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Die Welt · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Preßstimmen über den Neunten Zionistenkongreß Die Presse, die jüdische wie die nichijüdische, hat den Verhandlungen des Neunten Zionistenkongresses das bereits traditionell gewordene lebhafte Interesse gewidmet, das sie den Verhandlungen des jüdischen Parlaments von seinem Beginn ab in steigendem Maß entgegengebracht hat. Der Ort des Kongresses hat dieses Mal noch zu einer Verstärkung dieses Reflexes . der Kongreßverhandlungen beigetragen. In Hamburg selbst erscheinen große Tageszeitungen von Weltruf, deren seitenlange Berichte über den Kongreß die Kunde davon in die weitesten Kreise getragen haben. Aber auch die übrige große Presse hat den Neunten Kongreß mit weitaus größerer Aufmerksamkeit verfolgt, als dies früher der Fall war. Wir hoben schon hervor, daß die Pressetribünen dieses Mal besonders stark besetzt" waren und zwar von Vertretern erster deutscher und ausländischer Zeitungen. Die jüdische Presse war fast vollzählig vertreten. Auch in dieser Hinsicht hat sich die Wahl des Kongreßortes als eine glückliche erwiesen. Der Widerhall der umfangreichen Berichterstattung, die der Neunte Kongreß gefunden hat, dürfte sich in der zionistischen Agitation zweifellos bald bemerkbar machen. ■ Aus der Fülle der Preßäußerungen heben wir zunächst einige bemerkenswerte jüdischer Zeitungen hervor, die sich naturgemäß zunächst noch mit der Einleitung und der Anfangsstimmung des Kongresses beschäftigen -und geeignet sind, unserm Leserkreis ein Spiegelbild der wechselvollen Stimmungen zu geben, die die ersten Tage des Kongresses bei den jüdischen Journalisten ausgelöst haben. „Die Jüdische Presse", Berlin, schreibt: „Auf der Kuppel des „Konzerthauses Hamburg" flattert seit heute früh neben der Stadtfahne ein Banner, das bisher in Deutschland nicht gesehen wurde: die blauweiße Standarte mit dem Davidstern. Sie soll der weitem Öffentlichkeit künden, daß hier der Kongreß der,Zionisten seine Beratungen abhält. Hamburg* ist zu groß, um durch die Veranstaltung ein besonderes Gepräge zu erhalten; aber immerhin bietet sich in der Nähe des Versammlungshauses ein Bild, das in seiner Eigen- und Einzigartigkeit wohl nirgends sonst gesehen wird. Der Fez der Abendländer, die Pelzmütze der Russen, der Kaftan und der Schaftstiefel neben dem eleganten Gehrock des Westeuropäers sind sicherlich kein alltäglicher Anblick. Schon diese Mannigfaltigkeit der Typen offenbart, daß in der Tat alle Länder, in denen Juden wohnen, vertreten sind. Die Befürchtung, daß die weniger zentrale Lage des Kongreßortes und die ungünstige Jahreszeit die Teilnahme beeinträchtigen würden, hat sich nicht bewahrheitet: die diesmalige Zusammenkunft steht, was die Zahl der erschienenen Delegierten betrifft, hinter ihren Vorgängerinnen keineswegs zurück, übertrifft sie vielleicht um ein beträchtliches. Der Zionismus hat in bezug auf seine Werbe- und Anziehungskraft unter den ihm Ergebenen nichts eingebüßt." Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" äußert sich zu der Grundstimmung der ersten Kongreßtage wie folgt: „Eine hervorstechende Eigenart unserer zeitgenössischen Judenheit besteht darin, daß in ihren kleinen und großen Kreisen mit einer naiven Selbstverständlichkeit meist Leute tonangebend sind, denen es an der natürlichen Voraussetzung zu ihrer Stellung, an Ernst und Sachkenntnis, mangelt. Damit ist die Hilflosigkeit gegen all den Zerfall in der Judenheit erklärlich, damit ist aber auch erklärt, warum eine regenerierende Bewegung, wie die zionistische über einen gewissen toten Punkt nicht hinausgekommen ist. Es hilft, wie die zionistische Bewegung zeigt, da nicht der gute Wille einzelner Führer, die politischen Quertreibereien einer großen Anzahl Führender wirken wie ein Hemmschuh an einem Vorwärtsstreben und Vorwärtsarbeiten. So mußten denn von jeher wichtige und ernste Aufgaben des Zionismus vernachlässigt werden. Und'es ist besonders die geistige Mission des Zionismus, die Auflebung der Traditionen des jüdischen Volks, die Pflege seiner urjüdischen geistigen Güter durch Kenntnis seines Schrifttums, Aufgaben, durch deren Erfüllung der Zionismus — unabhängig von seinen Erfolgen in Palästina — Lebenskraft auf Lebenskraft gewinnt, brach liegen geblieben. Wäre man dieser Aufgabe bei den großen und kleinen Politikern gerecht geworden, so hätte man nicht in den letzten Monaten die Presse, und jetzt den Kongreß, zum Tummelplatz von Angriffen gegen die Leitung bzw. den Präsidenten, gemacht; dann hätte man, da man selber arbeitet, auch das Arbeiten der Leitung zu würdigen gewußt, Arbeiten, deren Erfolge größer gewesen wären, wenn sich all diese großen und kleinen Politiker als treue Mitarbeiter an den mannigfachen Aufgaben dieser großen jüdischen Volksbewegung erwiesen hätten. Wie eine Ermüdung hat es sich seit einigen Jahren auf diejenigen gelegt, die den ganzen Ernst der Lage des jüdischen Volks erfaßt haben, und deshalb zu würdigen wissen, was der Zionismus für die Zukunft des jüdischen Volks bedeutet. Und diese Ermüdung nahm dem Neunten Kongresse, der gegenwärtig in Hamburg tagt, den großen Zug früherer" Kongresse. Erst als der Präsident Wolfjsohn in einer zweistündigen Rede die Generalabrechnung mit all seinen Angreifern hielt, sahen wir uns wieder auf jener unvergleichlichen Höhe, die den Baseler Kongressen so häufig eigen war. Wir wollen keineswegs das Recht der Kritik verneinen; wir erkennen auch gern an, daß manche Kritiken sachlich waren und verdienen, gehört zu werden, (besonders erscheint die Forderung, hinsichtlich der praktischen industriellen und landwirtschaftlichen Arbeit in Palästina die Energie wesentlich zu verstärken, der ernstesten Erwägung wert), — der Schmerz aber, der aus den Worten des Präsidenten sprach, und seine Anklagen haben unsere Zustimmung." Im „Israelitischen Wochenblatt", Zürich, finden wir folgendes kleines Stimmungsbild: „Jede öffentliche Tagung zeigt ihren Wert durch das Interesse, das man ihr entgegenbringt. Wenn es nun auf die Beteiligung anzukommen hat, so darf man im vornherein erklären, ohne zu übertreiben, daß der Neunte Zionistenkongreß wohl der bedeutendste Kongreß zu sein scheint, der je abgehalten wurde. Das ist ein Drängen und Stoßen in dem großen, geräumigen Saal des Konzerthauses Ludwig an der Eckernförderstraße, ein Lärmen und Brausen in den weiten Hallen, daß man froh ist, endlich auf dem engen Raum des Delegiertenplatzes angelangt zu sein, um den brandenden Wogen des nervösen Gedränges zu entrinnen. Hier kann man dann in Ruhe der -Journalistenpfiicht obliegen und ein wenig Studien über Personen und Verhältnisse machen. Es darf und muß gesagt werden, daß das Arrangement des Kongresses ein vorbildliches ist. Da klappt alles nach deutscher Ordnung, mit deutscher Pünktlichkeit. Das Organisationskömitee hat bis in die kleinsten Details für alle Gäste, die nach Hamburg kamen, gut vorgesorgt mit Hotels und Eßgelegenheit, auch für leichte Orientierung der Fremden. Die Besucher de.} neunten Zionis'enkongresses dürfen zufrieden sein. Am Eingang des Saals findet genau so wie auch bei den Kongressen, die im Stadtkasino zu Basel stattfanden, eine sehr strenge Kontrolle statt, so daß kein Unberufener in den Saal kommen kann. Auf den Tribünen schmückten eine Schar schöner Damen die weiten Reihen und verleibten so dem Bilde einen geschmackvollen Rahinen. Die „Selbstwehr", Prag, macht die Nordausche Rede zum Gegenstand folgender Betrachtung: „Es klang etwas vom Brausen des Meers in das Hamburger Konzerthaus hinein, als Max Nordau, der Sprecher des Kongresses, am Sonntag das Wort nahm. Wie im Haag, wenige Minuten von der Nordsee entfernt, stand auch in Hamburg an dem Meer, das Heine besungen, Max Nordau zur Abrechnung auf. Und jedes Wort, das er sprach, jeder Satz, den dieser erbarmungslose Mann der Wissenschaft in seiner meisterhaften Art formte, war ein Schlag für alle die Zaghaften, die Zweifelnden, die Opportunisten, die in der alten jüdischen „Bescheidenheit" die Fahne weglegen wollten, die ihnen Herzl gab, die das Programm in die Tasche stecken wollten, das den Willen und die heilige Meinung all derer knapp und klar sag!, die an die Zukunft des jüdischen Volkes glauben. Und jedes Wort, das Herzls greiser Freund sagte, war eine neue, wundervolle Stütze für diejenigen, die sich auch vor dem Jung-' türkentum und seiner macchiaveilistischen Diplomatie nicht beugen wollen. Denn das ist das Ergebnis dieses Kongresses: Nordau hat den Zionismus gerettet. Er hat die Lüge von dem zionistischen Partikularismus zerstört, er hat die Vorwürfe gegen die Leitung zurückgewiesen. Dann hat er die Forderungen der Jungtürken scharf und bestimmt abgewiesen und mit blanker Klinge das Erbe Herzls verteidigt. Zurück zu Herzl! Gott sei Dank, daß fünf Jahre nach dem Tode Herzls dieses Wort gefallen ist, diese offene Mannesantwort an die Adresse aller derer, die erst Herzl ins Grab trieben und dann sein Werk langsam und stückweise zertrümmern wollten. Zurück zum Baseler Programm weist Nordau den Weg; kein Klügeln, Tifteln, Auslegen, kein Interpretieren, sondern: Arbeiten! Keine zerstörende, zersetzende, höhnische Kritik, keine Reklameschreierei, sondern das Baseler Programm!"

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