Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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36 DIE3§EE LT No. 2 Agrarkreditkommission Nachstehend bringen wir die Namen der vom Kongresse auf Antrag Dr. Tschlenows einstimmig gewählten Mitglieder der Agrarkreditkommission in alphabetischer Reihenfolge: Samuel Barbasch, Odessa, I. L. Goldberg, Wilna, Bertrand Hamburg, Berlin, J. H. Kann, Haag, Dr. N. Katzenelsohn, Libau, Johann Krenienetzky, Wien, Julius Simon, Mannheim, Dr. E. W. Tschlenow, Moskau, M. Ussischkin, Odessa, Prof. Dr. Otto Warburg, Berlin, David Wolffsohn, Köln. Deutschland Hamburg. Einen schweren Verlust hat unsere Ortsgruppe durch das Hinscheiden unseres Schatzmeisters Samuel Cohen erlitten. Er erkrankte plötzlich, kurz vor dem Kongreß, inmitten der Vorbereitungsarbeiten, denen er sich als Leiter des Finanzkomitees mit voller Hingebung bis zuletzt gewidmet hatte. Er starb im 63. Lebensjahr mit den Worten auf den Lippen, daß jedem auf dem Kongreß sein Recht werden möge. Mit diesem seinem letzten Ausspruch ist das Wesen des trefflichen Mannes charakterisiert. Die zionistische Idee stand seit 12 Jahren im Mittelpunkt seiner Interessen; er war von strengster Rechtlichkeit und Pflichttreue, ein stiller Arbeiter, der keine äußern Ehren suchte. Er war der Senior des Vorstandes; seine kaufmännische Erfahrung und sein Rat galten uns Jüngern viel. Sechs Jahre lang führte er in mustergültiger Weise die Geschäfte des Schatzmeisters unserer Ortsgruppe, zu deren Gründern er gehörte. Die Todesnachricht traf uns, als die deutsche Landsmannschaft am Freitag d. 24. Dez. zum erstenmal versammelt war. Die Sitzuung wurde unterbrochen, und der Vorsitzende widmete dem treuen Genossen schmerzerfüllte Worte des Dankes und der Verehrung, die von der Versammlung stehend angehört wurden. Die Bestattung erfolgte am Sonntagmittag unmittelbar nach Schluß der feierlichen Kongreßeröffnung. Namens des Vorstandes sprach Rechtsanwalt David tiefempfundene Abschiedsworte. Ehre seinem Andenken! Österreich Wintersemester-Veranstaltung des akademischen Vereins „Theodor Herzl" in Wien Sonntag, den 23. Januar 1910 veranstaltet der Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl" einen jüdisch - literarischen Abend im Kursalon (Stadtpark). Die Veranstaltung, die als Einleitungsabend zu einem Zyklus von solchen Abenden gedacht ist, deren Zweck es ist, ein Bild des jüdischen Schaffens im Osten und Westen zu geben, hat folgendes Programm : Martin Bub er: „Vom Wesen jüdischer Kunst" (einleitender Vortrag); Jacob Wassermann: Vorlesung eigener gedruckter und ungedruckter Dichtungen; Konrad Loewe, k. k. Hofburgschauspieler (Wien): Rezitation ostjüdischer Dichter. Reginn des Abends präzise 8 Uhr. Karten ä Kr.: 10.—, 6.--, 4.-, 3.-, 2.50 und 2.— sind in Gutmanns Hofmusikalienhandlung zu bekommen. Qalizien I Osias Fadenhecht Durch den am 22. Tebeth erfolgten Tod des Herrn Osias Fadenhecht in Kolomea hat der Misrachi einen sehr schweren Verlust erlitten. Für die Errichtung der Misrachiförderation hat der Verschiedene in Qalizien, trotz seiner vorgerückten Jahre, mit jugendlichem Feuereifer gearbeitet und durch sein umfassendes Wissen, seine rastlose Tatkraft hat er der Leitung der Misrachi unschätzbare Dienste geleistet. Vergebens hatten sich seine Freunde gefreut, den wackern Arbeiter auf dem Kongreß persönlich kennen zu lernen. Ein paar Tage vor dem Kongreß teilte er telegraphisch mit, er sei durch leichtes Unwohlsein verhindert, die weite Reise nach Hamburg zu machen. Und nun mußten wir ihn zu Grabe tragen, bevor er den vollen Erfolg seiner Arbeft, die Verwirklichung seiner vielen Vorschläge erleben konnte. Sein Andenken wird bei uns nie verlöschen. Ungarn (Von unserm -Berichterstatter) Der IX. Kongreß hat nicht verfehlt, nicht nur im zionistischen und jüdischen Lager, sondern auch in der ungarischen Gesellschaft allgemeines Interesse zu erwecken. . Einige schlummernde zionistische Vereine sind zu neuem Leben erwacht, und die im ganzen Lande veranstalteten Makkabäerfeiern gaben ein beredtes Zeugnis der gesteigerten zionistischen Tätigkeit. Herr Bankdirektor Wilhelm Klein (Szatmär), der im Wahlbezirke Nordostungarn zum Kongreßdelegierten gewählt worden ist, jedoch verhindert war, am Kongreß teilzunehmen, hat der Ungarländischen zionistischen Organisation eine nach Belieben derselben für zionistische Zwecke verwendbare Zuwendung von 1000 Kronen gemacht. Auch die ungarische Presse hat Interesse und Verständnis dem Kongresse entgegengebracht. Außer dem „Az Ujsäg" und dem „Pester Lloyd", die eigene Berichterstatter nach Hamburg entsendet haben, brachten fast alle Blätter ausführliche und in sympathisierenden Tone gehaltene Artikel über die Kongreßverhandlungen. Hierbei ist insbesondere ein in der vielgelesenen Budapester Tageszeitung „Pesti Hirlap" erschienener Artikel von Zoltän Szäsz, einem der angesehensten modernen ungarischen Schriftsteller, zu erwähnen. Während im Auslande schon seit langem viele hervorragende Geister die zionistische Idee völlig zu würdigen verstanden, geschah es jetzt zum erstenmal, daß ein Ungar unserer Bewegung, die er als eine nationale und nicht philanthropische Sache betrachtet, seine volle Anerkennung zollt. Dem Artikel, der hierorts allgemeines Aufsehen erregt hat, entnehmen wir folgende Stellen: „Zum neunten Male versamrneln sich die Vertreter der großen nationalen Unabhängigkeitsbewegung der Juden, des Zionismus, um über die Angelegenheiten dieser — dem Namen nach zu urteilen — ein wenig schwärmerischen, wenn man die Ziele und Tätigkeit in Betracht zieht, jedoch außerordentlich Bestrebung zu debattieren. Die Besprechung und Beleuchtung der Frage der veränderten Lage im ottomanischen Reiche und die der Erlangung Palästinas gibt dem Kongresse Material. Hierüber sprach Nordau, der ungekrönte König der Juden, mit wahrhaftig einem königlichen Geiste ziemendem Glänze, und gerade diese neue Lage bedeutet eine Wendung in der Entwicklung des Zionismus." „Jeder, der sich über die das Judentum betreffenden liberalen v Phrasen hinweggesetzt hat und die oft leider allzu große Macht der nationalen Idee begreift, wird einsehen, daß sich der Zionismus in das Bewußtsein des Judentums mit befehlender Kraft wird eingraben müssen. Seit 2000 Jahren wandert und zittert Ahasver auf der Erdkugel. Zwischen fremden Nationen lebend, war er oft gezwungen, seine nationale Charakteristik oft zu verleugnen, oft zu verheimlichen und trotz alldem Demütigung auf Demütigung zu erdulden. Der Zionismus faßte schließlich das Sehnen der zerstreuten jüdischen Seelen nach einem freien, öffentlich-rechtlich gesicherten Staate in ein einheitliches Streben zusammen." „Wie offenbar richtig auch diese Bestrebung ist, kenne ich keine Bewegung, welche mit so viel Beschränktheit oder Böswilligkeit beurteilt und ausgelegt worden wäre, wie den Zionismus. Der westeuropäische Kulturjude, der geistige Arbeiter* der Plutokrat oder gar Aristokrat halten es für einen Irrgedanken, nach Palästina auszuwandern, um dort zu ackern und zu säen und an den Ufern des alten Jordans Viehzucht zu treiben. Die letztgenannte Schicht sehnt sich nicht nach dem Fuße des Libanons, sondern in die Gentry- und Aristokraten-Kasinos eines jeden Landes. Ebenfalls steht die Bourgeoisie dem Zionismus fremd gegenüber, welche zwar auch in ihrer wirtschaftlichen Lage den Judenfluch ziemlich zu fühlen bekommt, sich trotzdem aus ihrem jetzigen sozialen Rahmen nicht, hinaussehnt. Doch sind die Schichten national keine Juden mehr. Die geistige Charakteristik des Judentums ist aus ihrem Innern längst entschwunden. Die wirtschaftlich höher gestiegenen jüdischen Schichten bestreben sich daher überall, auf jede Art und Weise, durch Taufe, Mischehe, Änderung der Lebensweise, Umgestaltung der Denkart sich in den höhern Schichten der christlichen Gesellschaft aufzulösen. Mit der Macht eines Naturgesetzes vollzieht sich dieser Prozeß, und vergebens kämpfen dagegen die Possenschreiber und die Führer der Religionsgemeinden. Ebenfalls bilden die geistig reinen Juden die im Vermögen vielleicht nicht so hoch gestiegenen, jedoch ein geistig vornehmes Niveau vertretenden Schichten. Diese, wenn sie sich auch nicht taufen lassen, werden zu konfessionslosen Freidenkern. Der Abfall vom alten Glauben und der Aufstieg in die wissenschaftliche Lebens- . anschauung vollziehen sich wieder unter dem Drucke eines psycho-