Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316410--52831-3346563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58 DIE3 nischen Staatsangehörigen ohne Unterschied des Glaubens zuerkannt werden. — Die Alliance steht dem Zionismus feindlich gegenüber. — Sie hat vollkommen recht. Kann man sie beschuldigen, sich mit den unglücklichen Juden nicht zu befassen? Und doch, schauen Sie, was sich in Bulgarien zugetragen hat, wo man der Alliance soviel Verlegenheiten, soviel Jammer bereitete. Ich weiß, was sie alles hier und in sämtlichen muselmanischen Ländern tut; ich weiß, was sie in Rumänien tut. Und sehen Sie, wir werden eine große Zahl rumänischer Kolonisten aufnehmen und in Mazedonien ansiedeln, wie wir deren andere haben, nahezu 45 000 bei Angora und Konia (?). Diese rumänischen Juden und alle, die gleich ihnen kommen wollen, werden offenen Armes empfangen werden; wir werden ihnen Erde und Geräte geben, wir werden ihnen beistehen, soweit wir können. Die anderen aber werden die Tür verschlossen finden. Und so werden die Zionisten, anstatt ihren Glaubensgenossen Gutes zu tun, ihnen das größte Unheil zufügen. In jedem Falle werden sie sie länger, sehr lange noch, den Verfolgungen ausgesetzt lassen und aller Art Unbill, mit der man ihnen ihr Leben verbittert, überall da, wo sie in stärkeren Massen angehäuft sind. Mögen sie handeln, wie sie es verstehen. Wir werden unserseits alles tun, was wir zur Wahrung der Interessen unseres Landes für nützlich erachten, das wir den mehr oder weniger erklärten, mehr oder weniger ernsten Begehrlichkeiten entreißen wollen. Mögen die Zionisten warten . . * * * Die Äußerungen Dr. Nasim Beys gegen unsere Bewegung sind mit Absicht ohne Vorrede hergesetzt worden, um ihren Eindruck klar wirken zu lassen. Wir sehen: eine deutlichere, heftigere Absage kann es nicht geben. Und ihre Bedeutung erhöht sich noch wesentlich, wenn festgestellt wird, daß Dr. Nasim Bey einer der ersten Führer des Komitees „Union et Progres" ist. Das wird aber gleichwohl keinen einzigen Zionisten hindern, zu bekennen, das er in jedem der so stolz hervorgebrachten Worte Irrtum und Verblendung sieht. Keines Zionisten Wille und Überzeugung wird durch sie auch nur um Haaresbreite verschoben werden. Und der zweite Teil der Nordauschen Kongreßrede besteht nach ihnen kraftvoller und herrlicher als zuvor. Der Zionismus wird abwarten, ruhig und siegesgewiß. Die Furcht vor der jüdischen „Agglomeration" wird schwinden und ebenso der Hochmut, mit dem hier auch nur Unterhandlungen oder ein objektives Studium der Frage verschworen werden. Alles das wird sich geben. . . Nur auf zwei Punkte, nebensächliche, sei hier einen Moment hingewiesen. Das sind : die versteckte Drohung, die in der Zitierung des Namens Ebbuzzia liegt und das merkwürdige Interesse, das Nasim Bey, der Türke, an der Alliance und ihren „ennuis et miseres" in Bulgarien nimmt Er ist ja auffallend unterrichtet. Ja, die Alliance ist groß und jeder Antizionist ist ihr Prophet. Dr. Nasim Bey ist der bekannte Organisator der Einwanderungen in Mazedonien, die eine Million Muhamedaner und zweihunderttausend Juden umfassen sollen . . . Und wir, heißt es, stürzen uns in Utopien, in absoluT unrealisierbare Ideen ... Es steht arg zu befürchten, wenn die Alliance und Nossig ihm nicht werden suchen helfen, mit allen Mitteln und Methoden suchen, die Juden zu finden, die bereit sind, sich zwischen die bulgarischen Dolche, die griechischen Revolver, die albanesischen Flinten und die serbischen Messer in Mazedonien behaglich niederzulassen, daß Dr. Nasim Bey auf einige Nullen an dieser Judenziffer wird verzichten müssen. Eine offene Tür ist eine gute Sache, es fragt, sich nur, wohin sie führt. Die Antwort der „Aurore" Unter der Überschrift: „Ja, wir werden warten!" erteilt die „Aurore" vom 14. Januar Dr. Nasim Bey die folgende Antwort: — Dr. Nasim Bey behauptet, das Ziel des Zionismus sei unrealisierbar. „Ihre Zionisten", sagt er, „erschrecken die türkische Masse. Und die Elite wird niemals eine Konzentration der Juden in Palästina erlauben. Niemals, absolut niemals, solange wir am Leben sind, und ich glaube, wir stehen noch nicht mit dem einen Fuß im Grabe". Wir sind nicht in der Lage festzustellen, was Dr. Nasini Bey unter dem persönlichen Fürwort „wir" versteht. In wessen Namen macht er diese Erklärung? Im Namen der jungtürkischen Elite, zu deren angesehensten Führern er zweifellos gehört? Oder im Namen der ganzen neuen Türkei, unter deren beste Söhne er zählt? Wir wissen es rieht; aber wie dem auch sei, da wir ihn von dem Fuße im Grabe sprechen hören, beeilen wir uns, ihm eine alte hebräische Beschwörungsformel entgegenzurufen: Chas wachalila! Im Gegenteil! Ihr habt, ihr — das heißt die jungtürkische Elite, das ottomanische Reich und Dr. Nasim Bey selber — ein ganzes langes £E LT ---—= No. 3 Leben vor euch, ein Leben glänzenden Fortschritts. Aber der Fortschritt ist eine Schule: man lernt Wahrheiten zu, die man nicht gekannt, und wirft Vorurteile ab, die man unerschütterlich glaubte. Dies wird auch euch geschehen, unabwendbar, wie der Tag folgt auf das Dunkel und wie auf den Winter der Frühling. Nun, bis das sein wird, bis dahin werden wir warten, Dr, Nasim Bey ist zu intelligent, um an Phantome, wie das „Königreich Juda", „Separatismus" oder dergleichen zu glauben. Er geht weiter; selbst überzeugt, daß die Integrität des Vaterlandes durch eine jüdische Konzentration durchaus nicht bedroht ist, geht er doch nicht von seiner Meinung ab. „Und wenn man uns auch alle Versicherungen der Welt geben würde, wir würden es doch zurückweisen, in Unterhandlungen einzutreten." Es ist also die Konzentration an sich, die ihn erschreckt. Aber man täte dem Freunde der Juden, der Nasim Bey ist, unrecht, wenn man vermuten wollte, seine Furcht beschränke sich einzig auf die Juden. Nein, es ist eine ganze Gedankenreihe, eine ganze politische Denkart, die sich in dieser Abneigung spiegelt, eine Denkart, die verurteilt ist, zu verschwinden. Das ist jener Schrecken vor irgend einer völkischen Anhäufung, jenes Mißtrauen gegen irgendeine Nationalität, die sich zusammenschließen will, um ihr nationales Wesen zu pflegen, das alles sind jene bekannten Züge einer politischen Konzeption, die sattsam bekannt ist wegen des — Fiaskos, das sie immer und überall erlitt. In der Türkei hat diese Konzeption weniger Aussicht auf Bestand als irgendwo anders. Man wird sich sicher eines Tages davon überzeugen, und bis das sein wird, bis dahin werden wir warten. Die Zionisten sfnd verständig genug, zu begreifen, daß die Türkei keine Ausnahme zugunsten der Juden machen wird. Jedes konstitutionelle Land muß sein festgefügtes, Ausnahmen ausschließendes, politisches System haben. Das Ziel des Zionismus ist also nur dann realisierbar, wenn es mit dem politischen System der neuen Türkei zusammenfällt. Aber Dr. Nasirn Bej wird sicherlich nicht behaupten wollen, das letzte Wort dieses politischen Systems gefunden zu haben, das dem Wesen des ottomanischen Reiches wirklich angepaßt wäre. Bei allem Respekt vor seiner Kompetenz gestatten wir uns vielmehr zu glauben, daß er sich auf dem Irrweg befindet. Die Türkei ist ein Staat von mehreren Nationalitäten; sie ist es und wird es immer sein. Ihre ganze Organisaton wird sich mit Schicksalsbestimmtheit, mit Unvermeidlichkeit dieser Eigenart anpassen müssen. Eine Furcht vor nationalen Konzentrationen wird auf die Dauer nicht bestehen können; die natürliche Tendenz jeder ethnischen Gruppe ist, sich als Einheit zu konstituieren, und ein Staat kann nicht im Widerspruch leben mit den natürlichen Tendenzen seiner Elemente,die ihn zusammensetzen. Das ist die Zukunft derTürkei. Einheit und Unteilbarkeit in der Mannigfaltigkeit. Das ist derWeg, den sie wird,wählen müssen, das System, das sie wird annehmen müssen. Wir sind von der Überzeugung hiervon durchdrungen, und tausend Anzeichen berechtigen uns zu glauben, daß der.Tag nicht mehr fern ist, wo die ganze Elite des Landes diese Überzeugung teilen wird. Wir sind sogar des frohen Glaubens, daß Dr. Nasim Bej, einer der besten dieser Elite, einer der ersten sein wird, sie zu teilen. Alsdann wird der Zionismus nichts anders sein als ein einzelner Punkt dieses politischen Gesamtsystems. Und bis das sein wird, bis dahin werden wir warten. Eine Bemerkung: Dr. Nasim Bej ist aufrichtig; er zeigt uns offen die Macht, auf die er seine Meinung stützt.- „Wenn wir die Juden aufnehmen wollen, so geschieht das unter der Bedingung, daß wir selber die Gegenden auswählen, in denen sie einzuwandern haben werden. . . . Die andern werden die Tür verschlossen finden." Die geschlossene Tür, das ist ein Euphemismus, der nichts anders besagen will als „der rote Zettel". Wir begreifen sehr wohl: es ist nicht das erste Mal, daß wir die Drohung hören, man werde den Juden den Eintritt in Palästina verbieten. Gewiß, ihr habt die Macht, das zu tun; und wir werden uns diesem Gesetz unterwerfen, wie wir uns allen ottomanischen Gesetzen unterwerfen wollen, seien sie erfreulich oder unerfreulich. Allein, ihr dürft nicht glauben, daß das ein geeignetes Mittel ist, um euch die Sympathien des un i verseilen Judentums Zugewinnen und die jüdischen Kolonisten und Kapitalien in die andern Teile der Türkei zu ziehen. Dr. Nasim Bej scheint den Prosaismus der jüdischen Rasse ein wenig zu übertreiben. Er glaubt, es genügt, den Juden „Erde und Geräte" zu geben, damit sie gleich „zu Befehl" sind. Nein, etwas schwieriger ist der Jude schon. Obwohl Nasim Bej es anspruchsvoll findet, Bedingungen zu stellen, bevor man kommt, wird er doch selbst zugeben müssen, daß es eine conditio sine qua non gibt, die der Jude wohl ein Recht hat zu stellen: das ist die Toleranz und die Gleichheit.' Er will in Ehren sein Brot verdienen, das ist wohl wahr. Aber er sucht es nur in den Ländern,