Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 1 t>IE 3^ELT 15 und beiden ist das Antisemitein in diesem Lande, wo sie so sehr auf Eintracht angewiesen sind, höchst unerwünscht.K Der Artikel des Jaffaer christlichen Korrespondenten des Osmanischen Lloyd", dem wir übrigens die Gerechtigkeit, widerfahren lassen müssen, daß er — zweifellos aus wahrer und eingehender Kenntnis der Dinge — turmhoch über seinem Jerusalemer Kollegen steht, kommt nach einem ziemlich interessanten allgemeinen Abriß über die deutsche und die jüdische Pionierarbeit, deren Vorzüge und Schwächen er gut skizziert, zu folgendem Ergebnis: „Es gibt unter den Juden sehr gute Bauern. Ihr Organisationstalent ist in vieler Hinsicht dem deutschen überlegen, und da der Jude meist Geldmittel besitzt, so schafft er sich die modernsten Einrichtungen an, um den Wirtschaftsbetrieb zu vereinfachen. Auch mit den Fellachen auf dem Lande steht er sich sehr gut. Abgesehen davon, daß der Araber in den jüdischen Kolonien entschieden besser bezahlt wird als in den deutschen, muß er auch bei weitem' nicht die Arbeit leisten. Dem Araber ist bekanntlich nichts so unangenehm wie eine saubere, peinlich genaue Arbeit verrichten zu müssen. Der Verkehr zwischen 'den deutschen und jüdischen Dörflern ist. ein entschieden freundlicher. Die Nachbarschaft von jüdischen Kolonien kann erstens nur von Vorteil sein, denn ein Jude ist höflich, bescheiden und dankbar, der Araber aber vielfach heimtückisch, bösartig und diebisch. Nichts freut einen Araber mehr, als einen Ausländer recht gründlich hereingelegt" zu haben. In der Stadt ist die Lage dagegen etwas verschieden." Aus den Urzeiten der Alliance Die meisten derjenigen, die heute staunende Zeitgenossen des skrupellosen Kampfes sind, welchen die kleinen und großen Organe der Alliance zur Behauptung ihrer Existenz oder ihrer Politik der monopolisierten Judenrettung gegen Zionismus und Nationalismus führen, haben keine Ahnung davon, wie ganz anders geartet die allererste Epoche der Alliance gewesen ist und wie sehr das klagliche Verhalten der heutigen Epigonen den schönen Prinzipien ihrer großen Wegbahner ins G-esicht schlägt. Ganz besonders im türkischen Orient, wo die Judenheit heute von einem Nelz kleinerer und größerer Tyrannen beherrscht wird, die ihre Existenzwur2eln aus den-Wohltaten der Alliance gezogen haben und die daher jedes Vorgehen dieser Organisation blindlings begeistert aufnehmen und sklavisch unterstützen, gerade hier hat man sich bislang über die innere Dekadenz der Organisation am wenigsten Rechenschaft abgelegt. Man hat daher in diesen Kreisen nie daran gezweifelt, daß die Ablehnung und Bekämpfung der nationalen und zionistischen Ideen zum Grundinteresse der Alliance Israelite gehören sollen und immer gehört haben. Die Überraschung war daher peinlich, als die jüdisch-nationale Presse der Hauptstadt in dokumentarischen Publikationen die alte historische Wahrheit ans Licht zog und den Bigard und Klausner von heute die leibhaftigen Cremieux und Net (er gegenüberstellte. Hervorragende Christen pflegen zuweilen von dem Slifler ihrer Religion zu sagen, er würde, wenn er heute in der Well erschiene, von den 'Bekenne rn seines eigenen Namens als imchrisllich verfolgt, verketzert und ausgestoßen werden. Nicht weniger wahr •als diese geistreiche Hypothese muß die andere erscheinen: daß. wenn Netter und Cremieux es sich einfallen ließen, aus ihren Gräbern aufzustellen und vor den Trägern des Namens ihrer glorreichen Sache heute ihre Ideen diber das jüdische \rolk. seine Zukunft und Palästina zu entwickeln, sie als Zionisten, „als Gefahr für das Judentum und die Türkei", nach denselben wahllosen Methoden bekämpft werden würden, die heule den Vertretern der Alliance dein Zionismus gegenüber anwendbar dünken. Man lese beispielsweise die Worte, die Cremieux auf der. Generalversammlung der Alliance am 11. Januar 186f> sprach: „Ja. die Freiheit der Kulte wird überall proklamiert, überall siegreich. Und just inmitten dieser zukunftsreichen Bewegung trat der Gedanke an uns heran, im Heiligen Lande eine Landwirlschaftsschnle für die jüdische Jugend zu begründen. Hört ihr. Juden des Okzidents? In dieser Gegend, aus der wir ausgezogen sind, in dieser ehemals gesegnelen Gegend, die heute noch eine gewisse Anzahl Jakobssprossen bewohnt, an jenem Punkte, dein - unsere-Blicke und unsere Erinnerungen zufliegen, wollen wir eine Ackerbausehule gründen. Wie beweinten sie Jerusalem, unsere verbannten Ahnen, an den Müssen Babels! Wie in alten Zeiten fanden sie sich in überschwenglicher Freude in diesen himraelgeliehten Gefilden wieder! „Heule noch schaut man. alle Sabbatvorabendc, Juden auf Trümmern des Tempels beten, und sie mif ihren Tränen benetzen. Nun denn, im Territorium von Jaffa, dort, wo die Erde hart zur Arbeit, aber fruchtbar an Ertrag, dem, der sie mit Sorgfalt bebaut. überquellende Ernten verheißt, dort in dem gelobten Land wird unsere Gründung ihre Stätte linden, werden die .luden unserer Tage die Begeisterung wiederfinden, die ihre Vorfahren für den Ackerbau beseelte. Sie ist schön und fruchtbar noch heute, diese Erde von Jaffa: sie gibt zehnfach wieder, was sie empfängt. . . . „Wie unsere Schüler freudig schaffen werden, wie die Lieh«1 zum Landbau sich verbreiten wird! N o c 1 i w e n i g e .1 a h r e. — und d i e j ü d i s c h e B e v ö 1 k e r u n g w i r d d e r h e i 1 i g e n K r d e zuströmen. Die Distanz ist klein von Jaffa nach Jerusalem. Ja. ein neues Jerusalem wird erstehen! Erst wird es ein enges Heiligtum sein; aber man wird nicht mehr weinen und seufzen auf den Steinen, die vom Werke Salomons übrig blieben: Hoffnungsgebete wird man gen Himmel senden. Und hernach wird ein Tempel, des Höchsten würdig, wie im antiken Zion. unsere Nachkommen zur religiösen Andacht rufen." Diesem von Liebe zu Palästina vibrierenden Appell Cremieux', der sich von einem religiös gefärbten Zionismus in der Idee schlechterdings nicht, unterscheidet, tritt noch klarer und bewußter ein Bericht zur Seite, den Netter am gleichen Tage über den Beginn der Durchführung seines Planes zur Gründung von Mikwch der Generalversammlung der Alliance unterbreitete. „Indern Sie dieses Projekt annehmen." hejßt es in diesem Berichte, „leisten Sie, — ich. bin fest davon überzeugt, — einen immensen Dienst der Sache, die Sie in Händen genommen haben. Sie konzentrieren vereinzelte Anstrengungen und verzehnfachen sie. Sie setzen ein Ende jenen unaufhörlichen Sammlungen für Werke, deren Nutzen nichts weniger als erwiesen ist, Sammlungen, die die einen ermüden, ohne die andern zu erleichtern Sie entsprechen einem allgemeinen Wunsch, dein, zu beweisen, daß der Jude wohl ein Bauer ist da, wo er es für opportun hält, es zu werden. „Sie werden Brot und Leben verschaffen einem beträchtlichen Teile der jüdischen Familie. Sie bereiten ein Asyl vor für Bevölkerungen, die morgen vielleicht schon in. Massen vor dem Fanatismus weiden fliehen müssen. „Sie werden schließlich die friedliche Eroberung jenes heiligen Landes machen, wo — weder Orthodoxen noch Reformer haben es vergessen — das höchste Wesen von unsern Vorfahren angerufen wurde, zu einer Zeit, als noch die ganze Welt in Heidentum versunken war. „Die Größe der Unternehmung mag Sie nicht erschrecken. Ein Appell sei an die Juden der ganzen Welt gerichtet, die Rabbinen sollen ihn zum Gegenstand ihrer Predigten machen. Und was'heute ein Traum ist. wird morgen Wirklichkeit werden. . . „Was mich betrifft, ich werde imune Mission nicht für beendet halten, bevor dieses Werk nicht, gedeihen wird, bevor mein Versprechen auf Zion nicht realisiert sein wird. ..." Kann man zionistischer sprechen, als hier der Alliancegründer Netter? Kann man mehr wagen als er. der sich von einer „friedlichen Eroberung Palästinas" zu reden getraute? Wie würde es ihm ergehen, wenn er heute diesen Ausdruck, mit dem er das Werk der Kolonisation und der Vorbereitung eines Asyls für d i. e j ü d i sc h e n Massen i n P a 1 ä s t i n a u in s ch r i e 1), wiederholen würde. Der „Tiempo" würde ihn zweifellos unter die Führer „des monströsen Humbugs" einreihen, die den Annen das Gehl entreißen, um sich den Leib damit zu füllen."-- Die „Aurore" hat sich mit der YemfTenllichung dieser Dokumente ein bleibendes Verdienst erworben. Sie werden die türkischen Juden vergleichen und unterscheiden lehren. Sie werden einsehen, daß zwischen dem, was der Zionismus will, und dem. was Netter und Cremieux wollten, fast gar kein Unterschied besteht, daß dagegen eine imausfullbare Kluft'is! zwischen diesen Großen der Alliance von ehemals und ihren kleinen Größen von heute. Das „Robert College" und die hebräische Sprache Die jüdischenSchülerdesgn>i.)arligenamerikanischenI .ehrinst'duls „Robert College" auf den Höhen von Hebek am Bosporus haben sich an die Leitung der Anstalt mit dem Ersuchen gewendet, das Hebräische in den* Lehrplan aufzunehmen. Das Gesuch wurde abschlägig beschieden. Die Schüler gedenken beim amerikanischen Hotschafter Oscar Strauß um Intervention vorslelfig zu werden. Von den Schulen des Hilfsvereins Das Kultlirwerk des Hilfsvereins schreitet auch in unserer Stadt stetig vorwärts. Soeben sind die Einrichtungen Jur den modernen liandfertigkeitsunter rieht an der „Or-Tora"-Schule beendet worden, und mit dein neuen Unterrichtszweig wird dieser Tage begonnen. Die Leitung liegt in Händen des Herrn Wasserhardt. -- Überhaupt hat diese Schule in der letzten Zeil durch das Engagement einer Reihe erstklassiger Lehrkräfte, besonders auch durch beträchtliche Vergrößerung und Umbau des Schullokals, einen außerordentlichen Aufschwung genommen.