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Die Welt · 1910-01-21 · 3 (21.1.1910) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mo. 3 DIE^ELT 59 wo alle Menschen gleich sind vor dem Gesetz, welches auch immer ihre Sprache und ihre Religion sein mögen. Wenn er sein Vaterland verläßt, so tut er das nicht, um sich in einem Lande anzusiedeln, in dem es beschränkende Gesetze gegen Juden und Provinzen gibj, deren Türen für die Abkömmlinge Israels verschlossen sind. Angesichts solcher Behaglichkeiten antisemitischer Gesetze und verbotener Territorien kann der russische oder rumänische Jude euch wiederholen, was Max Nordati soeben für die Assimilation gesagt hat: „Das können wir bei uns naher und billiger haben." Es gibt Dinge, die man einem despotischen Staate verzeiht, aber von einer konstitutionellen Regierung nicht hinnimmt. Das ist der Fall bei dem roten Zettel. Unter dem alten Regime beleidigte er die nationale Würde des Juden nicht Bleibt er in Anwendung in der neuen Türkei, so schließt er vor jedem ehrenwerten Juden wie vor jeder ernsten Organisation, die sich selbst respektiert, sei sie nun zionistisch oder nicht, die Türen, nicht allein Palästinas, sondern die der ganzen Türkei. Verstehen wir uns wohl. Dr. Nasim Bej sagt sehr richtig, daß bei einer jüdischen Immigration in der Türkei alle beiden Seiten ihre Rechnung finden würden: die Juden brauchen ein Asyl, die Türkei braucht das, was ihr die Juden bringen könnten. Es ist also alle Veranlassung da, sich zu verständigen. Da wären denn die Zionisten die ersten, anzuerkennen, daß die jüdische Einwanderung sich nicht auf Palästina allein zu beschränken hätte und daß die Anzahl der Kolonisten, die nach dem heiligen Lande zu leiten wären, die Grenze der ökonomischen Fassungskraft dieser Provinz nicht übersteigen dürfte. Aber der Schlüssel dieses Abkommens ist immer und vor allem: ein offenes Palästina. Solange einer der beiden Teile nicht haben wird, was er braucht, wird auch der andere nicht haben, worauf er rechnet. Und wenn es Personen gibt, die anders glauben, wenn es welche gibt, die da glauben, daß sich mit der jüdischen Würde markten lasse, so täuschen sie sich gewaltig. Die Zeit, die Erfahrung werden es sie lehren, zugleich mit viel andern nützlichen Wahrheiten. Und bis das sein wird, bis dahin werden wir warten! Die politische Lage der Türkei Der frühere Botschafter in Rom, Hakki Bej, hat als Hakki Pascha das Großwesirat angetreten. Die übrige Zusammensetzung des Kabinetts hat nicht viel wesentliche Änderung erfahren. Nur der Eintritt des berühmten Generalissimus Mahmud "Schefket Pascha, des Retters der Konstitution, als Leiter des Kriegsministeriums ist von historischer Bedeutung. Das neue Kabinett, mit Hakki Pascha als dem fähigsten und tatkräftigsten Manne der Jungtürkei an der Spitze, wird allgemein als der letzte Versuch des neuen Regimes angesehen, das Reich gegenüber den tausend Gefahren von außen und innen zu behaupten. Von seinem Erfolg oder Mißerfolg wird also vielleicht das ganze Schicksal der Türkei abhängen. Der Verstimmung Englands wegen der Lynchaffäre ist die Frankreichs wegen der tunesisch - tripolitanischen Grenze gefolgt. Das eine ist wie das andere vielleicht nur ein politischer Vorwand, um die Änderung der politischen Haltung zu motivieren. Rußland schickt Bulgarien weiter vor; die türkisch-bulgarischen Kriegsgerüchte wollen gar nicht mehr zum Schweigen kommen. Die Kreter heben die Fahne der Empörung offener wieder auf. An allen Ecken und Enden Gefahren. Hakki Pascha scheint Anschluß an Österreich zu suchen. Mahmud Schefket ist jedenfalls am Platze; es wird fieberhaft gerüstet. Bis zum Frühling kann schon eine Entscheidung fallen. Nach dem Kongresse Der Kampf um die zionistische Anschauung tobt heftiger als je. Der Redakteur des „Tiempo" geht nunmehr mit seiner französischen Broschüre in die großtürkische Welt hausieren und heimst beglückt einige faulduftende Früchte der Anerkennung seines Herostraten tums ein. Er glaubt endlich ein Opfer gefunden zuhaben; er darf Nissim Effendi Russo, den Chef des Zivilkabinetts im Finanzministerium, für seine Depesche an den Hamburger Kongreß als ottomanischen Beamten denunzieren. Man sieht, „es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken". Nissim Russo wird die Antwort nicht schuldig bleiben und offen heraustreten. Eine ottomanische Stimme über die;; Alliance" Vitalis A. Cicurel aus Smyrna sendet der „Aurore" einen offenen Brief, dem wir folgenden Passus entnehmen: „Die Kritiker der Alliance behaupten vollkommen richtig, daß die Alliance von heute nicht die von gestern ist, daß die Verwalter dieser Gesellschaft nicht von denselben Gefühlen inspiriert sind' wie einst die Cremieux, Netter und Montefiore, die glorreichen Schöpfer des Werkes, die Gründer der Schulfarm Mikweh Israel bei Jaffa. Diese großen Männer hatten, indem sie ihrem Werke die Devise beigaben „Kol Jisrael arewim s6 base", die Entwicklung des Nationalgefühls und der jüdischen Solidarität unter unsern Glaubensgenossen, mit Hilfe der Erziehung, zum Ziele. Während, den Worten der Bewunderer der Alliance zuwider, dieses Werk heute, weit davon entfernt, in die Seelen unserer Glaubensgenossen das Nationalgefühl zu pflanzen, die Assimilation propagiert. Die Kritiker des Alliancewerks zeigen euch Gründe und Proben dafür auf, daß das Programm ihrer Schulen nicht unsern Bedürfnissen entspricht, daß das Hebräische darin vernachlässigt ist, daß der Unterricht der Landessprache mittelmäßig betrieben wird und daß endlich die Mehrzahl nicht eine Spur jüdischen Gefühles in sich haben. Aber, liebe Brüder, wollt ihr die Alliance tadeln und ihr Programm, so richtet die Vorwürfe gegen euch selbst. Ist die Alliance von heute nicht die von gestern mehr, entspricht ihr Programm nicht unsern Bedürfnissen, so fällt die Schuld daran auf uns, Juden des Orients, zurück. Unsere Indifferenz ist es, die ihren moralischen Ruin verursacht. Unser Egoismus und unsere Begehrlichkeit sind ohne Grenzen. In der Tat, die Beiträge und Anhängerschaft der Alliance in den Ländern, in denen sie ihre Erziehungsaufgabe erfüllt, erreichen kaum 2 % ihres Eingangs. Überall, in Smyrna wie in den andern Städten, fehlt es an den Schulkomitees, die den Unterricht in den Allianceschulen zu überwachen hätten. Die meisten der „Association^ des anciens eleves", die die Erneuerer des Alliancewerks sein sollten, sind inaktiv. Da ist unsere Arbeit und unser ruhmreiches Werk! An uns ist es, unsere moralische und materielle Beihilfe der Gesellschaft zu leisten, die ihrem moralischen Ruin entgegeneilt. Hoffen wir, daß auch unser verehrter Großrabbi Haim Nahum Effendi, der Vertreter der jüdischen Gemeinden des Reichs und Bewunderer des Werkes der Alliance, es auf sich nehmen wird, bei dieser Gesellschaft zu intervenieren, daß das Programm ihrer Schulen geändert werde, damit sie unsern Gegenwartsbedürfnissen entsprechen können." Im jüdischen Klub von Ortaköj In allen Vororten regt es sich. Nun war es wieder Ortaköj, das seine Jugend zusammenberief, um Worte über die jüdische Frage zu hören. Dr. Risa Tewfik war der Redner. Er machte wieder seine bekannten Ausführungen über „poetischen" Zionismus, den Zionismus „der eigenen Politik", dem er seinen Zionismus, den des Schweigens, des stillen, bedingungslosen Einfiltrierens entgegensetzte. Dr. Tewfik sagt unserm Zionismus eine antisemitische Reaktion voraus, dem seinen eine Eroberung der ökonomischen Führerschaft im Lande einer „finanziellen Regierung der Juden." Er empfahl den Juden angelegentlichst, sich mit diesen Aussichten zufrieden zu geben, und nicht die idealen, traditionellen, nationalen Werte in den Vordergrund zu stellen. Eine Erwiderung auf diese Ausführungen brachte vergangene Woche die „Aurore" unter der Oberschrift „De la politique fratiche!" und in einem Entrefilet, das das Judentum dagegen verwahrt, immer nur als kommerzielle, ausbeuterische Kraft angesehen zu werden, die ihr Wesen erschöpft, indem sie finanzielle Positionen erobert. Sie setzt diesem Judentum, das eigentlich ein Judentum der antisemitischen Anschauung ist, das ideale, neue, zionistische entgegen, das mehr noch als die ökonomische auch dfe ethische Befreiung und Erhöhung unseres Volkes will. Nach dem Vortrage des Dr. Risa Tefwik drangen von außen die Klänge der „Hatikwah" herein, die von dem prächtigen Knabenchor der Ortaköjer Gemeinie angestimmt wurde. Als die zionistischen Gäste das Lokal verließen, bildete die Knabenschar in ihren gefälligen Uniformen im Vestibül und auf der Treppe Spalier und intonierte unsere zionistische Hymne von neuem. Es war ein ergreifendes und charakteristisches Erlebnis. Von den Schulen des Hilfsvereins Die Theatergruppe des „Club de la Jeunesse Israeüte" in Balat beabsichtigt, im Laufe des kommenden Monats einen Theaterabend zum Besten der Konstantinopeler Hilfsvereinsschulen zu veranstalten.

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