Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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56 DIE3^gELT No. Schiff und anderer wohltätiger Juden Europas und Amerikas ein polytechnisches Institut in Haifa begründet werden soll. Richten wir von hier einen Brudergruß an diese würdigen Söhne Israels! Aber beschränken wir uns nicht darauf,, das edle Gefühl zu preisen, das sie zu dieser Großtat anregt. Indem wir sie bewundern, wollen wir ihrem prächtigen Beispiel, ein jeder nach seinen Mitteln, folgen. Gibfs denn übrigens eine bessere Art der Bewunderung, als eine nützliche Nachahmung? — Um Ahnliches zu schaffen, brauchen wir nicht durchaus über solche enormen Mittel verfügen zu können. Indem wir regelmäßig für die Ölbaumspende, über deren Stand Herr Prof. VVarburg uns einen erfreulichen Berieht erstattet hat, beisteuern werden, bereiten wir en miniature für die Zukunft dasselbe vor, was die großen Philanthropen für die Gegenwart leisten. Wenn diese Stiftung über 4—5 Millionen verfügen wird, — das wird wohl nicht vor dem Ablauf von ungefähr 20 Jahren der Fall sein, — aber was bedeuten 20 Jahre im Leben unseres Volkes? — und wenn sie 500 000 Frs. Einkünfte haben wird, so wird auch unser Lieblings-- traum von der Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem verwirklicht werden können. Wir werden unser Selbstbewußtsein wiedergewinnen und unsere moralische Befreiung als nationale Gruppe anbahnen. Das ist die Vorbedingung für die Erreichung unseres Ideals. Man spreche nicht von unüberwindlichen Schwierigkeiten. Was reiche Leute überall machen können, was zwei christliche Gesellschaften in Beirut vermocht haben, das wird das jüdische Volk sicherlich in unserm teuren, unvergeßlichen Zion vermögen. Eine jüdische Universität in Jerusalem, die für das Ansehen des allgemeinen Judentums so wichtig ist, würde ganz besonders zur Entwicklung der ottomanischen Juden ' beitragen, und daher wünschen diese noch eifriger und sehnlicher als alle andere eine schleunige Verwirklichung dieser schönen und großen Idee. Indem wir dem glücklichen Tag entgegensehen, wo wir Ärzte, Apotheker, Ingenieure, Advokaten und Agronomen haben werden, die in'Palästina in unserer zukünftigen Universität ihre Studien absolviert haben, müssen wir noch ernstlich die Frage der Ausbildung unserer Rabbiner erwägen. Es ist dies eine sehr verwickelte und schwierige Frage. - Die Ausbildung der Rabbiner ist einGegenstand von hochwichtiger Bedeutung. Auf dem Gebiete der geistigen, moralischen und sozialen Entwicklung der Juden 'der Türkei werden die Rabbiner zweifellos eine bedeutende Rolle spielen. Wie überall, so auch im Orient sind die religiösen Studien in letzter Zeit einer großen Vernachlässigung anheimgefallen. Es wird immer schwieriger, für die vakanten Posten wahrhaft tüchtige Rabbinatskandidaten ausfindig zu machen. Der Versuch, den die Alliance in Konstantinopel gemacht hat, um diesem Übel abzuhelfen und den Mangel zu ersetzen, kann als vollständig gescheitert betrachtet werden. Trotz der wissenschaftlichen Tüchtigkeit und den hingebungsvollen Bemühungen des Gelehrten Abraham Darion hat das Rabbinerseminar, das seiner Leitung anvertraut worden ist, keine nennenswerten Resultate ergeben. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich diesen Mißerfolg der schlechten Wahl des Ortes zuschreibe. Konstantinopel ist nicht der Ort, wo ein jüdisches Seminar schon jetzt sich gedeihlich entwickeln könnte. Ein wohlorganisiertes Rabbinerseminar, eine echte theologische Akademie ist uns unumgänglich nötig, nicht nur für unsere Hebung, sondern auch für eine richtige Pflege unseres Privatlebens. Sind wir ja ebenso zahlreich wie die deutschen Juden, die drei große Seminare und mehrere Zentren religiöser Studien zweiten Ranges besitzen, während bei uns die alten Anstalten dieser Art fast gar keine praktischen Resultate ergeben, auf dem Aussterbeetat stehen, ohne neuen Institutionen den Platz zu räumen. Ich möchte in aller Kürze eine höhere religiöse Unterrichtsanstalt in dem am besten dafür geeigneten Orte gegründet sehen, d. h. in Palästina, von zahlreichen Studierenden, die sich für das Rabbineramt vorbereiten, besucht, damit wir das Recht haben, das alte Prophetenwort ertönen zu lassen: Denn aus Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes aus Jerusalem. Als sechsten Progrämmpunkt in der Reihenfolge der für unsere Hebung notwendigen Arbeiten betrachte ich die Schaffung. von Volksbanken, Sparkassen, Arbeiterhäusern, Konsumvereinen und Anstalten aller Art, die der gegenseitigen Hilfe und der sozialen Fürsorge gewidmet sind. Ich muß feststellen, daß auch in dieser wie in jeder andern Hinsicht wir im großen und ganzen nicht nur im Vergleich mit unsern Stammesgenossen fortgeschrittener Länder, sondern auch im Vergleich mit den Nichtjuden unseres Landes weit nachstehen. Wir müssen hier Wandel schaffen. Wir müssen uns aufraffen, um auf den ersten Plan sozialer Tätigkeit in allem, was den menschlichen Fortschritt betrifft, vorzudringen. Das beste Mittel, welches uns als Handhabe dienen könnte, ist meines Erachtens die Ausbreitung der zwei jüdischen Banken, der Anglo-Palestine-Company und der Anglo-Levantine-Bank. Das Kapital dieser Banken müßte bedeutend erhöht werden, damit sie in den Stand gesetzt werden, Filialen in allen bedeutenden Städten der Levante zu eröffnen, so daß man in der Geschäftswelt mit ihnen rechnen müßte. Man braucht kein Finanzgenie zu sein, um zu begreifen, daß jeder merkliche Fortschritt in den Geschäften beider obenerwähnten Banken notwendigerweise einen wohltätigen Einfluß auf die soziale Lage der türkischen Juden ausüben wird. Ich versteige mich nicht zu der Behauptung, daß unsere soziale Entwicklung von dem Erfolg dieser beiden Banken abhänge, aber ich kann ohne Übertreibung meine Ansicht dahin äußern, daß unser Fortschritt viel rascher vor sich gehen würde, wenn diese Banken anstatt, wie jetzt über 100000 bis 150000 über 500000 bis 600000 £ verfügen würden. Wenn diese Banken ihre Filialen in allen jüdischen Zentren, eine jede in den richtigen Grenzen ihres Arbeitsgebiets, haben werden, wenn ihre Mittel einen größern Umfang erreicht haben werden, wird es der Anglo- Palestine-Company und der Anglo-Levantine-Bank möglich sein, im größten Umfange unsere Bemühungen für die Schaffung sozialer Anstalten gegenseitiger Fürsorge, deren Mangel von uns schwer empfunden wird, tatkräftig zu fördern. Indem wir für die Entwicklung dieser Banken arbeiten, arbeiten wir zugleich an unserer eignen Hebung, die sich nicht nur auf unsern sozialen, sondern auch auf unsern geistigen und sittlichen Fortschritt erstrecken würde. Wir wollen nun den siebenten Punkt unseres Programms beleuchten. Als diesen Punkt betrachten wir die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes. Ich betone