Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 3 DIE^ELT 55 Es liegt die Notwendigkeit vor, sowohl die Talmud- Thoras und Chedarim-, als auch die Alliance-Schulen einer gründlichen Reform zu unterziehen. Diese Reformen, wenn sie wirksam sein sollen, erfordern einen großen Geldaufwand. Das ist aber nicht alles. Man kann zwar mit Hilfe des Oeldes verschiedenartige Schulen begründen, in denen sowohl das Hebräische als auch das Türkische erfolgreich gelehrt würde, doch dies genügt nicht, um eine große Institution von ihrer Schablone abzubringen. Von seiten derTalmud-Thoraswie auch von der der Alliance begegnet man einem lebhaften Widerstande, der uns leicht erklärlich bei den erstem, doch unbegreiflich bei der letztern erscheinen muß. Es ist eine Tatsache, daß es der Alliance unmöglich ist, sich über ihre Vergangenheit hinwegzusetzen; sie ist nicht imstande, sich ihres Personals zu entledigen; wenn sie auch den innigsten Wunsch hegte, sowohl für das Hebräische als Türkische zu arbeiten, sie würde auf einen Indifferentismus stoßen, ja manchmal sogar auf Widerwillen seitens ihrer Direktoren, die stets gegen alles, was ihnen keine persönlichen Vorteile bietet, voreingenommen sind. Eine gründliche Reform unserer Talmud-Thoras und Allianceschulen wird eine schwere Aufgabe bilden, aber wir müssen daran schreiten, denn wir dürfen nicht vergessen, daß unsere intellektuelle und moralische Entwicklung hauptsächlich von guten Schulen abhängig ist. Wir zollen alle Achtung den Gründern, Stiftern und Mitgliedern der Alliance, deren Erfolg wir hier anerkennen, — doch können wir nicht umhin, ihre gegenwärtige Administration zu tadeln, sofern sie in ihren Irrtümern beharrt, den Unterricht in der türkischen Sprache jetzt, wie auch in frühern Zeiten, vernachlässigt und der jungen jüdischen Generation im Orient die hebräische Sprache nicht beibringt. Wir werden immer dasselbe wiederholen und hoffen, daß unsere Stimme vernommen wird. Sollen wir auf die Notwendigkeit der Gründung neuer Schulen bestehen? Sowohl in Konstantinopel als auch in Saloniki, Smyrna, Adrianopel, Damaskus, Aleppo, Bagdad usw. — ist das Schulwesen noch sehr unvollkommen, nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ. . Bei dieser Gelegenheit will ich auf die Notwendigkeit der Herausgabe eines Jahrbuchs der ottomanischen Juden noch einmal zurückkommen. Ein Jahrbuch könnte auch in diesem Falle Aufschluß geben einerseits über die Zahl der jüdischen Kinder im Schulalter, die in den Straßen herumlaufen, anderseits über die Zahl der Kinder in den Ordensschulen, Missionsschulen und vielen andern Schulanstalten, die allem, was den jüdischen Stempel trägt, feindlich gegenüberstehen. Diese jüdischen Kinder, die ich als für das Judentum verloren betrachte, zählen leider zu Tausenden. Wir wollen nicht verhehlen, daß es keine leichte Aufgabe ist, alle diese, durch unsere Schuld verirrten Schäflein zu ihrer Herde zurückzubringen. Auf alle Fälle ist es notwendig, daß alle unsere Schulen, sowohl die Talmud-Thoras wie auch die Unterrichtsanstalten, die von der Alliance, dem Hilfsverein der deutschen Juden, den Gemeinden oder von andern Organisationen begründet worden sind oderwerden sollen, einen tüchtigen hebräischen Unterricht pflegen und sich mit Bezug auf den türkischen Unterricht an das offizielle Programm der Regierungsschulen anpassen. Das kann uns nur zum Nutzen gereichen. Der Elementarunterricht, den wir unsern Kindern in unsern eigenen Schulen angedeihen lassen, vermag es nicht und wird es nie vermögen, sie erfolgreich für den Kampf ums Dasein auszurüsten. Um einen wirklichen Fortschritt zu erzielen, ist es notwendig, dem Bedürfnis nach einem Mittel- und höhern Unterricht Rechnung zu tragen. Diesen Unterricht kann man nur in den Staatsschulen genießen, die jedoch dem größten Teil unserer Jugend infolge ihrer vollständigen Unkenntnis des Türkischen verschlossen sind und die erst dann für sie zugänglich sein werden, wenn der Unterricht der türkischen Sprache in unsern Schulen einen ihm gebührenden Platz einnehmen wird. Allein, nach der Verwirklichung dieser Reform werden wir vor eine neue Aufgabe gestellt werden. Wir werden eine Anzahl begabter junger Leute vor uns sehen, die keine Mittel besitzen, um sich höhern Studien widmen zu können. Es wird also notwendig sein, durch Stipendien und ähnliche Einrichtungen einer tüchtigen und strebsamen Jugend die Mittel für ihre Ausbildung zu verschaffen. Diese Fürsorge würde den vierten Teil unseres Programms bilden. Ich möchte den Gedanken nicht aufkommen lassen, als wäre es meine Absicht, die wichtige Aufgabe der Unterstützung befähigter junger Leute und der Förderung ihrer höhern Studien zurückzustellen, solange unser ganres Schulwesen nicht gründlich umgewandelt worden ist. Das wäre ein verhängnisvoller Fehler. Die Unterstützung und die Förderung junger Leute muß unverzüglich in Angriff genommen werden, um so mehr, als die Ergebnisse dieser Tätigkeit doch erst nach einer längern Zeit an den Tag treten können, da die betreffenden jungen Leute längere Studien absolvieren müssen, um sich dann zum Wohl unserer Gesamtheit nützlichen Karrieren widmen zu können. Man müßte schon jetzt die Gründung von Darlehnskassen fördern, aus denen nach Fortbildung strebende Lehrer und bildungsbedürftige Leute Unterstützung erhalten könnten. Diese Kassen würden die Grundlage für eine allgemeine Kasse zur Förderung jüdischer Studierenden bilden. Ich halte es für überflüssig, über die Tragweite einer solchen Einrichtung WTorte zu verlieren. Bildet ja die Unterstützung der studierenden" Jugend einen Gegenstand sorgsamer Pflege in allen jüdischen Gemeinden Europas und Amerikas. Es ist sicher, daß auch die jungen Juden der Türkei sich allen andern ihrer Stammesgenossen ebenbürtig zur Seite stellen werden, wenn wir ihnen den notwendigen Beistand und Schutz gewähren werden. Wir müssen auch dafür sorgen, — und das ist der fünfte Punkt unseres Programms, — die Gründung jüdischer Mittel- und Hochschulen tatkräftigst zu fördern. Diese Schulen könnten eine ganz höhe Bedeutung in Palästina erlangen, das ein Zentrum jüdischer Kultur sowohl für das ottomanische wie auch für das Weltjudentum zu werden bestrebt ist. Nichts kann mit der wohltätigen Wirkung für die Hebung unserer nationalen Gruppe, die wir von dieser Tätigkeit erwarten, verglichen werden. Wir haben daher mit Genugtuung von der Schaffung und der Entwicklung der Normalschule des Hilfsvereins in Jerusalem und des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa vernommen. Wir waren hocherfreut, als die Kunde zu uns drang, daß dank der edlen Gabe der Wissotzki'schen Erben, des Herrn Jakob 2*