Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE3^ [Jüdische Einwanderung für Mazedonien Bekanntlich hat Dr. Nasim Bey, einer der Führer des jungtürkischen Komitees, sich die Förderung der innem Kolonisation in der Türkei zur Spezialität erkoren. Dieser streitbare Kämpe für seine Sache hat nun dieser Tage einem Redakteur des „Journal de Salonique" gegenüber interessante. Erklärungen über seine Pläne und Aussichten abgegeben, aus denen wir die die Juden betreffenden hier wörtlich wiedergeben wollen: Dr. Nasim Bey: ..Nicht allein den Mohammedanern werden wir Hilfe bringen* Wir nehmen die Juden mit demselben Eifer auf. Wir rechnen sogar auf sie. Ungefähr 5000 rumänische Juden, die Ackerbauer sind, und von denen ein jeder über ein Kapital von 500(3 Franken verfügt, suchen bei uns Asyl. Und das würde nur erst ein Anfang sein/1 Der Journalist: „Haben Sie in Paris die Herren von der Ica gesprochen?" Dr. Nasim Bey: ..Ja. ich habe mich lange mit ihnen unterhalten. Sie sind geneigt, unser Unternehmen zu unterstützen. Ich glaube, ihre Hilfe ist uns für die Regulierung des Wardar gesichert worden. Wir können an dentJfern dieses Flusses einige Tausende jüdischer Familien unterbringen. Ich glaube, es wird uns gelingen. Das ist eine bloße Zeit- und Geldfrage. Das Geld werden wir haben. Die Regierung hat dieses Jahr 200 000 Pfund dafür bewilligt. Sie wird in den nächsten Jahren das Doppelte bewilligen, so daß wir für das Unternehmen alles in allem fünf Millionen Pfund ausgeben können, und nötigenfalls noch mehr. Anderseits sind die Einwanderer nicht ohne Mittel. Für die großen Unternehmungen, wie z. B. die Herstellung von Verkehrsmitteln, Austrocknung von Sümpfen, Eisenbahnbauten und Slromregulierungen würden uns unsere Freunde gern Geld "vorstrecken.*' ,.Und das nötige Land?'* „Wir können sogar noch welches verkaufen. Die europäische Türkei hat kaum 6 bis 7 Millionen Einwohner, 30 auf den Quadratkilometer. Die Bevölkerung könnte ohne irgendwelche Nachteile sicli verdoppeln. Unser weitgehendster Traum ist es, mindestens e ine Million Mohammedaner und 200000 Juden ins Land zu rufen. Es gibt noch Platz für viele. Ich werde alle meine Kraft daran setzen, um mein Projekt auszuführen, da es eine Lebensfrage für die Türkei bildet.'' — * Als Dokument der in der jungtürkischen Intelligenz herrschenden : Pläne — vielleicht Träume — sind diese Erklärungen von großem Interesse. Es darf anderseits nicht verschwiegen werden, daß einerseits weder die bestehende Regierung an die Verwirklichung dergroßen Einwanderungspläne so stürmisch herangeht wie Nasim Bey, noch anderseits die Sache der mohammedanischen Immigration in Mazedonien, die bereits im Gange ist, in der gewünschten Weise fortschreitet. Über Judenansiedlungen in diesem von allen Nationalitäten umstrittenen Gebiet, wo nach wie vor politischer Haß und Intrigen. Mord und Unsicherheit des Lebens und Besitzes herrschen, haben wir zu anderer Zeit unsere Ansicht bereits geäußert. Die Juden und das ottomanische Reichsbudget In seiner Nummer vom 25. Dezember veröffentlicht der „Jeune Türe" wieder aus der Feder seines ausgezeichneten Herausgebers, Dschelal Nury Bey. einen energischen Appell an die Regierung, sich mit «dem Studium des jüdischen Problems zu befassen. Diesmal beleuchtet er die Frage vom Standpunkt der türkischen Finanzen aus. „Wir haben also", schreibt er. „Nol an Menschen. Und wie unter solchen Bedingungen diesen so dringend notwendigen Regenerationsfaktor importieren? Gewiß, muselmanische Kolonisten aus Rußland, aus Indien, aus Bulgarien würden wohl unsere Gebiete bevölkern; aber diese wandern nur sehr langsam ein; nach den neuesten Statistiken geht ihre Zahl sogar von Tag zu Tag zurück. Wir müssen also resolut zu den jüdischen Arbeitskräften Zutlucht nehmen. Diese haben weder die britischen Panzer, noch die moskowi tischen Kanonen hinter sich; systematisch bei sich daheim verfolgt, gepeinigt, werden sie kommen, glücklich und zufrieden, um unsere leeren Gebiete zu bevölkern. Sind einmal die Juden für das Schicksal des hak (Mesopotamien) interessiert worden, so werden ihre Finanicers gezwungen sein, uns zuhilfe zu kommen. Der Staat hat also ohne irgendwelches Zögern diesen Weg. die — sagen wir — chronischen DeJizits unseres Budgets zu decken, diesen Weg durch das vernünftig "und wissenschaftlich angewandte Mittel der irinern Kolonisation und der Wiederbevölkerung unserer Gebiete durch Juden in ernsteste Erwägung zu ziehen. [ELT - - No. i Die Regierung täte wahrlich gut, das Judenproblem mit Kalt" bliitigkeit und mit Methode zu studieren. Kann sie in unserer Evolution vom "ausländischen jüdischen Element profitieren, und unter welchen Bedingungen? Ist wirklich eine Gefahr mit der Einführung der in Rußland und Rumänien» verfolgten Juden in das Reich verbunden? Das sind Fragen, die der Staat noch nicht studiert hat und die er zu seinem eignen Nutzen von -Grund auf durchprüfen muß. Vielleicht wäre die einfache und glatte jüdische Immigration gefährlich für unser Land; vielleicht würde es sich ergeben, daß wir denen, die sich bei uns niederlassen wollen, gewisse Bedingungen stellen, müssen, wie die Vereinigten Staaten es mit denen tun, die in Massen hinüberwandern. Alles das muß zum größten Besten der neuen Türkei geprüft, studiert, erörtert werden, nicht leichtfertig und hastig, sondern mit viel Ernst und Aufmerksamkeit ..." „Das jüdische Element kann leicht zum Gedeihen nicht bloß des Jrak, sondern auch guter Stücke Syriens, Palästinas und Anatoliens beitragen. Wenn unsere Staatsmänner, anstatt sich auf eine Engherzigkeitspolitik zu versteifen und sich so viele Sympathien zu verscherzen,, wirklich einen denkwürdigen Dienst dem Lande erweisen wollen, so können sie von den Armen, den Köpfen, den Kapitalien und den zahlreichen Mitteln der jüdischen Welt profitieren, mit Hilfe jenes starken Anziehungspunktes, den wir in unseren Händen haben: die allen Gläubigen gemeinsamen heiligen Stätten — Palästina." Armenier und Juden Bekanntlich war durch das Großrabbinat gegen die armenische Zeitung „Zaghik" ein Prozeß angestrengt worden wegen eines heftigen Artikels gegen die Juden. Die „Aurore" erfährt nun, daß eine armenische Deputation sieh zum Graßrabbiner begeben hat,* um für den Direktor des „Zaghik" um Verzeihung zu bitten. Ein Brief gleichen Sinnes ist vom Großvikar des armenischen Patriarchats an das Großrabbinat gerichtet worden. Zweifellos wird auf diesem Wege diese Angelegenheit bald ihre friedliche Erledigung linden. Eine Mission der Allianz nach dem Jemen Herr David Zern ach, Direktor der Allianzschule zu Beirut, bat vom Zentralkomitee den Auftrag erhalten, sich zum Studium der Verhältnisse der Juden und der Möglichkeiten zu Schulgründungen nach dem Jemen zu begeben. Herr Zemach ist bereits in Konstantinopel eingetroffen und wird demnächst seine Reise beginnen. * * Ministerreise Dschawid Bej hat seinen Plan, sich während der Kurban- Bairamfeste nach Syrien zu begeben, in letzter Stunde aufgegeben. Hingegen erfahren wir aus authentischer Quelle, daß der Minister (les'Efkaf, Hamada Pascha, sich auf seiner Reise nach den heiligen Stätten des Islams, auch nach den in Palästina gelegenen begeben wird. Literatur Jüdischer Almanach in polnischer Sprache In nächster Zeit wird unter der Redaktion des Dr. Leon Reich, frühern Redakteurs des polnischen Parteiorgans „Wschöd" in Lemberg, ein jüdischer Almanach in polnischer Sprache erscheinen, der ebenso wegen seines Inhalts als wegen der Zusammensetzung und der Namen seiner Mitarbeiter sich würdig an die allerbesten bisherigen Parteiausgaben anreihen wird. Die Arbeiten, die größtenteils bereits dem Druck übergeben wurden, sind dem Almanach von folgenden Schriftstellern beziehungsweise Künstlern zugekommen: Matthias Acher (Czernowitz), Oskar Alexandrowicz (Drohobycz), Hermann Blumenthal (Wien), Adolf Böhm (Wien), M. Chmielnicki (Wien), Oberrabbiner Dr. M. Ehrenpreis (Sofia), Z. F. Finketstein (Lemberg), Joseph Gerstmami (Lemberg), Martin Gottlieb — für Maurycy Gottlieb selig (Drohobycz), Dr. Seweryn Gottlieb (Krakau), Dinah Hirs2enberg — für, S. Hirszenberg selig (Berlin), J. Israels (Haag), Prof, Dr. L. Keilner'\Czernowitz), Arnold Lachowsky (Jerusalem), Prof. Max Liebermann (Berlin), E. M. Lilien (Berlin), Abg. Prof. Dr. Mahler (Prag), Dr. Alexander Marmorek (Paris), Rabbiner Dr. JL Nacht (Focsänyi), Dr. Max Nordau (Paris), Dr. Daniel Pasmanik (Genf), A. Penzias (Paris), Lena Pilichowski (Paris), Leopold Pilichowski (Paris), Dr. Viktor Pordes (Przemysl), Dr. Samuel Rappaport (Lemberg), Dr. Leon Reich (Paris), Dr. Max Rosenfeld (Lemberg), Prof. Boris Schatz