Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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8 DIE I^gE LT No. 1 Erst um 3 Uhr 35 Min. nachts erscheint der Permanenzausschuß und das Große Actions-Comite wieder. Die Verhandlung wird wieder aufgenommen. Vors. Dr. Boden heimer: Ich habe Ihnen eine Erklärung abzugeben. Nachdem sich durch die Abstimmung und durch die Erklärungen die darauf erfolgt sind, herausgestellt hat, daß eine Zusammensetzung des E. A. C. entsprechend den Wünschen des Permanenzausschusses nicht möglich ist, haben wir in langen Beratungen mit den Vertretern der verschiedenen Landsmannschaften die Lage erwogen. Wir sind zu der Oberzeugung gekommen, daß sich der Kongreß in einer Zwangslage befindet, aus der es nur einen Ausweg für uns gibt, daß wir das bestehende fingere Aktionskomitee wieder wählen. Wir haben darauf mit den Herren, die bisher das E. A. C. gebildet haben, beraten und haben sowohl Präsident Wolffsohn als auch Professor Warburg als auch Herrn Kann gefragt, ob sie bereit sind, in dieser Zusammensetzung die Geschäfte der zionistischen Bewegung weiter zu führen. Die Herren haben die Erklärung abgegeben, daß sie mit Rücksicht auf die Lage, die durch die Vorschläge der Permanenzkommission geschaffen worden ist, bereit sind, das Amt weiter zu übernehmen. Ich mache also dem Kongreß den Vorschlag, er möge beschließen, daß das E. A. C. in seiner frühern Zusammensetzung weiterbestehen bleibt. Hiermit sind selbstverständlich die frühern Beschlüsse aufgehoben und bleibt das alte Organisationsstatut unverändert in Kraft. David Wolffsohn: Geehrter Kongreß, in dieser Form ist es nicht richtig, weil es nicht legal ist. Wir müssen uns nach den Statuten richten. In der Einsicht, daß die zionistische Organisation ohne Leitung nicht bleiben kann, habe ich mich dazu entschlossen, auch dieses Opfer noch einmal zu bringen. Ich habe mich dazu entschlossen, das Amt wieder zu übernehmen, indem wir es ohne Veränderung lassen. Und wir werden den nächsten Kongreß wahrscheinlich früher einberufen als sonst, um eine endgültige Leitung zu schaffen, um vorbereiteter dazu zu kommen als diesmal. Aber einfach bestehen bleiben kann das E. A. C. nicht. Sie können es nur wiederwählen, denn sonst hören wir mit diesem Tage auf, die Leitung legal zu führen. Weiter habe ich Sie zu bitten, auch das Große Aktionskomitee, da die Zeit jetzt zu sehr vorgeschritten ist, in seiner bisherigen Zusammensetzung wieder zu wählen. Desgleichen auch an den Kommissionen nichts zu ändern. Ich betrachte diese Sache als ein Provisorium, und ich bitte Sie, da wir alle überarbeitet sind, ohne lange Debatte diesen Antrag anzunehmen. Hermann Struck verlangt im Großen Aktionskomitee auch eine Vertretung der neuen Föderationen. David Wolffsohn: Nein, ganz unverändert. Der Antrag Wolffsohn wird angenommen. Professor Weyl nimmt das Wort zu einer Schlußansprache: In erster Reihe drängt es mich natürlich, dem Präsidium unserer Tagung einige Worte des Dankes zu widmen. Verstummt ist der Streit der Meinungen, hoch gingen die Stürme des Für und des Wider, ein Ausweg ist gefunden, und die im Zionismus geeinigten Vertreter unseres Volkes haben schließlich eine Kundgebung ihres Willens getroffen, der wir uns alle zu beugen haben. In jedem Augenblick waren wir alle überzeugt, daß bei allen ohne Ausnahme die Begeisterung für die Bewegung das Ausschlaggebende bei der Stellungnahme war. Es ist ein altes Wort unserer Weisen: Jede Versammlung, die zu einem idealen Zweck zusammentritt, wird von Bestand sein. Und so werden auch zeitweilige Meinungsverschiedenheiten unserer Bewegung nichts schaden. Alle die Männer, die in selbstloser Treue in der bisherigen Verwaltung unserer Bewegung gearbeitet haben, die haben sich in den Dienst unserer Ideale gestellt. Bei dem Sturm der Meinungen war das Verdienst der Präsidenten unserer Tagung, von denen der eine leider nicht mehr in unserer Mitte weilt, um so größer, und um so mehr gebührt ihnen unser wärmster Dank. Sie haben es verstanden, trotz der hochgehenden Wogen, unsere Versammlung zu leiten mit Energie und Umsicht, mit hohem Ernst, mit musterhafter Gerechtigkeit und Unparteiischkeit. Der Redner schließt seine Ansprache mit dem freudigen Ausdruck der Hoffnung, daß es den Zionisten und dem jüdischen Volke beschieden sein werde, den alten Bund zu schließen in der alten Heimat: Leschono haboo bijeruscholaim! (Lebhafter Beifall.) Darauf nimmt der Vorsitzende Dr. Bodenheimer das Wort: Geehrter Kongreß! Wir kommen zum Schlüsse dieser IX. Tagung der Vertreterschaft unserer über die ganze Welt zerstreuten Organisation. Da ziemt es sich wohl, ein ernstes Wort der Rückschau und der Mahnung an Sie zu richten. Wenn wir nach heißem Kampfe der Parteiungen, die sich auch in unserm Lager befinden, welcher sich oft, unserm Temperament entsprechend, impulsiven Ausdruck schafft, zu der feierlichen Ruhe dieser Schlußstunde des Kongresses kommen, so scheint es uns, als ob wir die Schwingen der Geschichte über uns rauschen hörten. Wir fühlen von neuem die Verantwortung, die wir für das jüdische Volk und sein Schicksal übernommen haben. Dann durchdringt uns aber auch die Überzeugung, daß wir als Mandatare des jüdischen Volks unsere Pflicht treulich erfüllt haben. Aus dem Sturm der Meinungen sind wir zu der Ruhe der Zuversicht zurückgekehrt. Wir sehen, daß dieser Sturm nur dazu dient, nicht zu verheeren, sondern wie ein wohltätiges Gewitter die Lufhreinigt, so eine gesunde Basis für die Weiterentwicklung unserer Bewegung zu schaffen. Das Ziel, das wir uns gesetzt haben und das in unserm Programm verkörpert ist, ragt fest wie das Urgestein der Erde im brausenden Strome der Zeit. Diesen Entschluß hat auch dieser Kongreß in uns gekräftigt und gefestigt. Wenn gegen die Leitung der verflossenen Kongreßperiode mehr oder weniger schwere Vorwürfe erhoben worden sind, so galten sie nicht den Personen, sondern der menschlichen Unzulänglichkeit unserer Einrichtungen. Noch ist das Problem der Judennot ungelöst, und Millionen unserer Brüder in verschiedenen Teilen der Welt erwarten von der zionistischen Organisation, daß ihnen eine menschenwürdige Existenz geschaffen wird, die es ihnen ermöglicht, frei nach unserer nationalen Eigenart zu leben. Hierzu ist die Sammlung und Anspannung aller Kräfte des lebendigen Judentums erforderlich. Was unsere Propheten sagen, daß wir aus allen Teilen der Welt gesammelt werden, um wieder im Lande unserer Väter zu wohnen, ist es nicht zum Teil schon erfüllt? Ist es nicht eines der Wunder der Geschichte, daß diese Sammlung unter dem blauweißen Banner des Zionismus sich schon vollzogen hat? Wenn auch einzelne zur Seite stehen, das wird unsern Weg nicht aufhalten. Sehen wir doch, daß trotz aller offiziösen Zeitungsnotizen einer Hamburger israelitischen Gemeinde die jüdische Bevölkerung Hamburgs mit großer Freundlichkeit den Kongreß empfangen hat und seinen Beratungen mit Interesse gefolgt ist. Dasselbe können wir mit Fug und Recht von der ganzen Hamburger Bürgerschaft sagen, und halte ich mich verpflichtet, an dieser Stelle allen den Körperschaften, die uns begrüßt haben, für diesen gastfreundlichen Empfang namens des Zionistischen Kongresses unsern herzlichsten Dank auszusprechen. Unsere Arbeiten wären aber nicht möglich gewesen, wenn nicht unsere rührige Hamburger Ortsgruppe mit aufopferungsvollem Eifer die schwierigen Arbeiten der Vorbereitungen des Kongresses in mustergültiger Weise geleistet hätte, und zwar die Herren und Damen. Auch ihr spreche ich von dieser Stelle den Dank des Kongresses aus. Und auch die siebente Großmacht möchte ich nicht unerwähnt lassen, die Vertreter der Presse der ganzen Welt, die sich hier versammelt haben, um über die Tagung des Kongresses Bericht zu erstatten. Die liebenswürdige Anteilnahme, die aus den Berichten der Presse spricht, zeigt uns, daß diese Repräsentanten der öffentlichen Meinung von der Bedeutung und der Größe unserer Bewegung einen guten Begriff gewonnen haben. Auch für die mühevollen Arbeiten der Beamten und Sekretäre der Bureaus sei hier namens des Präsidiums der Dank des Kongresses erstattet. Und nun zum Schluß! Als unser großer Führer Theodor Herzl noch lebte, da pflegte er mich mit einem Namen zu nennen, der mir für mein ganzes Leben teuer sein wird. Er nannte mich gerne seinen „Hajol", seinen Soldaten. Ich kenne keine größere Ehre, als ein disziplinierter Soldat im friedlichsten Sinne des Wortes für die Bewegung zu sein, die Arbeiten, die uns von der Organisation auferlegt werden, pflichtgetreu zu erfüllen. Aber ich möchte wünschen, daß dieses Wort nicht nur von wenigen gelten soll. Jeder von unsern Gesinnungsgenossen, jeder Zionist sollte sich dazu erziehen, so daß wir alle „Hajolim", Soldaten, der zionistischen Bewegung werden. Wenn wir uns eine Obrigkeit gewählt haben, so müssen wir wie eine disziplinierte Armee dem Rufe der Führer folgen. Wir dürfen nicht beiseite stehen, weil im Kampfe der Meinungen manchmal ein scharfes Wort von der einen oder andern Seite gefallen ist. Unter dem Eindruck dieses feierlichen Augenblicks wollen wir von neuem das Gelöbnis erneuern, treu der zionistischen Idee und wurzelnd auf dem Fundament unseres Programms, der neu gewählten Führung treue Gefolgschaft zu leisten, bis sie uns an das Ziel geführt hat, nach Zion und Jeruscholoirn! Ich erkläre den IX. Kongreß für geschlossen. (Lebhafter Beifall, die Delegierten stimmen die Hatikwah an.)