Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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In demselben Sinne fühlten wir uns vollständig beruhigt durch die schwungvolle Rede des Herrn Dr. Nordau. Seine formelle, kategorische Versicherung, daß der Zionismus weder jetzt noch jemals die Absicht hegte, die Integrität des ottomanischen Reiches irgendwie anzutasten, wird mehrere unserer Gegner vollständig entwaffnen müssen; war es ja dieses schöne Land, das unsern Vorfahren, die vor der Inquisition flohen, seine Pforten öffnete und uns, weil wir fleißige, kluge und treue Arbeiter waren, stets wie seine eignen lieben Kinder behandelte. Die unbestreitbare Autorität unseres Präsidenten ist uns eine kostbare Stütze. Seit 17 Monaten, seit der merkwürdigen friedlichen Revolution, die die ganze Situation im Orient vollständig änderte, betonen wir fortwährend, daß die Freiheiten, die der Zionismus für seine Anhänger, die in Palästina als ottomanische Bürger sich niederlassen wollen, erstrebt, in allen Teilen der Türkei durch die Konstitution gewährleistet sind und seinwerden. Diese unsere Überzeugung, die uns in der zionistischen Arbeit geleitet hatte, wurde durch die Rede des Herrn Dr. Nordau noch mehr verstärkt. Meine Damen und Herren! Das Thema meiner Ausführungen, die ich die Ehre und das Vergnügen habe, Ihnen vorzulegen, lautet: Unsere Aufgaben zur Förderung der intellektuellen, moralischen und sozialen Entwicklung der türkischen Juden. Sie begreifen wohl, daß hier von einer praktischen Arbeit, von einem realisierbaren Plan die Rede ist; es handelt sich um Vorschläge, die zwar einer ernsten Untersuchung noch nicht unterzogen worden sind, doch genug Vorteile aufweisen, um approbiert zu werden. Diese für unsere Entwicklung notwendige Arbeit zerfällt in sieben Teile, die eng zusammenhängen und einander ergänzen. Zunächst ist es unumgänglich notwendig, daß sowohl wir selbst als auch Sie unsern Zustand kennen lernen. Alles, was uns anbetrifft, ist uns bis auf den heutigen Tag völlig unbekannt; selbst unsere Zahl kennen wir nicht; die einen schätzen sie auf 400000, die andern auf 600000. Niemand weiß genau Bescheid über die Zahl und Bedeutung der jüdischen Gemeinden des ottomanischen Reichs. Damit sind nicht nur Yemen, Kurdistan, Mesopotamien oder andere entferntere Teile des Reichs gemeint. Das statistische Material über die jüdische Bevölkerung, ihre Gruppierung und ihre Institutionen in allen ottomanischen Provinzen, Distrikten und sogar in den bedeutendsten Städten ist ganz mangelhaft. Eine Ausnahme bildet Palästina, das genaue Kenntnisse über sich selbst besitzt und der ganzen Welt bekannt ist durch die Reiseführer und Jahrbücher. Solange die türkischen Juden ihrer Vorzüge und ihrer Schwächen unbewußt sind, sind sie nicht in der Lage, für ihre ernste Entwicklung mit Erfolg arbeiten zu können; solange sie keine Jahrbücher, die einem treuen Spiegel gleich ihr Antlitz wiedergeben, besitzen, vermögen sie nicht an ihrer eignen Wiederaufrichtung zu arbeiten, und das türkische Judentum bleibt nur ein leeres Wort. Ein solches Jahrbuch kann selbstverständlich nicht als Resultat einer privaten Initiative erscheinen. Es erfordert viel Arbeit und ununterbrochene Bemühungen und Opfer aller Art. Aber dieser Aufwand von Mühe und Opfer könnte keine bessere Verwendung finden, denn ein Jahrbuch würde das erste Band um die großen und kleinen Gemeinden, die gegenwärtig ein wahres Chaos darstellen, schlingen;, es würde der erste Schritt sein auf dem Wege des Wiedererwachens; es würde in gewissem Sinne unser Inventarbuch sein; es würde die traurige Tatsache anschaulich machen, daß das sogenannte Volk desBuches bislang noch jederLiteratur bar ist. Mit Ausnahme von zwei oder drei Zentren und von Palästina, wo fast jedes Städtchen, ja sogar jedes jüdische Dorf über eine gut eingerichtete Bibliothek verfügt, fehlen die jüdischen und hebräischen Bücher in dem größten Teil unserer Gemeinden völlig. Die intellektuelle und moralische Entwicklung, die wir erstreben, ist wesentlich von unserer Lektüre abhängig. Diese Entwicklung wird nur langsam und mühevoll vorwärts schreiten können, solange wir kein ernstes, mit Mitteln ausgestattetes Werk schaffen, das die Gründung der jüdischen Bibliotheken an den Orten, wo sie noch nicht vorhanden sind, also fast überall, fördern würde. Die Gründung. eines solchen Werkes ist für uns unentbehrlich; es erfordert keine großen Opfer; ein verhältnismäßig kleiner Fonds, der ohne allzu große Mühe zusammengebracht werden könnte, und eine Anzahl gesinnungstüchtiger Leute, die bereit wären, einen Teil ihrer Muße der Sache zu widmen, würde genügen, um diese Idee zu verwirklichen. Noch vor der Ausführung dieses Plans müßte diese Gruppe der tüchtigen Arbeiter wissenschaftliche Gesellschaften und Bibliotheken durch Erteilung von Vorschüssen aus dem ersten Fonds gründen. Selbstverständlich sollen diese Bibliotheken ohne jede Tendenz eingerichtet werden, um zwischen den verschiedenen jüdischen Elementen das beste Vereinigungsmittel bilden zu können. Bei einer tüchtigen Arbeit könnten sich die jüdischen Bibliotheken im Laufe von einigen Jahren wie ein großes Netz über das ausgedehnte ottomanische Reich bis in seine entferntesten Schlupfwinkel hinein, wo die uns bis auf den heutigen Tag unbekannten Gruppen unserer Glaubensgenossen leben, ausbreiten. Jede kleine jüdische Gemeinde soll ihre kleine Ortsbibliothek haben; jede von den acht oder zehn größern Gemeinden eine große Rayonsbibliothek. Jerusalem soll das Zentrum und seine Bibliothek soll gleichzeitig die Hauptstütze und Krönung dieses Werkes bilden. Die Veröffentlichung eines Jahrbuches und die Gründung von Bibliotheken liegen unmittelbar im Bereiche unserer Möglichkeiten. Anders verhält es sich mit der Schulreform, die den dritten Punkt unseres Programms bildet. Hier werden wir mit vielen Schwierigkeiten rechnen müssen, auch der Geldmangel wird nicht zu den geringsten gehören. Bis jetzt war der Unterricht, den unsere Kinder in den Schulen genossen, höchst ungenügend. Die Landessprache wird in den Talmud-Thoras und Chedarim wenig oder gar nicht berücksichtigt; das Lehrerpersonal ist größtenteils nicht fähig, denSchülern auchnurdie üblichen notwendigsten Kenntnisse beizubringen; ebenso mangelhaft ist der Unterricht in den Allianceschulen, deren ehemalige Zöglinge, da sie keine Talmud-Thoras besuchten, gar keine Kenntnisse des Hebräischen besitzen und auch zumeist die offizielle Sprache, das Türkische, schlecht beherrschen. Es sind nur eine kleine Anzahl von Privatschulen und die des Hilfsvereins der deutschen Juden vorhanden, die den Bedürfnissen des Landes entsprechen, die für die allgemeine Ausbildung sorgen, ohne das Hebräische aufzugeben, das wir als Juden erlernen müssen, ohne die türkische Sprache, die uns als ottomanischen Bürgern unentbehrlich ist, zu vernachlässigen.