Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bis dahin ist die Frage der Leitung, die auch weiterhin im Vordergrund steht, lediglich vertagt. Wir konstatieren, daß auch die russische Landsmannschaft die Einsetzung der provisorischen Leitung nur so verstanden hat. Sie ist durchaus nicht niedergedrückt und schickt sich an, mit den politisch reifen Westlern gemeinsam weiterzuarbeiten." Dr. Bernfeld schreibt im „Israelitischen Gemeindeblatt", Köln; „Wenn man von dem Objekt absehen will, um das in Hamburg so heiß und zum Teil auch so haßerfüllt gekämpft wurde, so muß man sagen, daß der Kampf an sich sehr interessant und reich an psychologischen Momenten war. Es stand von Anfang an fest, daß der Streit sich hauptsächlich um die Frage drehen wird, ob David Wolffsohn in Köln die Leitung der zionistischen Organisation behalten dürfe. Das war im Grunde genommen eine sachliche und prinzipielle Frage, — oder richtiger, sie hätte eine solche sein sollen und bleiben müssen. Man sagte nämlich, — ich weiß allerdings nicht, ob mit Recht, — Wolffsohn sei nicht mit dem schnellen Tempo der praktischen Arbeit in Palästina einverstanden, wie sie von anderer Seite seit Jahren gewünscht wird. In der zionistischen Presse wurde diese Frage die Jahre hindurch lebhaft debattiert. Aber trotzdem ich diese Erörterungen mit dem größten Interesse verfolgt habe, konnte ich mir kein sicheres Urteil darüber bilden. Für mich ist es klar, daß es sich hier nicht um politische Fragen handelt, sondern um technische, die nur durch Sachverständige gelöst werden können. Eine zweite wichtige Frage war, ob Köln der geeignete Punkt sei für den Sitz der zionistischen Zentralleitung. Es wurde vielfach behauptet, daß es unmöglich sei, vom „Dorfe" Köln aus die Welt zu überblicken und die jüdische oder auch nur zionistische Politik zu leiten. Man wünschte die Verlegung der Zentrale nach Paris oder nach Berlin, von wo aus die „diplomatischen Beziehungen" besser gepflegt werden könnten. Darüber möchte ich mir schon eher ein Urteil erlauben. Paris scheidet ohne weiteres als Sitz der Zentrale aus, da dort, nachdem Max Nordau die Präsidentschaft abgelehnt hat, keine geeignete Persönlichkeit für dieses Amt vorhanden ist. Bleibt also nur noch Berlin. Hier wäre ein zu großer Reichtum an Präsidenten vorhanden, und der Einfluß dieses Reichtums hätte sich bald als schädlich und störend erwiesen. Es ist nach meiner Ansicht geradezu ein Vorzug Kölns, daß es nicht so nahe an dem Cafe „Monopol" in der Friedrichstraße zu Berlin liegt, wo bekanntlich seit Jahren die abenteuerlichste jüdische Politik gemacht wird. In Köln ist die Leitung von diesen Einflüssen frei, denen sonst auch der vernünftigste Mensch, wenn er sich mit diesen Sachen beschäftigt, erliegen muß. Und was die diplomatischen Beziehungen zu der Türkei betrifft, so können sie von Köln aus ebensoviel, oder richtiger, ebensowenig gepflegt werden wie von Paris oder Berlin aus. Die sachlichen Fragen, die einer gründlichen Durchberatung bedürfen, sind auf dem IX. Zionistenkongreß ganz in den Hintergrund getreten. Am dringendsten erscheint die Frage der Organisationsreform. Allen verständigen Zionisten muß es einleuchten, daß es so nicht fortgehen kann. Von zwei zu zwei Jahren kommen an irgendeinem Punkt der bewohnten Erde Leute zusammen, die der blinde Zufall zusammengewürfelt hat, und auf jedem Kongreß handelt es sich hauptsächlich darum, daß man einen Teil der Partei hinausdrängt oder weggrault. Eine neue Erscheinung ist seit dem VIII. Kongreß an den Tag getreten, die man nach den Erfahrungen des IX. Kongresses nicht mehr als eine vorübergehende wird bezeichnen dürfen. Auf den ersten sieben Kongressen war das osteuropäische Element vorherrschend. Auf dem VIII. Kongreß zeigte sich bereits eine merkliche Abnahme seines Einflusses. Diesmal gingen die russischen Delegierten geschlossen vor, sie zogen an sich au«ch die galizischen Vertreter und die aus England und Amerika, soweit sie von den eingewanderten russischen oder polnischen Juden gewählt waren. Es zeigte sich in Hamburg deutlich die Spaltung zwischen Ost und West, wobei man kleine Abweichungen von dieser Regel unbemerkt lassen kann. Zweifellos hat aber der Zionismus unter den osteuropäischen Juden in den letzten Jahren abgenommen und unter den westeuropäischen zugenommen. Ein Redner auf dem Kongreß hat auch den Grund dafür ganz richtig angegeben. Im Westen wird die intelligente jüdische Jugend immer mehr zionistisch; der Zionismus hat da einen guten Nachwuchs. Hingegen hat sich im Osten, namentlich in Rußland, die Jugend vom Zionismus abgewandt; die altern Zionisten sind müde und besitzen wahrscheinlich keine werbende Kraft mehr." Der „Jewish Chronicle" ist vom Ergebnis des Kongresses wenig befriedigt. Er schreibt u. a.: Der IX. Kongreß hat die zionistische Organisation aufs schwerste erschüttert und geschädigt zurückgelassen. Am Schluß einer endlosen Diskussion zeigte er sich unfähig, eine andere Leitung für die bisherige zu finden, der er zwar nicht ausdrücklich sein Vertrauen entzogen, der er aber offenbar seine Unterstützung versagt hat. Durch den Widerstreit der Meinungen gespalten, fand sich der Kongreß in einer richtigen Sackgasse. Dieser entzog er sich, indem er die Dinge im Status quo ante beließ, gerade so, als ob sich die Delegierten gar nicht versammelt hätten. Es war ein böses, unwürdiges Ende für einen Kongreß, der glänzend begann und viele bewundernswerte Erscheinungen aufwies. Herr Wolffsohn stand der Organisation in einer nicht beneidenswerten Lage gegenüber. Er kandidierte nicht für das Amt, das er jetzt nolens volens gezwungen ist, zu behalten, ohne jene Quelle der Kraft, die jedem Führer einer Volksbewegung die Tatsache der erfolgten Wahl verleiht. Und die andern Mitglieder der Leitung sind in keiner bessern Lage. Sie sind lediglich Platzhalter, da niemand von ihnen weiß, ob er bei einer Wahl, die ihm doch allein, das Recht dieser Stellung verleiht, sein Amt erhalten hätie. Ein solcher Stand der Dinge muß sich für die Organisation als demoralisierend, für ihren tatsächlichen Zusammenhang als keineswegs förderlich erweisen, und sollte, was immer es auch koste, sobald es nur irgend möglich ist, beseitigt werden. Nach Herzls Tod war ein Interregnum in der Leitung, bis Herr Wolffsohn einmütig als Leiter anerkannt wurde. Aber die Organisation litt, ungeachtet der glänzenden und tatkräftigen Arbeit Herrn Wolffsohns und obgleich eine Leitung bestand, die mit der Kraft und dem Ansehen bekleidet war, das die durch den Kongreß erfolgte Wahl verleiht. Jeder Zionist muß mit tiefer Besorgnis einem neuen Interregnum entgegensehen. Gegen Herrn Wolffsohn wurde ein scharfer Angriff vom Kongreß unternommen. Warum? Praktische Arbeit in Palästina war die Forderung. Aber es ist niemand unter den Zionisten, der mit größerm Eifer an der Wiederaufrichtung des Heiligen Landes gearbeitet hat. Dann wurde Herrn Wolffsohns Wohnsitz für einen Nachteil gehalten. Kann etwas Gutes aus Köln kommen? Aber in all den Debatten wurde kein erwähnenswerter Grund vorgebracht, weswegen Herr Wolffsohn nicht fortfahren könnte, zu leiten. Aber der Kongreß machte sich selbst lächerlich oder wurde durch die große Minorität dazu gemacht. Diejenigen, die sich von Herrn Wolffsohn befreien wollten, hätten für einen Nachfolger sorgen müssen, bevor sie ihre, wenn auch grundlosen Anschuldigungen vorbrachten. In Hamburg scheinen die persönlichen Momente in einem unangenehmen Maße vorgeherrscht zu haben. ... In Wirklichkeit muß ein großer Teil der Verantwortung dem Permanenzausschuß und seiner Leitung zugewiesen werden, Wenn wir eine Anregung aussprechen dürften, so wäre sie diese, daß der Permanenzausschuß, der vor dem Kongreß zusammentritt, und gewöhnlich von denjenigen Delegierten, die das Glück haben, frühzeitig einzutreffen, „ausgeknobelt" wird, und der daher niemals der eigentliche Vertreter des Kongresses sein kann, in Zukunft von der Sitzung des Aktionskomitees unmittelbar vor dem Kongreß gewählt werden soll. Die Zionisten sollten die Gefahr erkennen, die der gegenwärtige Stand der Organisation in sich birgt. (Der Artikel schildert sodann die hohe geistige und moralische Bedeutung, die dem Kongreß zukommt, in der Weise, wie wir dies in unserer v:rigen Nummer nach dem „Jewish Chronicle" wiedergegeben haben, und fährt fort): Die Untauglichkeit, die die Delegierten in der mangelnden Erkenntnis dieser Imponderabilien bewiesen, die absolute Unfähigkeit, mit einer nicht einmal besonders schwierigen Situation fertig zu werden, sollten für viele, die sich abseits gehalten haben, eine Aufforderung sein, der Bewegung nicht nur platonische Unterstützung zu gewähren.... Die Hilfe, die die zionistische Organisation so bitter nötig hat, muß kommen von Männern, die in Geschäften erfahren und fähig sind, durch die Gewalt des Geistes zu leiten und zu befehlen. Die zionistische Organisation hat solche Männer." In einem „Nach dem Kongreß" betitelten Artikel in Nr. 52 des „Rasswjet" wird auf die politisch-demonstrative Bedeutung des jüngsten Kongresses hingewiesen, der der erste Kongreß nach der türkischen Umwälzung war. Die Ereignisse im türkischen Reiche haben in verschiedenen Kreisen nach zweifacher Richtung hin Verwirrung und Mißverständnisse hervorgerufen. Einerseits suchte man einen Gegensatz zwischen dem ottomanischen Reichsgedanken und den zionistischen Bestrebungen zu konstruieren, anderseits gab es in unsern eigenen Reihen Leute, die unter dem Eindruck derartiger Verdächtigungen und der Ereignisse selbst nicht abgeneigt schienen, allerlei Kompromisse einzugehen und die Reinheit des zionistischen Ideals zu trüben. Allen diesen Begriffsverwirrungen gegenüber war ein entschiedenes Wort von autoritativer Seite notwendig und diese kategorische, unzweideutige Erklärung ist denn auch in der Rede des Kongreßpräsidenten in einer Weise erfolgt, die uns mit Befriedigung erfüllen kann. Die demonstrative Seite des jüngsten Kongresses ist also durchaus zufriedenstellend. Was die persönlichen und prinzipiellen Gegensätze zwischen