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Die Welt · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 1 DIE^ELT n füllen an 2000 sonstige Teilnehmer, Männer und Frauen, den großen Säal und die Emporen. Blau-weiß ist auch hier der Schmuck gehalten. Von der Bühne grüßt, halb umflort, das Bildnis Theodor Herzls, des verblichenen Führers der Zionisten. Ein Gewirr von Völkerschaften. Und alle Sprachen schwirren durcheinander. Auffallend viele schöne junge Frauen von südländischem Feuer und amerikanischer Biegsamkeit. Unter den Männern, die in feierlicher Erwartung dasitzen, überwiegen die Vierzigjährigen, das Kinn umrahmt von dunklen Barten. Auffallend ist aber die große Zahl reinster arischer Typen unter all diesen Juden. Ein Rauschen geht durch den Saal: die Bühne betritt Max Nordau, der berühmte Pariser Schriftsteller, dessen blitzendes Auge und jugendliche Bewegung in seltsamem Gegensatz zu dem schneeweißen Greisenbart steht, mit den Männern des Engern Aktionskomitees: David Wolffsohn aus Köln, Präsident der zionistischen Bank, ein stattlicher Mann in den besten Jahren, Prof. Otto Warburg, dem bekannten Berliner Kolonialbotaniker, und Jacobus Kann aus dem Haag. Jubelnd werden diese Führer begrüßt. Lange währt es, bis der Vorsitzende, Herr Wolffsohn, zu Wort kommen kann." Ähnlich äußerte sich der „Hamburgische Correspondent": „Zum ersten Male auf deutschem Boden ist der Zionisten-Kongreß am Sonntag in Hamburg zusammengetreten. Nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Windrosen sind Vertreter der zionistischen Bewegung in Hamburg zu den Kongreßverhandlungen . erschienen. Die feierliche Eröffnungssitzung fand am Sonntag Vormittag im Konzerthaus Hamburg statt. Von der Kuppel des Etablissements wehte das Banner der Zionisten in blau-weißen Farben mit dem Davidsschild in der Mitte. Schon lange vor Beginn der Verhandlungen hatten sich der Saal und die Galerien mit einer erwartungsvollen Menge gefüllt. Die Zahl der Erschienenen ist wohl mit 3000 nicht zu hoch angegeben. Hervorragende Vertreter der deutschen Judenheit hatten sich mit ihren Damen eingefunden. Die Zahl der bis jetzt anwesenden stimmberechtigten Delegierten beträgt etwa 450. Besonders stark vertreten sind Österreich-Ungarn, Rußland und Amerika; auch die Türkei hat zum ersten Mal Vertreter zum Kongreß entsandt. Einzelne Delegierte aus Australien, .Sibirien, Kanada usw. haben wochenlange Reisen zurückgelegt, um an den Hamburger Verhandlungen teilzunehmen. Hans Herzi, ein Sohn des unvergeßlichen Theodor Herzl, wurde freudig begrüßt. Groß war die Zahl der erschienenen Ehrengäste; selbst Männer, die nicht immer mit der zionistischen Bewegung sympathisiert haben, waren zur Eröffnungssitzung gekommen. Wir bemerkten u. a. viele Vertreter der bedeutendsten Institutionen der Deutsch- Israelitischen Gemeinden von Hamburg und den Nachbarstädten, auch waren die Rabbiner und Prediger dieser Gemeinden anwesend. Einzelne Bürgerschaftsmitglieder, Vertreter gemeinnütziger Vereine und auch viele nichtjüdische Mitbürger hatten sich eingefunden. Der Saal war in den zionistischen Farben, blau-weiß, geschmückt. Das Podium trug als einzigen Schmuck das lebensgroße Bild Theodor Herzls." Über den Schluß und die Ergebnisse des Kongresses liegen bis zur Drucklegung dieser Nummer natürlich erst die Äußerungen der nichtjüdischen Tageszeitungen vor. Sie verkennen nicht den Ernst der Situation. Die „Kölnische Zeitung" schreibt u. a.: „Die Hamburger Tagung hat nicht verbergen können, daß es im Zionismus gärt und brodelt. . . . Der allgemeine Eindruck bei dem unbefangenen Beurteiler war jedenfalls, daß die Zionistische Organisation durchgreifenden Veränderungen entgegengeht, deren Verwirklichung der nächste Kongreß, für den noch kein Ort bestimmt ist, bringen wird." Das „Hamburger Fremdenblatt" schreibt über die Nachtsitzung u. a.: „Mit ungeheurer Lebhaftigkeit tobt viele Stunden lang der Kampf um Wolffsohn, wie man es nennen könnte. Denn diese Frage erhebt sich zu der wichtigsten des Kongresses. Die deutschen und die meisten andern europäischen Organisationen, mit Ausnahme der allerdings stärksten, nämlich der russischen Landsmannschaft, und manche außereuropäische Körperschaften sind für eine einheitliche Leitung von wenigen Personen mit David Wolffsohn an der Spitze. Gerade diese Herrschaft einer starken Persönlichkeit wollen aber die russischen Delegierten in ihrer großen Mehrheit unter allen Umständen verhüten. Anderseits mögen Männer, die zu wenig in der Bewegung hervorgetreten sind, als daß sie schon den Russen als gefährlich erscheinen könnten, ohne Wolffsohns Führerschaft sich an der organisatorischen Arbeit überhaupt nicht mehr beteiligen, und besonders wird der Verzicht Warburgs, des Leiters des Palästinaressorts, auf eine Mitarbeit an der Seite der präponderierenden russischen Delegierten allgemein, auch von letztern, befürchtet. Gegen eine verschwindende Minderheit werden allein langer Tag- und Nachtsitzung durchgebrachten Anträge annulliert und das Engere sowie das Große Actions-Comite in seiner Stellung bestätigt; es bleibt also beim alten. Aber der nächste Zionistenkongreß soll früher als sonst einberufen werden, um eine sachliche Lösung herbeizuführen. Wolffsohn ist, wie sehr er sich auch dagegen sträubte, Sieger geblieben, und es scheint, als habe der Kongreß die zionistische Organisation gerettet." Von Äußerungen jüdischer Zeitungen über die Ergebnisse des. Kongresses haben wir bei Schluß des Blattes erst die Meinung des „Hamburger Israelitischen Familienblattes" zu Gesicht bekommen. Es schreibt: „Das wesentlichste Ergebnis des IX, Zionistenkongresses ist die Erhaltung der bisherigen Parteileitung und damit die prinzipielle Billigung der von den verbündeten russischen und österreichischen Landsmannschaften heftig angegriffenen Parteipolitik und Parteitaktik, wie sie namentlich der reformierten Türkei und Palästina, sowie den Bankprojekten der Ostjuden gegenüber von Wolffsohn gehandhabt wurden. Das Vertrauensvotum ist nur nach stürmischen Debatten, aber doch mit sehr großer Majorität erteilt worden. Indessen ist nicht anzunehmen, daß dadurch die Opposition dauernd zum Schweigen gebracht ist. Daß dieser Streit um die Person des offiziellen Parteiführers im Grunde genommen ein sachlicher Prinzipienstreit war, geht aus dem damit eng zusammenhängenden Kongreßbeschluß hervor, in dem Baseler Programm keinerlei Änderungen vorzunehmen, wie solche von den temperamentvollem östlichen Zionistenführern begehrt worden waren. Man machte den augenblicklichen Machtverhältnissen in der Türkei trotz aller freundlichen Worte noch keine realen Konzessionen. Die Parteidjsdplin bewährte sich als stark genug, um die Unterwerfung der unterlegenen Minorität unter den Willen der Mehrheit, wenigstens äußerlich, herbeizuführen und die Einheit der Partei aus diesen Kämpfen unversehrt hervorgehen zu lassen. Um diese auch fernerhin dauernd zu sichern, bauten die weitsichtigem Mehrheitsführer den Unterlegenen goldene Brücken. Nach der scharfen und abfälligen Kritik, welche von der Opposition an der Geschäftsführung der Finanzinstitute der Partei geübt wurde, und welche sich namentlich gegen den bei der Leitung dieser Institute beteiligten Mr. Cowen kehrte, beschloß der Kongreß, dem in einen heftigen, teilweise persönlichen Konflikt mit Cowen geratenen Prof. Warburg, dem noch abgelehnten Präsidentschaftskandidaten der Minorität, als Mitglied des Engern Aktionskomitees einen größern und seinen Wünschen und Plänen entsprechendem Wirkungskreis in der praktischen Besiedlung Palästinas durch Schaffung eines dortigen Agrarkreditinstituts zu schaffen. Das Ansehen und der Kredit dieses allerdings noch in zweiter Linie stehenden Zionistenführers, sowie die Opferwilligkeit der Parteimitglieder offenbarten sich in den relativ reichlichen Mitteln, welche sofort für diese Zwecke zur Verfügung gestellt wurden. Max Nordau über das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert (Aus der „Neuen Hamburger Zeitung") Am Mittwoch abend sprach Max: Nordau vor einem tausendköpfigen Publikum im großen Saale des Conventgartens über das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert, und damit trat der Neunte Zionistische Kongreß gewissermaßen an die große Öffentlichkeit und ließ ihr durch den beredten Mund seines Vorsitzenden erklären, was die Männer, die bei Ludwig tagen, in ihrer Seele bewegt, was sie zusammengeführt hat und zusammenhält, was sie hoffen und welche geschichtlichen Gründe sie zu ihren Hoffnungen haben. Max Nordau, der Zionist, ist nicht Max Nordau der Dialektiker, der etwa die moderne Kulturmenschheit zum Objekte seiner Betrachtung macht und ihr nachzuweisen sucht, daß ihre Konventionen durch und durch lügenhaft sind, und daß sie zwar fortschreitet, aber auf dem Wege der Entartung. Max Nordau, der Dialektiker, sitzt auf der Bank, wo die geistreichen Spötter und Verneiner sitzen und denen die Lust am Paradoxen aus den Augen blitzt. Am Paradoxen, das heißt, an dem, was anders ist als die allgemeine Meinung, die als die Meinung eines dumpfen Herdenviehs falsch sein muß und zu brüskieren ist, indem man mit tausend Gründen das gerade Gegenteil als richtig hinstellt. Mit Gründen oder mit Scheingründen. Die leidenschaftliche Lust am Paradoxen verschmäht auch die Scheingründe nicht; sie scheut nicht davor zurück, den Einzelfall zu verallgemeinern und das reale Gewicht von-Zahlen und Tatsachen nach Willkür zu vergrößern oder zu verkleinern. Aber immerhin, sie führt zu Ergebnissen, die der Wahrheit näherbringen, wenn sie mit kritischem Geiste nachgeprüft werden. Sie guckt hinter alle Türen, auch hinter solche, die der geheiligte Gebrauch

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