Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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28 DlEi^ELT No. 2 russischen Delegierten ihre zweifellos sachlichen Gründe nicht mit einer so heftigen Kritik der Leitung auf dem Kongreß zu unterstützen gesucht hätten. Auf der andern Seite verfielen die Deutschen, die den Kern der Majorität bildeten, in den Fehler, nur persönliche Angriffe zu wittern, wo Sachlichkeit und guter Wille vorhanden war. So wurden die Gegensätze künstlich verschärft, und als in letzter Stunde die Unmöglichkeit zutage trat, auf Grund der Vorschläge des Permanenzausschusses die Wahl der Leitung vorzunehmen, als man sich genötigt sah, die alte Leitung wieder einzusetzen, weil alle andern Kombinationen unausführbar waren, da lagerte eine böse Verstimmung über den Delegierten, und man gestand sich deprimiert, daß diese wichtige Frage eine ernstere Vorbereitung erfordert hätte. Der IX. Kongreß hat allen Delegierten Lehren erteilt, die gar nicht hoch genug bewertet werden können. Diese Lehren aber sind: Erstens: Es gibt heute im Zionismus keine prinzipiellen Gegensätze mehr. Die Notwendigkeit praktischer Arbeit wird nirgends mehr bestritten, und nur über das Tempo der Arbeit herrschen Meinungsverschiedenheiten. Die Notwendigkeit politischer Arbeit wird gleichfalls allseitig anerkannt, denn sie folgt aus dem nationalen Charakter unserer Bewegung. Zweitens: An der Spitze unserer Bewegung steht ein Mann, der für die Leitung der zionistischen Organisation unentbehrlich ist. Die Forderungen der Gegenwart, die gewisse Reformen in der Zusammensetzung der Leitung und im Zusammenwirken der führenden Männer erheischen, müssen mit dieser Tatsache in Einklang gebracht werden. Ein Ausgleich kann nicht durch Abstimmungen auf dem Kongreß erzielt werden, sondern durch sorgfältige Erwägungen und durch vernünftige Vorbereitung der Entscheidung. Drittens: Der X. Kongreß muß ein wirklicher Arbeitskongreß werden. Seine Aufgabe ist, die auf dem IX. Kongreß diskutierten Parteifragen endgültig zu lösen, das heißt eine einheitliche Leitung und ein "klares Aktionsprogramm zu schaffen." Im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" wird das Resümee des Kongresses wie folgt gegeben: „Der neunte Kongreß begann mit einer Stimmung gegen Wolffsohn, und diese Stimmung kam in dem Permanenzausschuß sowie auch in den Rednern zur Generaldebatte zur Geltung. Da ergriff Wolffsohn das Wort, und was dem Nachfolger eines Herzls Jahre der Leitung nicht gebracht hatten, das gab ihm diese Stunde: die Autorität; denn in dieser Stunde zeigte es sich, daß der bisher vielfach unterschätzte Mann der alle überragende Führer ist. Aus dem drohenden Mißtrauensvotum wurde das uneingeschränkte Vertrauensvotum der erdrückenden Mehrheit des Kongresses; und als am Schluß des Kongresses der zu Anfang gewählte Permanenzausschuß ein Präsidium ohne Wolffsohn vorschlug, da fand er keine Majorität: Wolffsohn ist auch der Präsident der neuen Periode geworden. Aber die zionistische Mehrheit will unbedingt die Konzentrierung aller Tätigkeit der Bewegung auf Palästina. Wie sehr die zionistische Mehrheit von diesem Willen beherrscht wird, illustriert am besten die Tatsache, daß der Kongreß zu den Punkten der Tagesordnung, die nichts mit Palästina zu tun haben, überhaupt nicht kam. Diesen Willen will die Leitung respektieren; während Wolffsohn die Gewähr dafür bietet, daß diese Arbeit im Rahmen des großen zionistischen Gesamtgedankens bleiben wird." In einem zweiten Artikel äußert sich dasselbe Blatt folgendermaßen : „Scheinbar handelte es sich um einen Streit über Personen, der eine sichtbar im Vordergrunde des Gespräches und des Angriffes, der andere fast unsichtbar, sich ganz im Hintergrund haltend; Wolffsohn, Ussischkin waren es, die den Kongreß in zwei Lager gespalten haben. Und doch war es mehr als ein Streit um Personen! Zwei Systeme waren es, die da stritten: der sogenannte politische Zionismus, der in Untätigkeit verharrt, anfangs auf einen Charter mit Zustimmung der Mächte, später aber beim Eintritt von geordneten Verhältnissen in der Türkei auf einen Charter seitens der türkischen Regierung wartend, also eine Methode, die das Große im Auge hat, aber auch mit dem Großen beginnen und zu dem Kleinen — der praktischen Arbeit — erst nachher überzugehen gedenkt, und der praktische Zionismus, der, eine Entwicklung voraussetzend, vom Kleinen zum Großen allmählich gelangen will und daher die praktische Arbeit in Palästina wünscht. Der neunte Kongreß hat stillschweigend eine Entscheidung in dem alten und neuen Streit der Systeme gebracht; in seiner überwiegenden Mehrheit war der Kongreß für intensive Arbeit in Palästina, also gegen ein untätiges Verharren bis zur Erlangung eines Charters. Es klingt sonderbar und doch ist es war: Ussischkin persönlich hat eine Niederlage erlitten, sein System aber kam zur Geltung. Wolffsohn dagegen trug einen persönlichen Sieg davon, sein System aber fei. Dasselbe merkwürdige Schauspiel bot uns der Kongreß noch einmal; das Baseler Programm ist es, dem es so wie dem Präsidenten Wolffsohn ergangen ist. Auch das Baseler Programm blieb unverändert bestehen, allein sein Inhalt hat eine andere Interpretation erhalten: nicht die Mächte sind es, die ihm zu seiner Verwirklichung verhelfen sollen, sondern die ottomanische Regierung, das ottomanische Volk, und seine Verwirklichung soll nicht vor einer Tätigkeit in Palästina stattfinden, vielmehr soll ihr eine ehrliche, verdiente Arbeit im Lande der Väter vorangehen. Diese Auslegung ist die einzig richtige und kann unter der konstitutionellen Türkei nicht anders ausgelegt werden. Mit all diesem können wir uns zufrieden geben; was,uns aber mißbehagt, ist der Umstand, daß die Russen vom engeren A. C. und damit von der unmittelbaren Leitung der Partei ausgeschaltet sind. Man kann für die Dauer unmöglich die Russen, die die eigentliche Wurzel der Bewegung bilden, unberücksichtigt lassen; besonders jetzt, da der Kongreß im Prinzip ihnen zugestimmt hat, wird sich ein solcher Fehler bitter rächen. Zumindestens muß verlangt werden, daß man die russischen Führer zu den Beratungen des E. A. C. hinzuzieht - und keine wichtige Unternehmung ohne ihre Zustimmung ausführt. Nur auf diese Weise kann die Partei vor weiteren Zwistigkeiten bewahrt und ihr jene innere Ruhe gegeben werden, ohne die wir eine gedeihliche Fortentwicklung für ausgeschlossen halten." Die „Jüdische Zeitung" in Wien schreibt: . . . „Aus diesen Verhandlungen und den darüber veröffentlichten Berichten konnte jedermann den großen Fortschritt der zionistischen Bewegung, das machtvolle Anwachsen des Jüdischen Nationalfonds sowie die glückliche und erfolgreiche Entwicklung aller Palästinaunternehmungen erkennen. Die Annahme und finanzielle Fundierung des von Franz Oppenheimer selbst vertretenen Projekts einer Siedlungsgenossenschaft und die Beschlüsse betreffend den Agrarkredit in Palästina eröffnen für die nächste Zeit neue und aussichtsreiche Arbeitsgebiete. Ungeachtet dieser Erfolge müssen wir mit der Offenheit, welche wir als unsere zionistische und publizistische Pflicht betrachten, erklären, daß der Verlauf des Kongresses in der Hauptsache kein befriedigender war. Der Kongreß hat in jener Frage, die uns. augenblicklich die wichtigste dünkt, in der Frage einer radikalen Änderung im System unserer Leitung, keinen entscheidenden Erfolg gebracht. Dies erscheint um so bedauernswerter, als der Verlauf der Kongreßverhandlungen uns in dieser unserer Kardinalforderung nur noch bestärkt hat. Der früher definitive, gegenwärtig provisorische Präsident wollte auch weiterhin nicht mit einem Kollegium arbeiten und lieber zurücktreten, als einem solchen angehören. Er will nicht einsehen, daß unsere Bewegung ein persönliches Regime nicht 'verträgt. Er hat das absolutistische System, welches er im Haag begründete, in der letzten Verwaltungsperiode und vornehmlich am Hamburger Kongreß selbst auf alle mögliche Weise aufrecht zu erhalten gesucht. Die Mittel, deren er sich dazu bediente, mögen geschickt und bei einem Teil des Kongresses augenblicklich wirksam gewesen sein: bei ruhiger Erwägung werden sie wohl selbst von Wolffsohns unbedingten Anhängern nicht verteidigt werden können und zur Förderung seines Ansehens nicht beigetragen haben. Dieses System hat in Hamburg eine nicht zu bemäntelnde Niederlage erlitten. Wenn es gleichwohl zu keiner endgültigen Entscheidung kam, sondern nur zu einem Provisorium, so ist dies einerseits darauf zurückzuführen, daß die reichsdeutschen Delegierten eine Zusammensetzung der Leitung im Sinne der Majorität des Permanenzausschusses durch regelrechte Obstruktion verhindert und dadurch die andere Gruppe an die Wand gedrückt haben, anderseits aber die östliche Opposition nicht genug vorbereitet war, um die Regierung in die Hand zu nehmen. Es ist möglich, daß die Leitung in Hamburg manches zugelernt hat und daß die sehr sachliche Kritik einzelner Redner doch ad notam genommen wurde, wenn man sie auch im Verhandlungssaal absichtlich überhörte. Der sofortige Erfolg, den das Projekt Oppenheimers hatte, wird vielleicht doch eine Revision des Kölner Grundsatzes, Ideen seien unnütz, wenn keine Mittel da sind, zur Folge haben. Es hat sich prächtig gezeigt; daß die Mittel sofort zur Stelle sind, — wenn eine Idee da ist. Sieht man das in Köln ein, begreift man, daß die Leitung der zionistischen Bewegung mehr sein muß als ein bloßer Verwaltungsmechanismus, daß ohne Initiative von oben die beste Arbeit in den einzelnen Ländern ohne Früchte bleibt, dann wird die alt-neue Leitung während ihres Ehrenjahres noch manches leisten können, und es wird dem Präsidium am nächsten Kongreß, der vorzeitig einzuberufen ist und der ein Arbeitskongreß und keine Volksversammlung mit Stimmungsmache sein müssen wird, der Vorwurf erspart bleiben, daß manches geschieht, aber nichts getan wird.