Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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52 DIE^E LT No. 3 gegebenen Verhältnissen, wie sie sich in Wirklichkeit darboten und der Leitung nach sorgfältigster Prüfung ihrem vollen Umfange nach bekannt waren, ob unter diesen Umständen mehr und besseres hätte geleistet werden können, als tatsächlich geleistet worden ist. Wir sind nun die letzten, die auf diese Frage mit einem entschiedenen „Nein" antworten möchten. Denn das hieße die Behauptung aufstellen, daß die Leitung unfehlbar gewesen sei. Was wir aber in aller Bescheidenheit sagen zu können glauben, ist dies: wir wüßten nicht, was denn noch mehr hätte unternommen und zu einem guten Ende geführt werden können. Und in dieser Beziehung sind wir auf dem Kongreß weder in der Generaldebatte noch in der Palästinadebatte eines bessern belehrt worden. Freilich, wenn es sich nur darum handelte, was noch mehr hätte unternommen werden können, dann würde es auch dem Einfältigsten nicht schwer fallen, eine ganze Reihe von Sachen an den Fingern aufzuzählen, die man hätte anfassen, d. h. anfangen können. Es wäre für die Leitung ein leichtes gewesen, ihre Geneigtheit zur Palästinaarbeit dadurch zu bekunden, daß sie eine ganze Menge von Projekten in die Öffentlichkeit gebracht und in Angriff genommen hätte. Weshalb hat sie denn diesen bequemen Weg zur Popularität nicht gewählt? Deshalb, weil sie sich nicht nur fragte: „Was könnten wir anfangen?", sondern auch: „Was können wir zu einem guten Ende führen?" Wir möchten nicht mißverstanden werden. Wir sind nicht der Meinung, daß der gute Ausgang eines Unternehmens gewissermaßen mit mathematischer Sicherheit feststehen muß, ehe man an dessen Ausführung schreiten dürfte. Das wäre fürwahr weder praktisch noch politisch. Wohl aber sind wir der Ansicht, daß sehr gute Aussichten auf Erfolg vorhanden sein müssen, daß nach reiflicher, vorsichtiger Erwägung die Möglichkeiten des Gelingens bedeutend größer erscheinen müssen, als die Möglichkeiten des Fehlschlagens. Erst dann darf man die Verantwortung für eine Sache übernehmen, bei der nicht nur ein gewisses Kapital, nicht nur eine Anzahl jüdischer Existenzen, sondern auch der gute Ruf und vielleicht die ganze Zukunft der national-jüdischen Arbeit auf dem Spiele steht. Aus diesem Grunde ist die Leitung nur an solche Unternehmungen herangetreten, die den Anforderungen einer vorsichtigen und weitausschauenden, nationalen Politik entsprechen. Unsere jungjüdische Bewegung kann Stürmer gebrauchen, hat vielleicht deren zu wenig. Aber ihr Platz ist nicht an der Spitze, nicht bei der Leitung der wirtschaftlichen Unternehmungen, die mit beschränkten Mitteln Großes erreichen sollen. Und der Mann, der in aller erster Reihe der Mann der Palästinaarbeit war, der nach dem Sinne der Unzufriedenen den neuen Kurs angeben sollte, der war ja in der Leitung, wie er es noch jetzt ist. Der arbeitete ja gemeinsam und in Übereinstimmung mit seinen Kollegen an praktischen Palästinaunternehmungen, welcher seiner praktisch erscheinenden Pläne ist denn nicht ausgeführt worden? Gewiß es mag ab und zu auch in der Leitung selbst kleine Meinungsverschiedenheiten über das bei den einzelnen Unternehmungen einzuschlagende Tempo gegeben haben. Es soll aber hier nochmals mit größtem Nachdruck festgestellt werden, was schon wiederholt und auch auf dem Kongreß hervorgehoben wurde, daß prinzipielle Gegensätze j^pffiggca^^ in Bezug auf die Palästinaarbeit innerhalb der Leitung nienials bestanden haben. Man hat auf dem Kongresse den Erfolgen des Palästinaressorts des E. A. C. viel Anerkennung gezollt — und mit Recht. Aber diese Arbeit war eben die Arbeit der Leitung. Es ist völlig ungerechtfertigt, aus der Mitte des jetzigen und bisherigen E. A. C, welches im Gegensatz zu dem frühern siebengliedrigen Komitee ein wirkliches Arbeitskollegium ist, einzelne Personen herauszugreifen, Lob und Tadel unter den einzelnen Mitgliedern willkürlich zu verteilen. Trotz alledem soll zugegeben werden, daß die Leitung Großes nicht erreicht hat. Bevor man aber daraus einen Vorwurf konstruiert, müßte erst noch bewiesen werden, daß unter den gegebenen Umständen größeres hätte erreicht werden können. Ein langsames Fortschreiten erweckt nun freilich Ungeduld. Und je größer das Bedürfnis, je drückender die Notlage, je intensiver die Teilnahme an der Bewegung ist, desto lebhafter wird auch die Ungeduld sein. Dies liegt in der Natur der Sache. Und die Ungeduld sinnt auf neue Mittel und sucht nach Schuldigen. Dort hingegen;' wo man Erfolge sieht, wo unser Ideal sich Bahn bricht, wo ein neues Geschlecht mit Begeisterung die alten Genossen in der Arbeit ablöst, dort hat man die Ruhe und die richtige Stimmung, einen langsamen Fortschritt im Lichte der realen Verhältnisse zu betrachten und ihn zu würdigen, obgleich er langsam ist. So mußte es kommen, daß unter den russischen Zionisten die stärkste Opposition entstand. Befindet sich ja der Zionismus in Rußland in einer besonders schweren Lage. Wir wollen nicht Vorwürfe mit Vorwürfen beantworten. Wir wollen nicht untersuchen, ob der Grund der Erscheinung, über die man in Rußland so viel klagt, daß dem Zionismus der Nachwuchs fehle, daß die Jugend der nationalen Sache verloren gehe, nicht etwa darin zu finden ist, daß man eben versäumt hat, diese Jugend heranzuziehen, daß man die Kleinarbeit, die Werbetätigkeit, die „Schekelsammlerei" verschmäht hat, und sich anstatt dessen in großer Politik, in fortgesetztem Kritisieren und Opponieren ergangen hat. Oder ob die Schuld in der Hauptsache wirklich nur an der großen russischen Bewegung der letzten fünf Jahre liegt, die auch die jüdische Jugend in ihren gewaltigen Strudel gezogen hat. Fest steht für uns jedenfalls das eine, daß die Lage in Rußland zur Zeit eine aussichtsreichere und die Stimmung eine hoffnungsvollere wäre, wenn die russischen Zionisten im allgemeinen dem Beispiel einiger ihrer Besten gefolgt wären und trotz der schweren Zeiten, trotz der politischen Unruhen, sich der unermüdlichen Arbeit für unsere Organisation gewidmet hätten. Wir kommen jetzt zum zweiten Vorwurf: Die Leitung hätte für die kulturellen Aufgaben der national-jüdischen Bewegung zu wenig Verständnis gezeigt. Wir können uns hier kurz fassen. Was erwartet man denn von der Leitung, d. h. vom Engern Aktionskomitee? Glaubt man denn im Ernst, daß die geistige Führung der jüdischen Renaissancebewegung in den Händen eines alle zwei Jahre neugewählten Ausschusses ruhen kann?