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Die Welt · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 2 - - DIE] Ungeduld gewartet, und der Gelegenheit gehabt habe, tausenden von unterdrückten Juden eine Heimat in der Türkei zu verschaffen, diese durch seinen Entschluß, ausschließlich in Palästina zu arbeiten, verspielt habe. „King" will durchaus gegen die Rede Nordaus und die Palästina-Revolutionen des Kongresses Einspruch erheben, anderseits aber ist er absolut bereit, und fordert alle Juden auf, den Erklärungen WolffsQhns zuzustimmen. Auch der hier erscheinende Jnngtürkische „Jeni Assir", der von unserm Gesinnungsgenossen Moise Cohn, Delegierter beim neunten Kongreß redigiert wird, brachte bisher nur einen kurzen Bericht über den Kongreß. Auch er hebt besonders die Rede des Herrn Wolffsohn hervor und verzeichnet mit Genugtung, daß die ottomanischen Delegierten vom Kongreß und dem Präsidenten Wolffsohn auf das Herzlichste begrüßt wurden. Kongreßreferat Dr. Bodenheimers über das Organisationsstatut > Sehr geehrter Kongreß! Nur zögernd folge ich dem Ruf des A. C, den Entwurf eines neuen Organisationsstatuts vor dem Kongreß zu vertreten, da gegenüber den wenig freundlichen Äußerungen über diesen Plan Standhaftigkeit und Courage dazu gehört, die Waffen der Dialektik mit so viel tüchtigen Gegnern zu kreuzen. Es sind schwerwiegende Bedenken gegen eine Änderung des bestehenden Statuts laut geworden. Man hat nicht ganz mit Unrecht angeführt, daß das jetzige Organisationsstatut erst auf dem letzten Kongreß geschaffen worden sei und darum die Zeit noch nicht genüge, um mit Bestimmtheit sagen zu können, daß es sich nicht bewährt habe und in welchen Punkten man den Hebel der Besserung einsetzen müsse. Auch ist gesagt worden, daß eine,.gewisse Unsicherheit dadurch geschaffen werde, wenn fortwährend Änderungen an dem Statut vorgenommen werden. Im großen ganzen sei man mit dem jetzigen Organisationsstatut ausgekommen. Es könne sich nur darum handeln, einige geringfügige Änderungen bezüglich der Leitung vorzunehmen. Sodann hat man auch gegen eine Behandlung der Organisationsfrage auf dem Kongreß geltend gemacht, daß Organisationsfragen bei den Kongreßdelegierten nicht das nötige Interesse erregten und es deshalb nicht angebracht sei, dieselben auf jedem Kongreß aufzuwerfen. Hierdurch könnten wichtigere Angelegenheiten der Bewegung Schaden leiden. Gegen diesen Gesichtspunkt möchte ich mich zunächst mit aller Bestimmtheit wenden. Man braucht die Bedeutung einer guten Organisation für die Bewegung nicht zu überschätzen. Man wird aber doch zugeben müssen, daß die Ideen der zionistischen Weltanschauung und die Politik ohne eine gute Organisation der Bewegung wie ein Wagen ohne Räder wäre. Selbstverständlich ist das geistige Leben innerhalb der von zionistischen Ideen erfüllten jüdischen Bevölkerung bedingt durch Verbreitung des jüdisch-nationalen zionistischen Ideals, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine richtige Politik der Führung in den Geschäften der Bewegung notwendig ist, um das zionistische Ziel zu erreichen. Aber ebensowenig* wie es möglich ist, einen Bau zu errichten, der Jahrhunderte überdauern soll, ohne einen guten wohldurchdachten zweckmäßigen Grundriß, ebensowenig kann die zionistische Bewegung sich entwickeln und ihren Zielen entgegenstreben ohne eine vernünftige Organisation, die den Zwecken der Bewegung, den Gesetzen, unter denen die Juden wohnen, und den Ansprüchen der jüdischen Bevölkerung der einzelnen Länder genügt. Wenn aber der Grundriß eines Gebäudes den Zwecken, denen derselbe dienen soll, nicht entspricht, ist das ganze Bauwerk verpfuscht. Nach einem Bild, das ich in meiner ersten Kongreßrede über die Organisation gebraucht habe, kann man diese auch mit dem Nervensystem der höhern organischen Lebewesen vergleichen. Dieses dient dazu, die Empfindungen aus allen Teilen des Körpers in einem Zentralpunkt zu vereinigen und von dieser Zentralstelle aus die Befehle für eine zweckmäßige Handlungsweise nach allen Richtungen und Organen des Körpers zu entsenden. Wenn dieses Nervensystem nicht richtig funktioniert, geht der Organismus zugrundev Hierin besteht also der Wert und die Bedeutung einer guten Organisation, daß die Gesundheit, die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit der Gesamtheit durch dieselbe bedingt ist. Darum hoffe ich darauf rechnen zu dürfen, daß auch Sie trotz *) Wir trägen hiermit unserm Kongreßbericht das dem Kongresse gedruckt vorgelegte Referat Dr. Bodenheimers nach, das in unserm Berichte noch nicht enthalten war. KELT 31 der trockenen Sachlichkeit dieses Gegenstandes demselben die gebührende Aufmerksamkeit schenken werden, in der Überzeugung, damit die Größe und Zukunft unserer Bewegung, zu sichern. Es ist auch nicht das erste Mal, daß wir Änderungen an der Organisation beraten, nachdem auf Grund meines Referats das erste provisorische Statut geschaffen worden war. Ich habe selbst damals der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß dieses Statut den Zwecken der Bewegung nicht ausreichend dienen könne. Wir mußten gewissermaßen alles ab ovo aus dem Nichts schaffen und konnten uns nicht einmal nach Vorgängen bei andern Parteigruppierungen richten, da die Verhältnisse innerhalb der zionistischen Bewegung ganz eigenartig gestaltet sind. Auf dem III. Kongreß wurde dann auf Vorschlag des A. C. ein Organisationsstatut angenommen, welches den Anspruch zu erheben schien, für die Dauer berechnet zu sein. Aber Herzl sah binnen kurzem, daß dieses in lapidaren Zügen verfaßte Statut den Ansprüchen der Bewegung nicht genüge, und sq. wurde denn schon auf dem V. Kongreß eine neue grundsätzliche Änderung des Statuts beschlossen. Während die schwierigste Frage bei den Erörterungen dieser Statutentwürfe die Festlegung des Verhältnisses zwischen dem A.C. und den Landesorganisationen sowie die Organisierung von Vereinen und Wahlgruppen bildete, tauchte nach dem Tode Herzls als wichtiger Punkt die Erörterung der Frage auf, wie das A.C. zweckmäßig zusammenzusetzen sei. Es ergab sich daraus schon auf dem VII. Kongreß die Notwendigkeit einer neuen Änderung des Organisationsstatuts. Trotz aller dieser Verbesserungen mußte sich der VIII. Kongreß wieder mit einer Organisationsberatung befassen» die nach Ansicht des Herrn Pragmaticus in der „Jüdischen Rundschau" „eine unfruchtbare Spielerei" ist. Es ergab sich nämlich die Notwendigkeit, die Frage der Leitung von neuem zu ventilieren. Sie sehen also, daß unser Organisationsstatut bis heute noch keine Einrichtung war, von der man sagen konnte, daß sie 'in befriedigender Weise funktioniert hätte und daß man für sie das Prinzip in Anspruch nehmen könnte, sie als etwas Fertiges und Unantastbares zu betrachten; im Gegenteil geht aus diesem geschichtlichen Rückblick hervor, daß der Kongreß sich statt der Radikalkur einer fundamentalen Änderung des Statuts stets mit Flickarbeiten auf der unzulänglichen Grundlage des ersten Entwurfs begnügt hat. Die Furcht vor öden Statutenberatungen darf nicht so weit gehen, die wichtigsten Grundlagen der Bewegung zu vernachlässigen. Wir freuen uns gewiß, wenn ein aufmerksames und interessiertes Publikum und die Damen in schönem Kranz an den Verhandlungen des Kongresses Anteil nehmen. Der Kongreß tagt aber doch nicht für die Galerie und um wirkungsvolle Reden zu hören, sondern um die ernstesten Aufgaben des jüdischen Volkes zu erfüllen, und dafür ist wirklich keine Zeit zu kostbar und keine Debatte zu trocken und zu öde. Ich komme nun zu dem Einwurf, daß die Mängel des gegenwärtigen Organisationsstatutes nicht so bedeutend seien, um ein neues Statut zu schaffen. In dieser Hinsicht ist die Meinung der bisherigen Leitung der Bewegung meiner Meinung nach nicht von geringere Gewicht als diejenige der Herren Dr. Möller, Rosenfeld und Pragmaticus, welche glauben, daß man auch mit dem bisherigen Statut weiterarbeiten könne. Die Meinung der bisherigen Leitung des E. A. C geht aber mit aller Bestimmtheit und Deutlichkeit dahin, daß das jetzige Statut nach verschiedenen Richtungen hin kein geeignetes Mittel ist, um die in der ganzen Welt zerstreute Bewegung auszugestalten und zu fördern. Die Hauptfehler des alten Statuts bestehen in folgenden Punkten, die ich gleich zu Beginn meines Referats zusammenfassen will. Erstens ist sowohl die Gesamtleitung in Form des A. C. unzweckmäßig organisiert, wie auch das E. A. C, das an seiner Spitze steht. Zweitens ist die Neueinrichtung internationaler Föderationen in der Form, in der sie vom letzten Kongreß beschlossen worden ist, geeignet, die Organisation zu verwirren und die Landesorganisation zu schwächen, ohne daß die Bestrebungen, welche in den Föderationen nach Ausdruck und Machtbetätigung suchen, irgendwie in der Lage wären, aus dieser Einrichtung entsprechende Vorteile zu ziehen. In dritter Linie bietet die Fundierung der Bewegung auf den Schekelzahler weder eine sichere Grundlage für die Finanzen der Bewegung, noch die Gewähr, daß die Bewegung in konstanter Entwicklung immer neue weitere Kreise der Judenheit in sich einschließen wird. Was zunächst das Große A. C. und die Jahreskonferenz anlangt, so muß darauf hingewiesen werden, daß durch die Einrichtung der Jahreskonferenz oder eines kleinen Kongresses ein Zwischenglied geschaffen werden sollte, welchem durch Hinzuziehung aller in der zionistischen Bewegung arbeitenden autoritativen Körperschaften ein größeres Gewicht gegeben werden soll, um den Kongreß zu ersetzen. 2*

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