die Entwicklung der Ereignisse abwarten müssen und seinerseits tun, was getan werden kann. Es war eine Zeit, da verstand man unter der politischen Arbeit einer zionistischen Leitung nur die diplomatische Tätigkeit. Allmählich haben wir den Begriff Politik erweitert, und schon seit Jahren stehen wir fast ohne Ausnahme auf dem Standpunkt, daß es eine zionistische wirtschaftliche Politik gibt, die eine unentbehrliche Ergänzung der diplomatischen bildet. Eine Ergänzung, — nicht einen Ersatz! Nie und niemals wird eine zionistische Leitung — wenn sie diesen Namen noch in Ehren tragen will — das Erbteil unseres ersten jüdischen Staatsmannes aufgeben dürfen, den Herzischen Gedanken, daß eine Lösung der Judenfrage in großem Stile nicht mit kleinen Mitteln, sondern nur auf dem Wege großzügiger politischer Arbeit erreicht werden kann! Das E. A. C. wird denn auch die eingeleitete politische Arbeit sorgfältig weiter zu pflegen haben. Als eines der mächtigsten politischen Mittel betrachten wir die Aufklärung der türkischen öffentlichen Meinung im allgemeinen, insbesondere aber der jüdischen öffentlichen Meinung in der Türkei. Wir haben gesagt, was beabsichtigt wird. Was aber wird sich erreichen lassen? Wir Zionisten, alle zusammen, haben die Antwort in der Hand. Denn es ist nicht etwa ein Arbeitsprogramm des E. A. C, das hier skizziert worden ist; es ist ein Arbeitsprogramm der Zionistischen Organisation! Von der Organisation hängt es ab, inwiefern dieses Programm in der nächsten Kongreßperiode verwirklicht werden kann. Nur wenn es die Unterstützung der organisierten Zionisten findet, vermag das E. A. C. zu leisten, was man von der Leitung erwartet. Und darum wollen wir hier auch noch einmal auf das Verhältnis zwischen „Regierung" und „Opposition" — wie man zu sagen beliebt — zurückkommen. Nachdem der Kongreß das E. A. C. in seiner bisherigen Form und also auch mit dessen bekannten Tendenzen bestätigt hat, kann man ihm nicht zumuten, daß es sich in der neuen Verwaltungsperiode ohne weiteres nach den Wünschen der Oppositionsredner in der Generaldebatte richtet. Von der Annahme des oppositionellen Programms kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil ein solches überhaupt nicht besteht oder wenigstens bis jetzt, — dies sei nachdrücklich konstatiert, — weder in der Presse, noch auf dem Kongreß entwickelt worden ist. Die Leitung hat ein Programm. Es fragt sich jetzt nur, wie sich die Opposition dazu stellen wird. Wird sie wirklich der Leitung mit Mißtrauen entgegentreten, ihr die Unterstützung versagen und ihre Direktiven unbeachtet lassen? Oder wird sie mitarbeiten, um das zustandezubringen, was dem Zionismus nach der Oberzeugung der gewählten Leitung nottut. Für uns, die wir tief davon überzeugt sind, daß es auch dem schroffsten Oppositionellen nur um das Wohl unserer Bewegung zu tun ist, daß die Zionisten aus allen Lagern sich einig sind über die Grundprinzipien unserer Bestrebungen und treu zusammenhalten in dem alleinigen Verlangen nach Hilfe für das jüdische Volk — für uns kann die Antwort auf diese Frage nicht zweifelhaft sein. Die Leitung kennt keine Sieger und keine Besiegten; sie will nicht wissen, wer in Hamburg rechts gestanden hat und wer links. Sie will nur in jedem Zionisten einen Juden sehen, der mit ihr zusammen reale Werke zu schaffen versucht für das jüdische Volk, das auf uns wartet! * * Hj Und dies sei also unsere gemeinsame Stellungnahme zu der neuen Lage: Auf! A n d i e A r b e i t! Die jüdische Einwanderung in das ottomanische Reich Referat, erstattet auf dem IX. Zionistenkongreß Von Moise Cohen Geehrte Versammlung! Das unselige Gespenst des Despotismus ist in zu weite Ferne gerückt, als daß wir ottomanischenStaatsangehörigen es noch nötig hätten, eine furchtsame Zurückhaltung zu beobachten angesichts von Problemen, die unser Vaterland unmittelbar berühren. Es ist uns nicht länger gestattet, zu schweigen, wenn die Interessen der Türkei, unseres Vaterlandes, auf dem Spiele stehen. Unter den verschiedenen Fragen, die gegenwärtig in der Presse und den leitenden politischen Kreisen unserer Heimat behandelt werden, gibt es eine, die die Aufmerksamkeit der ottomanischen Vaterlandsfreunde, insbesondere aber der ottomanischen Juden, sehr lebhaft in Anspruch nimmt. Sie ist für Tausende unglücklicher Juden von überaus großer Wichtigkeit, und auch ihre Bedeutung für das ottomanische Reich darf nicht unterschätzt werden. Ich trete hier an diese Frage in meiner Doppeleigenschaft als ottomanischer Jude heran, an