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Die Welt · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die „Jüdische Zeitung", Wien, schrieb über die Anfangsstimmung des Kongresses: „Noch niemals wurde am Vortage des Kongresses so eifrig gearbeitet wie diesmal. An der Notwendigkeit, daß jede Landsmannschaft, die etwas vorzubringen hat, unbedingt mit den Delegierten aus andern Ländern Fühlung nehmen muß, erkennt man, wie mächtig die Bewegung gewachsen ist. Aus dieser fieberhaften Tätigkeit mag man auch entnehmen, wie schwerwiegend dieser Kongreß sein wird und wie groß das Verantwortlichkeitsgefühl der Delegierten ist. Deshalb ist auch die Stimmung sehr gedrückt. Die einzelnen Landsmannschaften und Delegierten finden einander schwer, und man begreift nicht recht, wie sich aus den widerstreitenden Meinungen und Tendenzen ein geschlossener Gesamtwille herausbilden wird." Das „Israelitische Familienblatt", Hamburg, die verbreiteste jüdische Zeitung Deutschlands, brachte folgendes hübsche Bild vom Kongreß: „Am Sonntag ist in Hamburg der 9. Zionistenkongreß eröffnet worden. Schon geraume Zeit vor der offiziellen Anfangsstunde begannen sich die weiten Räume des Konzerthauses „Hamburg", des größten Versammlungslokals der alten Hansestadt, mit einem sehr zahlreichen Publikum, Delegierten und Zuhörern, zusammen etwa 2000 Personen, zu füllen. In dem ersten Drängen und Hasten, das mit jedem derartigen Zusammenströmen einer großen Menschenmenge in geschlossenen Räumen unvermeidlich verbunden ist, vernahm man ein interessantes Sprachengewirr. Russische und rumänische, türkische und hebräische, deutsche und jiddische, französische und englische Worte drangen in buntem Gemisch an das Ohr des Hörers, in den Idiomen aller „Golusländer" wurde lebhafte Konversation gemacht, Begrüßungen ausgetauscht, die Bekanntschaften von frühern Kongressen erneuert. Die Ordner des Kongresses walteten eifrig, umsichtig und mit gutem Erfolg ihres schwierigen Amtes. Bald begaben sich die dazu Berechtigten" auf die Bänke der ca. 400 Delegierten im Saale, auf die Tribünen der Zuhörer, an die Tische der Presse. Man gewinnt einen Überblick über die Physiognomien, die Charaktertypen.' Ein Malerauge, wie das Rembrandts, hätte seine helle Freude daran. Jedes Alter ist vertreten. Neben dem Jüngling, dem der erste Flaum ums Kinn sproßt, der gereifte Mann in voller Kraft, der Greis im Silberhaar und weißem Bart; sehr viele von ihnen bedeckten Hauptes. Viel bemerkt wird der türkische Fez, der die Delegierten aus dem osmanischen Reiche kennzeichnet. Eine vereinzelte ausländische Uniform hebt sich markant unter den Zivilisten hervor. Die zionistischen Damen sind in reichem Flor und meist in sehr geschmackvollen Toiletten erschienen, zum Teil auch als bevollmächtigte Delegierte. Dem Zionismus wird der Kampf der Sufragettes erspart bleiben. Dicht besetzt sind auch die 105 für die Presse reservierten Plätze. Nicht nur die jüdische, nicht nur die Hamburger Lokalpresse, sondern auch die großen auswärtigen nichtjüdischen Organe haben zu den Kongreßverhandltingen ihre Vertreter entsandt. Über der ganzen Versammlung liegt ein allgemeiner Zug idealer Begeisterung für eine große Sache. Der Versammlungssaal, die Plätze der Delegierten und des Präsidiums, die Rednertribüne sind in blau-weißen Zionsfarben dekoriert. An den Wänden sind in den halbkreisförmigen Sopraporten und Nischen hebräische Zionssprüche und Devisen angebracht. Im Hintergrunde, oberhalb Mer Empore für das Präsidium, hängt in schlichtem, breitem Holzrahmen das lebensgroße Ölbild des verstorbenen Theodor Herzl, von der Meisterhand Pilichowskis gemalt. Auch der junge Sohn des verstorbenen Zionistenführers ist anwesend. Bald nach 10 Uhr ertönen drei Hammerschläge. Lautlose Stille tritt ein. Geführt von David Wolffsohn und Max Nordau und begrüßt von dem frenetischen Jubel, von enthusiastischen Hedad-Rufen der Versammlung, betritt das Große Aktionskomitee aus einer Nebentür den Saal und nimmt seine Plätze ein. Die offizielle Sprache des Kongresses ist Hebräisch. Kongress hanichbod (Geehrter Kongreß!), so beginnt Präsident Wolffsohn seine Eröffnungsrede und fährt dann in deutscher Sprache fort. Die spannungsvoll erwartete Rede Max Nordaus folgt auf die Begrüßungsreden. Wer den Jubel hörte, der den weiten Saal durchbrauste, wer die Hedad-Rufe der Männer vernahm, das Tücherschwenken der Damen auf den Galerien sah, als er zur Rednertribüne schritt, konnte darüber nicht in Zweifel sein. Nordau ist, obwohl die Zeit auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist, noch immer ein Meister des Wortes. Sein Haar ist gebleicht, seine Stimme hat an metallischem Klang eingebüßt, aber sein Geist ist in ungeschwächter Kraft. Seine Rede vereint jüdischen Scharfsinn mit französischem Esprit und deutschem Wissen, bestechende Logik mit feuilletonistischer Eleganz. Er ergänzte in seiner Rede die Wolffsohns in mannigfacher Hinsicht. Was dieser nicht hatte sagen können oder wollen, das führte Nordau bald in lapidaren Sätzen, bald in fein pointierter Polemik aus." Der „Jewish Chronicle" berichtet über die Eröffnungssitzung des Kongresses folgendes: „Niemand, der bei der Eröffnungssitzung des Neunten Zionistenkongresses anwesend war, konnte auch nur für einen Augenblick einen Zweifel über die wachsende Lebenskraft der Bewegung hegen. Als Präsident Wolffsohn sich erhob, um die Eröffnungsansprache zu halten, wurde er von einem Kongreß begrüßt, der, sowohl an Zahl der Delegierten wie der Gäste, von keinem andern Kongreß, selbst von den zu Lebzeiten Dr. Herzls gehaltenen, übertroffen wurde. Das Konzerthaus, in dem die Beratungen stattfanden, faßt zwischen 2000 und 3000 Personen und war bis in die äußersten Winkel angefüllt. Ja, es wird berichtet, daß hohe Preise für Plätze von Besuchern geboten wurden, die zu spät ankamen. Auch die Zahl der Delegierten war eine Rekordziffer. Es ist überflüssig, zu berichten, daß die Delegierten von allen Teilen der Welt gekommen sind, aus Saloniki kamen sie mit dem Fez geschmückt, das erste Mal, wie Herr .Wolffsohn in seiner Rede betonte, daß zum Kongreß Abgeordnete aus dem türkischen Reich erschienen sind, — von den Weststaaten Amerikas, aus dem Kaukasus, aus den südlichen Mittelmeerländern, Rabbiner aus dem Orient und Kaufleute aus dem Okzident. Eine wundervolle Versammlung, — und das inmitten des Winters! Ein bemerkenswerter Beitrag, das muß man zugeben, zu dem Einfluß, den der Zionismus auf seine Anhänger ausübt. Sie haben nichts gehört von einem Totengeläute: Sie sind sich nur des Lebens und der dauernden Kraft ihrer Sache bewußt. Auch der persönliche Enthusiasmus hat sich nicht im geringsten vermindert. Er tritt auf diesem Kongreß ebenso in Erscheinung, wie auf irgendeinem der vorhergehenden...... Herr Wolffsohn wurde von sich stets erneuerndem Beifall empfangen, da er sich zur Eröffnungsrede erhob. Die hoffnungsvolle Strenge, die er in seine Worte legte, übten eine magnetische Wirkung auf seine Zuhörer aus, die erkannten, daß sie in ihm einen ernsten und eifrigen Arbeiter hatten, der den besten Teil seines Lebens für die Sache, hingegeben hat und noch gibt. Es erübrigt sich, zu erwähnen, daß Dr. Nordau eine enorme Beifallskundgebung bereitet wurde. Die ganze Versammlung erhob sich vor ihm wie ein Mann. Ein amerikanischer Delegierter hatte eine zionistische Flagge mitgebracht und schwang sie bei den bedeutungsvollen Stellen. Es war ein großartiger Anblick, die weiße Löwenmähne Dr. Nordaus inmitten des Meeres aufgeregter Mienen, wehender Tücher, emporgestreckter Arme. An Hand einiger weniger Notizen auf einem kleinen Stück Papier hielt Nordau seine Rede von mehr als 70 Minuten. Seine Ansprache war vielleicht nicht so fein wie einige seiner frühern, — sie enthielt keinen Satz, der den Kongreß zu Demonstrationen begeistert hätte." Er sprach mit .großer Überlegung, und der Kongreß vermißte daher vielleicht etwas von seinem gewohnten Feuer. Aber er tat es zu einem ernsten Zweck. Er hatte sich das — nicht leichte — Ziel gesetzt, dem Kongreß die wahre Situation des Zionismus hinsichtlich der Lage in der Türkei in mehr grauen als rosigen Farben zu schildern. Es war unvermeidlich, daß er etwas von der Begeisterung der mehr Enthusiastischen und weniger Denkenden unter seinen Zuhörern dämpfen mußte, aber die Tatsache ist nicht wegzuleugnen, daß Nordau die Wahrheit sagte, so wie er sie sah und wie er fühlte, daß der Kongreß sie erfahren sollte. Nordaus Rede war eine große Leistung, seine Stimme war in bester Form, seine Art, zu sprechen so gut wie zu seinen besten Zeiten. Als er sich zu seinem Sitz zurückbegab, dauerte es, infolge des Beifalls, mehrere Minuten, bevor die Verhandlungen des Kongresses weitergehen konnten, und zweimal mußte der Rhethor Zions sich erheben, um den Beifall des Kongresses entgegenzunehmen.... 'Der Kongreß bildet ein großartiges Beispiel für den Eifer, die unwandelbare Treue, den Ernst und die Hingabe der Zionisten. Gibt es, hat es in modernen Zeiten jemals eine andere jüdische Bewegung gegeben, die eine solche Versammlung von den entlegensten Teilen der Erde zusarnmenberufen könnte, und das mitten im Winter?" Von der nichtjüdischen Presse berichteten natürlich besonders eingehend die Hamburger Zeitungen. Aus den Stimmungsbildern über den Anfang des Kongresses, die in Hamburger Zeitungen erschienen, heben wir nachstehend einige hervor. Das „Hamburger Fremdenblatt" schrieb: „Neben der Hamburger Flagge weht seit Sonntag vom Dache des Konzerthauses Hamburg (Ludwig) ein hier unbekanntes Banner. Die Farben blau-weiß künden ein Fest des Zionismus, der „nationaljüdischen" Bewegung. Gegen 450 Delegierte sind zu dem IX. Zionistenkongreß aus aller Welt nach Hamburg geeilt. Mit ihnen

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