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Die Welt · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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30 DIESqXELT No. 2 den russischen und den deutschen Zionisten anlangt, die sich in der Frage der zukünftigen Leitung besonders scharf zugespitzt haben, so komme diesen Gegensätzen nicht diejenige Bedeutung zu, die ihnen von den Gegnern des Zionismus'beigelegt werden. Bis zum zehnten Kongreß werde es den russischen Gesinnungsgenossen sicherlich gelingen, die deutschen Zionisten von der Richtigkeit ihrer Forderungen zu überzeugen. Es wäre den russischen Delegierten ein leichtes gewesen, ihren Standpunkt durchzusetzen und die westlichen Gruppen zu besiegen; aber ein solcher Sieg wäre ein Sieg der Gewalt gewesen, während es den russischen Zionisten darauf angekommen sei, den ganzen Kongreß durch die Macht der Wahrheit zu ihren Postulaten zu bekehren. Dies werde auch ihr Bestreben auf dem nächsten Kongreß sein, von dem sie zuversichtlich hoffen, daß er sich ihre Anschauungen zu eigen machen werde. „Unser Leben" (Warschau) führt in einer Schlußbetrachtung über den Hamburger Kongreß u. a. folgendes aus: „Es darf nicht übersehen werden, daß der Kampf der Parteien, wenn er auch äußerlich einen rein persönlichen Charakter trug, indem die eine Gruppe für Wolffsohn, die andere gegen ihn kämpfte, im Grunde doch ein Prinzipienkampf war. Die russische Gruppe neigt von jeher zu realer Arbeit in Palästina, während die westeuropäischen Zionisten die Organisation der Bewegung in den Golusländern für die nächstliegende und wichtigere Aufgabe halten und die Palästinaarbeit auf einen spätem, günstigem Zeitpunkt verschoben wissen möchten. Dies ist der tiefere Sinn der Schlachtrufe: Hie Köln — hie Berlin. Die große Majorität der russischen und österreichischen, sowie die palästinensischen Delegierten forderten die Verlegung der Zentrale nach Berlin, d. h. die sofortige Inangriffnahme praktischer Palästinaarbeit, wie sie von Prof. Warburg geleistet und vertreten wird, während die westeuropäischen Delegierten die Beibehaltung der Kölner Leitung, d. h. des bisherigen Arbeitsprogramms und der bisherigen organisatorisch-politischen Richtung wünschte, die in D. Wolffsohn verkörpert ist. Es muß nun hervorgehoben werden, daß, wenn es auch den Anschein hat, als sei die osteuropäische Gruppe auf dem Kongreß unterlegen, in Wirklichkeit doch diese Gruppe als Siegerin aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Eine Reihe von Beschlüssen, die der Kongreß gefaßt hat, haben die Richtung der realen Palästinaarbeit sanktioniert. So ist die Forderung, daß die flüssigen Gelder der Kolonialbank allmählich nach Palästina überführt und in palästinensischen Unternehmungen angelegt werden sollen, zum Kongreßbeschluß erhoben worden. Hierher gehört auch der Beschluß, daß der Nationalfonds die jüdischen Arbeiter in Palästina auf seinen Besitzungen bodenständig machen soll. Eine sehr große Bedeutung kommt ferner dem Beschluß wegen Gründung eines Agrarkreditinstituts zu. Auch sonst hat der Kongreß der wiedergewählten Leitung Direktiven erteilt, die der realen Arbeit in Palästina einen bedeutenden Platz in ihrem künftigen Aktionsprogramm sichern. Nunmehr ist die Reihe an den lokalen zionistischen Organisationen, die Gesamtorganisation durch intensive Arbeit zu stärken, damit die Kölner Leitung auf dem nächsten Kongreß nicht wieder Grund und Veranlassung hat, den russischen Gesinnungsgenossen nach dieser Richtung hin Vorwürfe zu machen." „Heed Hasman" veröffentlicht in seiner Nr. 286 ein Interview seines Korrespondenten mit dem Reichsratsabgeordneten A. Stand über die Ergebnisse des IX. Kongresses. „Unser Kampf gegen die Kölner Leitung", sagte Herr Stand, „war ein prinzipieller. Nichts Persönliches lag ihm zugrunde. Wir, d. h. die Wiener, Bukowinaer und galizischen Zionisten, stimmen alle darin überein, daß die Tätigkeit der Leitung sich in Palästina konzentrieren muß. Wir sind für reale Palästinaarbeit und werden selbstverständlich nicht aufhören, die Leitung in schärfster Weise zu kritisieren, wenn sie nicht in Erez-Israel arbeiten wird. Wir werden bei dieser unserer Forderung beharren und hoffen, daß auf dem nächsten Kongreß der Sieg unser sein wird. Allerdings", fuhr Herr Stand fort, „müssen wir uns nunmehr der Kölner Leitung, nachdem sie vom Kongreß neu eingesetzt worden ist, unterordnen. Disziplin ist der Anfang aller Dinge, ohne sie kommen wir nicht vorwärts. Wenn wir uns der vom Kongreß gewählten Leitung widersetzen wollten, würden wir die Autorität des Kongresses selbst untergraben und den Ast absägen, auf dem wir sitzen".' Der „Wschod" in Lemberg schreibt: „Der eben stattgefundene Kongreß wird, wenn wir nicht irren, ein überaus wichtiges Datum in der Entwicklung des zionistischen Gedankens und einen Wendepunkt in dem Fortschreiten unserer Organisation bilden. In einer Hinsicht namentlich stand der IX. Kongreß vollständig auf der Höhe seiner Aufgaben und entsprach den allgemein gehegten Erwartungen. Der Kongreß ist eine Tribüne geworden, wo klar und offen, ohne Furcht und kleinliche Rücksichten vor den Augen der ganzen Welt die verschiedenen Ideenströmungen in unserer Partei zum Ausdruck kommen. Man mag verschiedener Ansicht über die scharfe rücksichtslose Kritik sein, welche die bisherige Leitung der Bewegung auf dem Kongreß erfahren hat. Man mag der Meinung sein, daß ein tieferes Eindringen in die Intentionen der bisherigen Führung, eine bessere Vertrautheit mit den wirklichen Verhältnissen und existierenden Möglichkeiten, vielleicht manches Mißverständnis und so manches scharfe Wort erspart hatten. Eines muß jedoch ohne Einschränkung anerkannt werden, daß das Auftreten der Repräsentanten dieses oder jenes „Lagers" eine so tiefe Achtung, eine so imponierende Liebe zum Volke und dessen Ideale bewies, ein derartig aufrichtiges Streben zur Verbesserung der Verhältnisse und zur Vorbereitung einer bessern Zukunft, daß wir von diesem Gesichtspunkte betrachtet, über den Verlauf des Kongresses stolz sein können und noch mehr über dieSumme von Intelligenz und guten Willen und den zionistischen Patriotismus der jüdischen Elite. Daraus ist leicht zu erklären, daß trotz aller Gegnerschaft und der verschiedenen Anschauungen der IX. Kongreß einige wirklich schöne und große Momente erlebte. Wir erinnern bloß an den außergewöhnlichen Enthusiasmus, welchen die zweite große Rede Wolffsohns am 2. Kongreßtage hervorrief, an die allgemeine Begeisterung mit welcher die programmatischen Erklärungen Nordaus über die Situation in der Türkei aufgenommen wurden, an das hohe Niveau der palästinensischen Diskusion und — last not least — auch daran, mit welcher Ruhe und Achtung die Opposition nach langen und aufregenden Kämpfen sich mit der neuerlichen Übergabe der Parteileitung an die bisherigen führenden Persönlichkeiten abfand, das alles war schön und männlich. Namentlich ein Umstand muß als bedeutendes Plus des stattgefundenen Kongresses registriert werden. Präsident Wolffsohn zeigte sich als ein Mann, der vollständig auf der Höhe seines verantwortungsvollen Postens steht, der seine Pflichten und Aufgaben tief erkennt, der weiß, was er will und wollen darf. Freilich einen Herzl haben wir heute nicht, jedoch in der heutigen Situation, bei unsern heutigen Mitteln und Möglichkeiten geben wir mit vollem Vertrauen und voller Ruhe das Steuer unserer Bewegung den bewährten Händen unseres Präsidenten. Wir sind auch der Meinung, daß nach einiger Zeit die augenblicklich aufgeregten Gemüter und ebenso die jetzige Opposition anders und gerechter die unschätzbaren Verdienste Wolffsohns, seinen über jeden Zweifel stehenden guten Willen, seinen heißen Patriotismus und seine ungewöhnliche Opferwilligkeit beurteilen werden. Anderseits sind wir tief überzeugt, daß unsere Leitung nunmehr unsere Organisation im Geiste der auf dem Kongreß zum Ausdruck gekommenen Anschauungen und Bestrebungen führen wird, daß sie im Sinne der allgemeinen Wünsche das Tempo ihrer Aktionen etwas beschleunigen und sich bemühen wird, einen engen Kontakt mit den intellektuellen Führern der zionistischen Bewegung in den verschiedenen Ländern zu unterhalten. Auf diese Weise wird ohne Zweifel die Unzufriedenheit schwinden, welche, wie sich zeigte, mehr Mißverständnissen als wirklichen Ideengegensätzen entspringen." Über die Stellungnahme der Saloniker Presse zum Kongreß erhalten wir folgenden Bericht: Unsere hiesigen Freunde warteten mit Ungeduld auf die Mitteilungen über den neunten Zionistenkongreß. Ihre Spannung wurde aber nur wenig befriedigt, da die hiesigen Zeitungen wegen Raummangels zunächst nur sehr kurze Berichte brachten. Der „Avenir" widmete zwar dem Kongresse einen sehr warmen Leitartikel, brachte aber nur sehr kurze Berichte. Erst nach der Rückkehr des Herrn David Flo/entiri vom Kongreß erschien aus der Feder dieses Delegierten im „Avenier" eine sehr klare Übersicht über den Kongreß. Auch hat Herr Florentin bereits zugesagt, im „Bnei-Zion" ausführlich über den Kongreß zu referieren. Auch der „Progres de Salonique" brachte schließlich einen Vorbericht und später einen ziemlich genauen Bericht über den Kongreß, den er dem „Journal des Debats" Paris entnahm. Die „Epoca" suchte in ihren Berichten möglichst die ungünstigen Momente des Kongresses zum Ausdruck kommen zu lassen. Das „Journal de Salonique" veröffentlichte einen sehr freundlichen Artikel seines politischen Redakteurs „King" über den Kongreß. „King" stimmt der Eröffnungsrede des Herrn Präsidenten Wolffsohn vollständig bei. Jeder Israelit, der sich seines Volkstums bewußt ist, kann nach seiner Ansicht alles, was Herr Wolffsohn gesagt hat, unterschreiben. Hingegen ist er weniger einverstanden mit der Rede Max Nordaus, insbesondere mit den Steilen, wo er davon spricht, daß die Juden sich keineswegs den Türken assimilieren wollen. Auch die Kundgebung des Kongresses, nur für Palästina zu arbeiten, erregt sein Mißfallen, Er behauptet, daß der neunte Zionistenkongreß, auf dessen Erklärungen man mit

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