Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 2 DIE^ELT 33 dessen einen dreigliedrigen, in Berlin residierenden Ausschuß einsetzen wollen, ist eine Zweckmäßigkeitsfrage, die sich lediglich nach dem Gesichtspunkte entscheidet läßt, wo man die geeigneten Führer findet. Prinzipiell bin ich aber der Meinung, daß dieser Mißstand, der die nicht am Sitze des Bureaus wohnenden Mitglieder des Präsidiums von der ständigen Mitarbeit ausschließt, nur durch die Schaffung der von mir vorgeschlagenen Dezernate behoben werden kann. Ich denke mir allerdings, daß die Dezernenten im Rahmen ihres Dezernats lediglich die laufenden Geschäfte von geringerer Bedeutung selbständig erledigen, daß aber für alle Fragen von prinzieller Tragweite die Dezernenten lediglich das Material sammeln und in den Sitzungen des Präsidiums eingehenden Bericht erstatten, worauf eine Beschlußfassung erfolgen kann. Eine Art Dezernat hat bisher auch bestanden in Form des Palästinadezernats. Ich glaube, daß dieses Dezernat im allgemeinen mit Erfolg gearbeitet hat. Dieses Dezernat hat aber hisher unter dem Mißstand gelitten, daß seine Kompetenzen und Funktionen nicht genügend abgegrenzt waren, so daß infolgedessen mehrfach Reibungen entstanden sind. Wenn von vorneherein aber der Umfang und Inhalt der Befugnisse der einzelnen Dezernenten klärgestellt ist, dürfte eine Veranlassung zu solchen Kompetenzstreitigkeiten und Reibungen nur selten gegeben sein. Mit der Frage der Verlegung der Leitung ist diejenige des Bureaus eng verbunden. Man hat zwar die Fragestellung umgekehrt. Das entspricht aber keinem organisatorischen Prinzip. Nicht, wo das Bureau ist, muß die Leitung sein, sondern wo die Spitze der Bewegung ist, dorthin muß das Hauptbureau folgen. In dieser Beziehung muß ich mit aller Entschiedenheit und Klarheit betonen, daß es völlig ausgeschlossen erscheint, den Sitz der Leitung und der Bewegung und das Hauptbureau zu trennen. Fällt der Mantel, so folgt ihm der Herzog nach, so sagt Fiesco. Fällt der Herzog, so fällt auch der Mantel, so sage ich. Wenn Sie die Leitung in Köln belassen, muß auch das Hauptbureau der Bewegung in Köln bleiben, und wenn Sie die Leitung nach Berlin verlegen, muß das Hauptbureau mit allen seinen Abteilungen nach Berlin verlegt werden. Selbstverständlich müßte dann auch das Hauptbureau des Nationalfonds nach Berlin, und so sehr ich mit allen Fasern meines Herzens durch die Tätigkeit der letzten Jahre mit demselben verwachsen bin, so schwer es mir fallen würde, die unternommene Örganisonsarbeit für diesen Fonds in andere Hände legen zu müssen, so müßte eben diese Konsequenz gleichfalls gezogen werden, wenn die Verlegung des Sitzes der Leitung nach Berlin im Interesse der Bewegung erforderlich wäre. Ich möchte Sie aber an dieser Stelle auf das nachdrücklichste davor warnen, übereilte Beschlüsse in dieser Richtung zu fassen. Unsere Tätigkeit in den letzten 6 Jahren hat außerordentlich darunter gelitten, daß sich fortwährend andere Personen mit der Führung der Arbeiten beschäftigen mußten, außer unserm Präsidenten Wolffsohn, der jetzt seit nahezu 5 Jahren an der Spitze der Bewegung steht. Die Erfahrung, die man in einer solchen Zeit gewinnt, ist ein sehr beachtenswerter Faktor. Die Verlegung der Leitung und des Sitzes des Hauptbureaus nach Berlin würde eine Unterbrechung wichtiger Arbeiten und das Abbrechen zahlreicher Beziehungen zur Folge haben, ohne daß hierzu eine dringende Notwendigkeit vorhanden wäre. Man hat mir zu Unrecht vorgeworfen, daß ich in meinem Organisationsstatut eine Lanze für die gegenwärtige Führung brechen wollte. Wer das Statut vorurteilslos prüft, wird eine solche Behauptung nicht aufrecht erhalten können. Mein Entwurf hat meines Erachtens gerade den Vorzug, von jeder Personenfrage abzusehen und es auf die eigenartigen Verhältnisse der zionistischen Bewegung aufzubauen, die sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte durchaus nicht ändern werden. Aber ich stehe keinen Augenblick an, hier ganz unabhängig von meinem Organisationsstatut offen zu erklären, daß ich es nicht als einen Vorwurf ansehe, wenn man unterstellt, daß ich meine Kraft einsetze, um die Macht der gegenwärtigen Führung zu stützen. Von der gegenwärtigen Leitung weiß ich, was sie will, wie sie arbeitet, in welcher energischen und vorsichtigen Weise sie unsere Bewegung an schwierigen Klippen vorbei immer vorwärts und aufwärls geleitet hat. Auch unsere Führung hat durch die Tat bewiesen, daß man an der Spitze einer Bewegung, - wie es die zionistische ist, in kurzer Zeit ungeheuer viel lernen kann, und mir ist eine Leitung, von der ich die Grenzen ihrer Fähigkeit kenne, tausendmal lieber als eine neue Komposition, aus deren verworrenen Tönen ich nichts anderes heraushöre als die Unzufriedenheit mit der Tatsache, daß unsere leichtbeschwingten Hoffnungen dem schwerfälligen Gang der Entwicklung der Dinge weit vorauseilen. Wenn ich nun zur Behandlung der Frage der Föderation übergehe, so mÖGhte ich vorausschicken, daß ich nicht, wie das von verschiedenen Seiten angenommen wird, ein Gegner der Föderationsidee bin. Herr Dr. Rosenfeld aus Lemberg scheint das unterstellt zu haben, indem er sich über die Einschränkung der Föderationsidee durch das neue Statut mit bitterer Ironie beklagt. Im Gegenteil wünsche ich den Föderationen die freieste Entwicklung in unserer Bewegung, weil ich ein Freund neuer Ideen überhaupt bin und weil ich die Ansicht vertrete, daß man jeglicher Neugruppierung auf Grund eines lebenskräftigen Prinzips und neuen Idee die Entwicklungsmöglichkeit innerhalb unserer Bewegung auf der breitesten Grundlage eröffnen soll. Ich halte aber die gegenwärtigen Bestimmungen über die Föderationen nicht für geeignet, diesen Zweck zu erfüllen. Dadurch, daß die Föderationen in eine Konkurrenz mit der Landesorganisation treten, wird die Notwendigkeit geschaffen, daß die Landesorganisationen die Föderationen, die sich in ihrem Lande bilden, möglichst einzuschränken und in der Entwicklung zu hindern suchen. Dies ist ein großer Übelstand bei nach gleichen Zielen strebenden Organisationen innerhalb der Bewegung. Dadurch, daß die Anerkennung der Föderation an eine gewisse Mindestzahl von Schekelzahlern geknüpft ist, ist es für die Anhänger einer bestimmten Richtung außerordentlich schwer, es überhaupt bis zur Föderationsbildung zu bringen, und wenn die Föderationsbildung erfolgt ist, so besteht die Gefahr, daß durch Bekämpfung seitens der einzelnen Landesorganisationen die Schekelzahl der Föderation sinkt und dadurch die Föderation wieder aus der Reihe der zionistischen Organisationen gestrichen wird. Das bedingt eine Unsicherheit in der Existenz der Föderationen, welche dem Interesse der Föderation entschieden widerspricht. Es wundert mich, daß von den Anhängern der verschiedenen Föderationen, welche den neuen Statutenentwurf geprüft haben, dieser Gesichtspunkt nicht mit genügender Deutlichkeit erörtert worden ist, sonst wäre es nicht möglich, daß z. B. die Poale Zion in Wien gegen diese Bestimmungen, welche ihnen eine neue Lebens- und Entwicklungsaussicht schaffen, polemisiert haben. An Stelle der Föderation treten nach dem neuen Statutentwurf Vereine und Vereinsverbände. Ich habe zwar für diese Vereinsbildung ein Minimum von Mitgliedern in Höhe von 50 Personen vorgesehen, doch lasse ich diese Einrichtung gerne fallen. Ich meine aber, daß es doch gewiß leichter sein muß, an vielen Orten Vereine mit 50 Mitgliedern zu bilden, als über die ganze Welt zerstreut eine Gemeinschaft von 3000 Schekelzahlern. Was ich von jedem Zionisten verlange, einerlei ob er einer bestimmten Föderation angehören will, oder einem Vereine irgendwelcher Parteirichtung, ist, daß er nicht nur seine Zugehörigkeit zur zionistischen Gemeinschaft durch Zahlung des Schekels betätigt, sondern daß er sich in die zionistische Organisation durch Leistung eines Beitrages für die Landesorganisation einreiht. Durch diese Einrichtung wird die Konkurrenz zwischen der Landesorganisation und den Föderationen beseitigt. Im Gegenteil haben nach dieser Neueinrichtung die Landesorganisationen das höchste Interesse daran, daß sich ein möglichst vielgestaltiges reiches Leben auf der Basis der Vereins- und Föderationsbildung im Lande entwickelt, da alle diese Vereine und Vereinsverbände durch Werbung neuer Mitglieder die Mittel der Landesorganisationen und dadurch die Möglichkeit der Betätigung derselben stärken und erweitern müssen. Durch das Verlangen, daß jeder Zionist den Landesbeitrag entrichten muß, will ich auch unserer Finanznot steuern. Ich verstehe nicht, daß gerade solche Genossen diesen Vorschlag bekämpfen, die für die Erhöhung des Schekels eintreten. Es ist doch organisatorisch ein höheres Prinzip, wenn sämtliche Gesinnungsgenossen auch innerhalb der Landesorganisation vereinigt sind und diese durch die hierdurch gewährten Mittel in den Stand gesetzt wird, den Scheitel ohne Abzug abzuliefern, als wenn man den Schekel erhöht, von dem dann ein Teil in der Kasse der Landesorganisation hängen bleiben muß, weil diese sonst an Mangel von Mitteln zugrunde geht. Unsere Gesamt-Organisation hat aber das allergrößte Interesse daran, daß die Landesorganisationen lebenskräftig bleiben, weil nur durch eine energische Tätigkeit innerhalb dieser Zentraiorgane der einzelnen Länder die zionistische Bewegung an Umfang und Kraft gewinnen kann. Ich hoffe, daß ich durch den Hinweis auf diesen Gesichtspunkt auch diejenigen Gesinnungsgenossen als Freunde für den neuen Organisations-Entwurf gewinnen kann, die sich bisher aus dem Gesichtspunkt der Wahrung ihrer Federationsinteressen als Gegner desselben bekannt haben. Die wichtigste Änderung, die ich aber in dem Entwurf zum Vorschlag bringe, besteht darin, daß die Grundlage der zionistischen Organisation nicht mehr der einzelne Schekelzahler bilden soll, sondern der zionistische Verein. Unser großer Führer Herzl hat seinen Organisationsplan auf dem V. Kongreß damit begründet, daß