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Die Welt · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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DiE^ELT No. 2 42 Autorität, um im Lande wirken und auf die Lehrer, die ihr doch nicht subordiniert, sondern koordiniert waren, gehörigen Einfluß üben zu können. Diesen Mangel soll nun die mit Genehmigung des Ministeriums des Innern, vor einigen Monaten ins Leben gerufene neue Institution des Hebräischen Schulvereins für Galizien und Bukowina ersetzen. Derselbe entwarf einen hreiten Arbeitsplan, welcher insbesondere die Schaffung eines größern Kapitals zur Gründung eines Lehrerseminars umfast, um aus den einheimischen Bett-Hamidrasch-Zöglingen einen qualifizierten Stab von hebräischen Lehrern heranzubilden, die an Stelle des fluktuierenden Immigranten- Elementes treten sollen. Ferner soll der Schulverein die Gründungen von neuen Schulen anregen und bereits existierende erhalten helfen, eine rege Inspizierung der Provinzschulen alljährlich durchführen, öffentliche Prüfungen am Schlüsse eines jeden Semesters unter Assistenz eines Schulleitungsmitgliedes veranstalten usw. Mit einem Worte: ein breiter und schöner Arbeitsplan, nur müßte demselben die Möglichkeit zur Ausführung gegeben werden. Und diese ist leider eine sehr geringe. Die Mitgliederzahl des Vereins ist zwar in stetem Wachsen tbegriffen, aber noch immer nicht eine solche, wie sie es sein sollte.' Die kapitalkräftigen Kahals und andere jüdische Institutionen stehen dem Vereine ganz gleichgiltig und mancherorts sogar feindselig gegenüber. Und so hat der Verein mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Hoffen wir aber, daß es der gegenwärtigen energischen Leitung desselben, wie insbesondere deren Obmanne, Herrn Salomon Schiller, gelingen werde, diese zu überwinden, denn schließlich eifreut sich der Verein der größten Sympathien unter den treuen Volksmassen, wiewohl ihm die reichen Volksgenossen kein Verständnis entgegenbringen. Zum Schlüsse müssen wir noch hervorheben, daß es der Leitung gelungen ist, eine Hülsenfabrik zu gewinnen, welche 5 °/o vom Erlöse von den sog. „Heidad-Hülsen" für den Schülerverein bestimmt hat, denn die erste und nächste Aufgabe desselben ist: die Schaffung eines größern Fonds. Die IL Weltkonferenz des Universellen jüdisch-sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion (Von unserm Berichterstatter) Die IL Konferenz der Poale-Zion-Organisationeri aller Länder wurde vom 19. bis zum 22. Dezember v.J. in Krakau abgehalten. Der Konferenz ging Samstag den 18. Dezember eine Volksversammlung voran, zu der eine tausendköpfige Zuhörerschaft erschienen war. Es sprachen Herz, Srubowel (Lemberg), Blumenfeld (Warschau), Awrunin (Amerika) und Kaplansky (Wien). Die Ausführungen des amerikanischen Delegierten fanden besonders warmen Beifall. Sonntag den 19. Dezember wurde die Konferenz in Anwesenheit von 45 Delegierten aus Rußland, Österreich, Palästina, England und den Vereinigten Staaten Amerikas und einer zahlreichen Galerie im festlich geschmückten Saal „BilligeHäuser" eröffnet. Herr Kaplansky richtete an die Versammlung eine Begrüßungsansprache, der wir folgendes entnehmen: ' Wir haben eine Tribüne, eine jüdische sozialistische Tribüne errichtet, weil wir überzeugt sind, daß die Staatsgrenzen uns nicht zu trennen vermögen. Die jüdischen Arbeiter der ganzen Welt sind von einem unlösbaren Band umschlungen, eine Sklavenkette umklammert uns. Wir sind geeint durch die kapitalistische Bedrückung, zusammengeschweißt durch die verheerenden Wirkungen der Judenfrage. Diese Tagung ist nicht nur em erhebendes Wahrzeichen. Wir wollen unsere Solidarität und Kampfbrüderschaft betätigen. Wir wollen die Judenfrage, unsere Frage, lösen. Eine jüdische Arbeiterpartei, die durch die treibenden Kräfte der Gegenwart zu höherer Entwicklung gelangen will, die in den Wirklichkeiten des Lebens Elemente der Zukunft sucht, kann und darf diese Frage aus ihrem Gesichtskreis nicht ausschalten. Unser Gedanke einer Umwälzung der Daseinsbedingungen unseres Volkes, der völligen Umgestaltung unseres Lebens, — die Konzentrierung der losgerissenen jüdischen Massen im Judenlande, die Bildung einer geschlossenen Siedlung, einer jüdischen Wirtschafts- und Arbeitsgemeinschaft in und um Palästina, — dieser revolutionäre Gedanke schreckt die Kurzsichtigen zurück. Und wo die Einsicht fehlt, kommt die „historische Notwendigkeit" zu Hilfe. Die territoriale Lösung der Judenfrage soll nicht geschichtlich „notwendig" sein . . . Werte Parteigenossen! Wir haben zwei schwere Krisenjahre hinter uns. Die Arbeitslosigkeit unter den jüdischen Proletariern nimmt ungeahnte Dimensionen an. In Rußland wird sie durch die Orgien der politischen Reaktion ins Ungemessene gesteigert. Während Hunderttausende bereit sind, ihr Brot jenseits des Ozeans zu suchen, verwandelt sich England aus einer Zufluchtsstätte in ein Auswanderungsland. In Amerika reduziert die Krise die ■ Zahl der jüdischen Einwanderer auf ein Drittel. Während wir derart aus einer Katastrophe in die andere stürzen, unsere ganze Entwicklung gelähmt ist, soll es noch immer nicht geschichtlich notwendig sein, gesellschaftlieh einzugreifen! Es gibt keine historische Selbstverwirklichung. (Zustimmung.) Die Emigration ist eine mächtige und notwendige Tendenz zur Neubildung eines jüdischen Gemeinwesens. Sie wird aber zum Hebel der Umgestaltung der Grundlagen des jüdischen Lebens, wenn wir die in ihr ruhenden geschichtlichen Möglichkeiten erkennen und verwerten. Wir arbeiten im Sinne der Entwicklung, wenn wir die Richtung des jüdischen Emigrationsstromes ändern wollen. Die Emigration ändert fortwährend ihre Richtung, die bestimmt wird von der Nachfrage nach Arbeitskräften in den Ländern der Immigration, den Attraktionsmittelpunkten der Einwanderung. Man kann mit dem1 Emigrationsstrom gehen, seine Leiden mildern, die Schwierigkeiten beseitigen, ihm den einmal eingeschlagenen Weg ebnen. Mit dieser Methode der Regelung der Emigration sind alle jüdischen sozialistischen Parteien nunmehr einverstanden. Nun, was wir wollen, bedeutet einen Schritt weiter: wir wollen dem Emigrations ström vor angehen, einen neuen Attraktionsmittelpunkt für ihn schaffen. Wir wollen den Prozeß der organischen Entfaltung des neuentstehenden jüdischen Gemeinwesens in Palästina fördern und beschleunigen. Diese Bestrebungen sollen den Grundsätzen des proletarischen Klassenkampfes widersprechen. Man verklagt uns als nicht gesetzestreue Sozialisten. Demgegenüber sei festgestellt: Klassenkampf bedeutet die Ausnützung aller Machtmittel des Proletariats, um seine Klassenlage zu heben und zu sichern. Klassenkämpfe sind, nach einem Worte Karl Kautskys, nicht bloß auf Zerstörung und Eroberung, sondern auch auf Neubildung gerichtet. Der jüdischen Arbeiterklasse ist eine derartige schöpferische, gesellschaftsbildende Aufgabe zugefallen. Diese Erkenntnis und die zwingende Logik der ehernen Tatsachen des Lebens ist es, die die jüdischen sozialistischen Parteien, welche die territoriale Lösung der Judenfrage erstreben, zur Vereinigung drängt. Diese Vereinigungsbestrebungen sind das wichtigste Ereignis der jüdischen sozialistischen Bewegung der letzten Jahre (lebhafter Beifall), neben der gewaltigen Umwälzung, die sich im Orient vollzog. Die jüdische Arbeiterschaft, die mit ihrem Blute alle Stätten des Kampfes um mehr Licht und Freiheit rötete, verfolgte bewegten Herzens' den jungtürkischen Kampf. (Stürmischer Beifall.) * Wir wollen von dieser Stelle allen um ihre Freiheit ringenden Völkern des Osmanenreichs unsern Gruß entbieten! (Anhaltender Beifall.) Uns hat die türkische Revolution neue Kampfgenossen zugeführt, — die jüdischen Arbeiter der Türkei! (Lebhafte Zustimmung.) Möge diese Tagung die gehegten Hoffnungen erfüllen, möge sie ein Kongreß der Aktion, der jüdischen sozialistischen Aktion werden, unsere Waffen schärfen, unsere Machtmittel vermehren, die Saat einer reichen Ernte ausstreuen. Im Auftrage des Verbandsbureaus erkläre ich die II. Weltkonferenz des Universellen jüdisch-sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion für eröffnet. (Anhaltende Beifallskundgebungen.) Ins Präsidium der Konferenz werden vier Vorsitzende gewählt: Awrunin (Amerika), Ben-Zwi (Jerusalem), Kaplansky (Wien), Srubowel (Pinsk), und drei Schriftführer: Fautl (Prag), Drimer (Kolomea), Leikin (Poltawa). Es folgte eine Reihe von Begrüßungen. Herr Präsident Wolffsohn begrüßte brieflich die Konferenz und entschuldigte die Abwesenheit eines Vertreters des A. C. mit Hinweis auf den bevorstehenden Kongreß. Del. Blumenfeld beantragt zwei Resolutionen: eine Sympathiekundgebung für die schwedischen Arbeiter und spanischen Revolutionäre, eine zweite Protestresolution gegen die Todesurteile in Rußland. Beide wurden unter stürmischem Beifall zum Beschluß erhoben. In der Nachniittagssitzung erstattete Kaplansky den Bericht des Verbandsbureaus. Die erste Haager Konferenz wählte ein provisorisches Bureau, dessen zwei Mitglieder in Wien das Sekretariat leiteten. Die Krise in Rußland und Amerika verhinderte die Übertragung der Leitung nach Palästina, wie es geplant war. Das Wiener Verbandsbureau mußte die Geschäfte weiterführen. Es stand in regem Verkehr mit den Zentralkomitees aller Landesparteien. In England gelanges, die bestehenden Vereine zu einer Landesorganisation zu verbinden. In Westeuropa bestehen Vereine in Paris und Antwerpen, ferner kleinere Gruppen in Nancy, Lüttich, Offenbach, Berlin, Zürich, Genf, In Rumänien hat eine umfassende Aktion Aussicht auf Erfolg. Als die Reaktion in Rußland die Arbeit des Zionistischen Komitees verhinderte, griff der Vertreter

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