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Die Welt · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 2 --— DIE 1 nähme, ja Spannung verfolgt worden ist als hier in der Türkei. Freunde wie Hasser und die unentschieden Schwankenden nicht zum wenigsten erwarteten von ihm erlösende Stichworte, Antwort vor allem, auf die sie besonders bewegende Frage, was der Zionismus nun denn in Wirklichkeit für die türkischen Interessen und für die Interessen der Juden in der Türkei bedeute. Wie vorauszusehen gewesen war, ist natürlich der schließliche Eindruck auf den verschiedenen Seiten verschieden ausgefallen. Die Clique unserer Erbfeinde hat sich keines andern belehren lassen; sie hat aus den Kongreßverhandlungen herausgelesen, was ihr für ihre Zwecke genehm war, mit Verdrehungen verunstaltet und Giftpfeile daraus zu schmieden gesucht. Aber auf den weitaus größten Teil der ottomanischen Juden haben die kräftigen und schönen programmatischen Erklärungen des Parteipräsidenten den denkbar besten Eindruck gemacht und die des Kongreßpräsidenten trotz oder gerade wegen ihres stolz nationalistischen Tones aufrüttelnd und erhebend gewirkt. Die Wiederwahl von David Wolffsohn ist als eine Gutheißung seiner in der Eröffnungsrede kundgegebenen Politik, die sehr sympathisch begrüßt wird, aufgenommen worden und hat als solche vertrauenerweckend gewirkt. Alles in allem darf man wohl sagen, daß durch den Kongreß nunmehr unter den Juden der Türkei die Bahn für ein kräftiges Vorwärtsschreiten unserer Idee freigelegt worden sei. Alle jüdischen Blätter der Hauptstadt haben in möglichst genauer Berichterstattung über den Kongreß gewetteifert, „L'Aurore", „El Judio" und „El Telegrafo" voran, die die Reden z. T. wörtlich reproduziert und ihnen Leitartikel gewidmet haben. Natürlich hat der „Tiempo" in der Berichterstattung auf seine Weise Erkleckliches geleistet; er hat zugleich, wohl zur Feier des Kongresses, die große Leserwelt mit einer französischen Broschürenausgabe seiner Serie Pamphletartikel gegen den Zionsmus beglückt. Aber der Verfasser ist und bleibt ein gefallener Mann, und dementsprechend werden auch seine Auslassungen aufgenommen. Auch in der allgemeinen Presse hat der Kongreß seinen Widerhall gefunden. Der „Levant Herald" (französisch-englisch) und der „Stamboul" haben ihm außer der Reproduzierung der durch die „Agence Ottomane" und „Agence Constantinople" verbreiteten Telegramme auch völlig unparteiische Leitartikel gewidmet, die die eminente Bedeutung des zionistischen Problems für die Türkei hervorhoben. Der „Jeune Türe" hat Wolffsohns und Nordaus Reden gebracht und in einem sehr sympathisch gehaltenen Artikel von den Regierenden ein gründliches Studium der Frage verlangt. Der „Osmanische Lloyd" brachte eigene Depeschen. Die türkisch geschriebene Presse hat gleicherweise, wenn auch im allgemeinen mit großer Reserve, von dem Kongreß Notiz genommen. Nur zwei dieser Blätter haben gegnerische Artikel gebracht, der wenig bedeutende „Ihtilaf", dessen Gewährsmann in der Runde der zum Studium des Nossigprojekts zusammengebrachten Kommission zu finden ist, und der bedeutende „Ikdam", dessen Eintreten für die „patriotische" Broschüre Frescos mit genügender Deutlichkeit auf seine Instruktionsquelle hinweist. Der griechische „Neologos", der inzwischen vom Kriegsgericht aufgehoben worden ist, hat sich natürlich die Benutzung der Angriffe des „Ihtilaf" nicht entgehen lassen. Eine Antwort ist im „Ihtilaf" bereits zum Abdrucke gelangt, und auch auf die Ausführungen des „Ikdam" wird jedenfalls die aufklärende Erwiderung nicht ausbleiben. Im allgemeinen haben wir alle Ursache, mit der Aufnahme des Kongresses in der hiesigen öffentlichen Meinung zufrieden zu sein. Zu bedauern war nur die Lückenhaftigkeit der Informierung, die durch die Überschwemmungen in Bulgarien und das dadurch veranlaßte Ausbleiben mehrerer Postzüge verursacht worden war. Erst am 8. Januar ist uns die letzte Kongreßnummer der „Welt", also mit einwöchiger Verspätung, zugegangen. Dementis über Dementis Ich hatte Ihnen jüngst die Äußerungen des Efkafministers Hamada Pascha über das Kolonisationsprojekt der A. J. K. O. mitgeteilt. Ich bin heute in der Lage, Ihnen weitere authentische Erklärungen über diesen Gegenstand zu übermitteln, die unserm Gesinnungsgenossen Kretschmar, Korrespondenten, des „Raswjet", der sich die Klarstellung der Sachlage angelegen sein ließ, gemacht worden sind. Der Minister des Innern Talaat Bej erklärte: daß das in Ausarbeitung befindliche Gesetzesprojekt über jüdische Einwanderung mit den Plänen und Bemühungen des Dr. Nossig in absolut keinem Zusammenhang stehe, geschweige sie zum Gegenstand habe. Adi 1 Bej, Müsteschar des Großwesirs, erklärte: daß zwar ein Projekt zur Ansiedlung von Juden im Großwesirat eingelaufen sei, daß aber noch keine feste Meinung über den Plan existiere und keinerlei Beschluß darüber gefaßt worden sei. jKE LT-- 41 Rifaat Pascha, der Minister des Auswärtigen, endlich gab die Erklärung ab, daß der türkische Botschafter in Berlin weder schriftlich noch mündlich ein Memorandum der A. J. K. 0., weder von Berlin aus noch bei seiner Anwesenheit in Konstantinopel, empfohlen oder übermittelt habe. Wahr ist nur, daß Dr. Nossig Informationen über den Stand seiner Sache von dem türkischen Botschafter bezogen habe. Das ist nach diesen Feststellungen einstweilen alles, was von dem mit großem Pomp der europäischen Presse übermittelten Erfolg des A. J. K. O.-Planes übrig bleibt. Brief aus üalizien (Von unserm Berichterstatter) Der hebräische Schulverein Die hebräische Sprache auch in unserm Lande zur Völkersprache heranzubilden, war seit einer Reihe von Jahrzehnten bloß ein frommer Wunsch einiger Idealisten. Aber dieses Wollen in konkrete Formen zu kleiden, den Gedanken in Tat umzuwandeln, dafür fehlten in Galizien in der damaligen Zeit die geeigneten Kräfte und auch das nationale Bewußtsein der breitern Volksmassen. Mit dem Wachsen des Zionismus aber und als zur Zeit der schrecklichen PogromS in Rußland viele intelligente Volksgenossen in unser Land vertrieben wurden, und als auch von Zeit zu Zeit sogenannte Weltmenschen hebräische oder jüdische Zeitschriften, Bücher und sonstige Broschüren als seltene Raritäten mit nach Hause zu bringen und in ihrem Familien- und Bekanntenkreise vorzulesen pflegten, — da erstand auch bei uns die große Weltbewegung, der tot geschienen Sprache neues Leben einzuhauchen. Und als erster Schritt zur Realisierung dieser Idee wurde aligemein die Reform des anachronistischen Cheders vorgeschlagen. Der Unterricht der hebräischen Sprache mußte in moderner Weise geführt werden. Aber der Cheder zeigte sich als ganz unzulänglich, und die Melamdim leisteten den größten und hartnäckigsten Widerstand dieser Renaissance - Bewegung. Der Plan einer Reformiening der Chedurim ist nun verworfen worden, und an dessen Stelle begann man moderne Schulen mit der hebräischen Sprache als Vortragssprache zu gründen. Kaum 7 bis 8 Jahre dauert diese Bewegung, die spontane Fortschritte machte, und heute zählen wir zirka 40 Schulen in unserm Lande. Dieselben wurden von einzelnen Vereinen in verschiedenen Städten und Städtchen unter großen Schwierigkeiten und Hindernissen seitens der Lokalbehörderi gegründet und werden von denselben erhalten. Der Unterricht ist nach Kursen dem Alter der Schüler gemäß eingeteilt. Die Methode des Anschauungsunterrichts wurde an Stelle der veralteten Einpaukungsmethode eingeführt und dauert gewöhnlich die ersten zwei Jahre für Kinder und Anfänger hindurch. In den darauf folgenden Jahren wird großes Gewicht auf die Bekanntmachung mit der großen, alten und neuen hebräischen Literatur gelegt, und sukzessive wird die Kenntnis der Bibel, der jüdischen Geschichte, der Hagada, Mischna und der Propheten, der mittelalterlichen und neuern Poesie den Schülern beigebracht. Und so finden wir schon heute viele Mädchen und Knaben, Mittelschüler und Klaus-Bachorim, die perfekt Hebräisch konversieren. Und es ist dies in der Mehrzahl das unleugbare Verdienst der aus Rußland kommenden Immigranten, welche sich anfangs ausschließlich als Lehrer in den Dienst dieser Idee mit der größten Hingebung stellten und manchmal bedeutende Opfer im wörtlichen Sinne dieses Wortes brachten. Es waren bloß einige, welche die hierzu nötigen Qualifikationen, den Eifer und die Hingebung besaßen. Viele faßten ihre Aufgabe von einem andern Standpunkte auf und schadeten in manchen Städtchen sehr viel dieser nationalen Sache. Viele kamen bloß für einige Monate, — ließen die mit schwerer Mühe eingerichteten. Schulen im Stiche und gingen weiter. Und so erwiesen sich die fremden eingewanderten Lehrkräfte als unverläßlich. Selbst die ernstern aus Rußland stammenden Lehrer erfaßten bald die Gefährlichkeit eines solchen unsichern Zustandes und gründeten vor drei Jahren einen Verband der hebräischen Lehrer in Galizien, der sowohl eine fachliche wie auch moralische Tendenz hatte. Er sollte in der Erlangung von Stelle i und Besetzung von Lehrerposten an neugegründeten Schulen vermitteln und eine Prüfung der sich meldenden Bewerber vornehmen. Ferner soll der Verband die Vereinheitlichung des Unterrichts nach einer erprobten Methode ermöglichen. Alljährlich wurden zu dem Zwecke Lehrerkonferenzen abgehalten und so manches zur Verwirklichung des Programms vorgenommen. Aber fruchtlos. Diese Institution, so nützlich sie auch war, erwies sich als ganz unzulänglich. Es fehlte ihr nämlich an der notwendigen

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