Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316408--52781-3346511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6 DIE^KELT No. 1 sonst draußen in der ganzen Welt glauben, daß wir Zionisten unter uns uneinig seien, daß wir uns zanken und streiten. Die ganze Welt soll aber wissen, daß wir keine Feinde unter uns haben; daß wir zwar verschiedene Ansichten im Zionismus vertreten, daß wir aber nur ein Ziel vor Augen haben, daß wir alle nur ein Ideal haben, daß wir alle nur für eine Idee kämpfen, und daß dieser Kampf nur dazu da ist, um uns unserm Ziel näher zu bringen. (Stürmischer minutenlanger Beifall.) Es wird Ihnen vorgeschlagen, die Statuten zu ändern. Ich gestehe Ihnen offen meine Ansicht, ja, meine Überzeugung: wir dürfen nicht nach der Methode verfahren, daß ein Komitee die Verwaltung, die Leitung haben soll. Ich glaube, wir müssen ein Haupt haben. Die andern sind anderer Ansicht. Sie möchten einen Herzl an der Spitze haben, und wenn sie keinen Herzl haben, dann wollen sie es auf verschiedene Köpfe verteilen. Vielleicht haben sie recht, vielleicht auch nicht; auch das wollen wir ausprüfen. Und da die Idee von denselben Personen stammt, die sich entschlossen haben, die Last zu übernehmen, so rate ich Ihnen, meine Herren, die Sie vorhin die Erklärung abgegeben haben, keine Schwierigkeiten zu machen. Sie dürfen auch von Ihrem Standpunkt aus keine Schwierigkeiten machen. Wenn die Herren die Sache gut machen, dann wäre es ein großer Fehler, wenn sie gestört würden, und wenn sie sie nicht gut machen sollten, was Gott verhüten möge, wozu wollen Sie die Verantwortung übernehmen? Versuchen Sie nicht, andere Personen ins Komitee hineinzuwählen; geben Sie den Herren, die Ihnen vorgeschlagen werden, die Möglichkeit, die Arbeiten nach ihren Begriffen zu führen, — und wir sind ja alle überzeugt, daß keiner von ihnen etwas anderes will, als was wir im Grunde genommen selber wollen. Und versuchen Sie nicht, wie hier ... vorgetragen wurde, mich zu wählen! Es würde ja doch zu nichts führen; ich habe Ihnen ja nieinen Entschluß gesagt, und meinen Entschluß habe ich lange und reiflich überlegt Seit Monaten, seit die erste Nachricht aus Petersburg gekommen ist, bin ich mit mir zu Rate gegangen. Ich bin abgearbeitet, bin übermüdet; gönnen Sie mir, die Sie doch meine Freunde sind, — meine Freunde, die ich früher gar nicht gekannt habe, der Zionismus hat uns zusammengeführt; wir sind Freunde geworden, weil wir alle für unsere Idee, für unser Volk gemeinsam arbeiten! Gönnen Sie mir, meine lieben Freunde, zwei Jahre Ruhe; und wenn ich dann wieder kräftig bin und Gott mir Gesundheit und Leben gibt, dann werde ich Ihnen wieder ganz zur Verfügung stehen. Auch jetzt werde ich selbstverständlich mitarbeiten und will Ihnen sagen, wozu ich mich zur Verfügung stelle. Die Herren, die Sie jetzt wählen werden, sind die besten unter uns. Nur eine Befürchtung habe ich, und die ist, daß die Herren das kaufmännische Handwerk, wie ich es bezeichnet habe, nicht gelernt haben. Ich habe den Herren offen und ehrlich und gerade heraüs, wie es in unserer Bewegung sein muß, gesagt: Wir haben die heilige Pflicht übernommen, die Mittel, die uns das Volk, das arme Volk unserer Brüder, für seine Zukunft anvertraut hat, zu erhalten und zu schützen; das müßt ihr Kaufleuten überlassen! Und die Herren haben mir bereitwilligst die Zusicherung gegeben, daß ich dafür sorgen kann, — und ich habe mich selbstverständlich dazu bereit erklärt, weil ich am ersten Tage, als unsere Institute gegründet wurden, an ihrer Wiege gestanden habe und mit ihnen verwachsen bin; ich habe nur, weil ich als Kaufmann klar sehen will, die Zusicherung verlangt, daß mir im Aufsichtsrat die Möglichkeit gegeben wird, mir durch Hinzuwahl von fünf Mitgliedern eine Majorität zu schaffen. Ich habe hinzugefügt: nicht zu dem Zwecke, um unser Geld im eisernen Schrank zu bewahren, sondern um nur an praktische Dinge, praktisch im kaufmännischen Sinne, heranzugehen; und da ich weiß, daß die Mitglieder des Direktoriunis der Banken alle ohne Ausnahme für praktische Sachen zu haben sind, bin ich überzeugt, daß wir in dieser Beziehung vorwärts kommen werden. Geehrter Kongreß, ich wiederhole die Bitte. Unsere Anfangssitzungen sind immer sehr feierlich, rufen den schönsten Eindruck hei vor; unsere Schlußsitzung ist es auch immer. Wir sind immer in Frieden auseinandergegangen, und ich bin überzeugt, auch diesmal werden wir als Brüder, — Brüder nicht nur im jüdischen, sondern auch im zionistischen Sinne auseinandergehen. Wir werden uns und unserer Idee treubleiben. (Lebhafter Beifall.) Geehrter Kongreß, das ist die Bitte, die ich an Sie zurichten habe; erweisen Sie mir diesen Gefallen! Und ein Wort noch: Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir bis jetzt erwiesen haben. (Stürmischer, langandauernder Beifall.) Leon Reich: Im Namen der galizischen Landsmannschaft habe ich die Ehre, dem hohen Kongreß folgenden Antrag zu unterbreiten : Der Kongreß erachtet es als notwendig und beschließt, daß der Sitz der Parteileitung nach Berlin verlegt wird. Gleichzeitig drückt der Kongreß den dringenden Wunsch aus, daß Herr David Wolffsohn weiter die Leitung .der Bewegung als Parteipräsident beibehalten möge. Von der Uberzeugung ausgehend, daß Herr Wolffsohn sich nicht weiter weigern wird, dem Rufe der Partei und dem Wohl unserer Idee zu folgen, wendet sich die galizische Landsmannschaft an den bisherigen Präsidenten mit der warmen Aufforderung, seinen Wohnsitz in Berlin zu nehmen. Gestatten Sie mir, verehrter Kongreß, daß ich Ihnen unsern Antrag mit einigen Worten begründe. Ich weiß, der Antrag sieht so aus, als ob wir nicht ganz für Wolffsohn und nicht ganz gegen Wolffsohn wären. Das ist richtig: Wir sind nicht für und nicht gegen Wolffsohn; wir sind für die Entwicklung der Bewegung, für das Fortschreiten unserer Idee. Ich werde Ihnen das Leitmotiv unseres Antrags sagen. Vorsitzender Dr. Bodenheimer: Die Personenfragen kommen später. Leon Reich: Die galizische Landsmannschaft hat den Antrag des Permanenzausschusses vorausgesehen, der es Wolffsohn in Köln unmöglich machen würde, den Vorsitz zu behalten, weil drei Mitglieder des E. A. C. an einem Orte wohnen sollen. Temkin: Im Namen der russischen, eines Teils der österreichischen und eines Teils der englischen, deutschen und amerikanischen Landsmannschaften habe ich folgende Erklärung abzugeben: Im Interesse einer gedeihlichen Führung der Arbeiten und im Interesse eines Zusammenwirkens wurde beschlossen: 1. das Zentrum ist nach Berlin zu verlegen, 2. die Wahl des Präsidenten wird durch das E. A. C. vollzogen. Bentwich: Gegenüber der Erklärung des Dr. Heinrich Löwe habe ich zu erklären, daß alle Maccabeans sowie 8 Delegierte von der englischen Federation und 6 von den Vereinigten Staaten, unterschriftlich die Verlegung der Zentrale nach Berlin verlangen. Allen-Newyork: Wir verlangen, daß der Präsident vom Kongreß selbst gewählt wird. Er muß die Kraft und Macht erhalten, die Verantwortung zu tragen und soll sie nicht teilen mit einem Komitee von 7 Personen (Beifall). Dr. Isidor Margulies: Die westösterreichische Landsmannschaft hat einstimmig den größern Teil der vom Permanenzausschuß gefaßten Beschlüsse selbst in Vorschlag gebracht, den andern Teil gegen 1 oder 2 Stimmen. Die westösterreichische Landsmannschaft hat sich nur ausschließlich davon leiten lassen, daß im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung des Zionismus eine Systemänderung im Sinne einer Teilung der Verantwortlichkeit notwendig ist. Die westösterreichische Landsmannschaft ist dabei davon* ausgegangen, daß, wie wir mit besonderer Freude gehört haben, Wolffsohn als Präsident des Aufsichtsrats und zugleich als Mitglied des E. A. C. in der Leitung bleiben wird. (Wolffsohn: Das habe ich nicht gesagt!) — Anders wird es ja nicht sein. Wir hoffen, daß der ganze Kongreß der Aufforderung Wolffsohns, die von Parteitreue und Verantwortlichkeitsgefühl für die Bewegung getragen ist, entsprechen und keinen Keim der Zwietracht in die Bewegung tragen wird. Smelianski: Die palästinensische Landsmannschaft hat sich für Verlegung des Zentrums nach Berlin und für die Wahl des Präsidenten durch das E. A. C. ausgesprochen. Kaplanski: Im Auftrage der Kongreßfraktion des jüdischsozialistischen Arbeiterverbandes Poale Zion habe ich folgendes mitzuteilen: Wir haben uns ausgesprochen für ein Aktionskomitee, das mindestens ein fünfgliedriges Kollegiuni .darstellt. Wir haben gegen die Wahl des Präsidenten aus der Mitte desselben keinen Einwand zu erheben. Wir sind der Meinung, daß mindestens 3 Mitglieder des E. A. C. an einem Ort wohnen müssen. Wir sind gleichfalls der Meinung, daß es der politische Moment und die Interessen der zionistischen Bewegung erheischen, daß der Sitz der Leitung in einem großen politischen Zentrum sich befindet, in diesem Falle in Berlin. Im übrigen wünschen wir, daß keine einzige Persönlichkeit, die eine bestimmte Richtung vertritt und die für die Bewegung durch ihre Tatkraft und durch ihre Erfahrung wertvoll ist, aus dem E. A. C. ausgeschaltet wird (Beifall). Jean Fischer: Im Namen der belgischen Federation gebe ich die Erklärung ab, daß wir der Meinung sind, daß der Präsident vom Kongreß gewählt und daß es Herr David Wolffsohn sein muß, da wir der Überzeugung sind, daß wir in unserer ganzen Bewegung keinen bessern Mann und keinen Bessern als Präsident haben können, als wir ihn jetzt haben (lebh. Beifall und Zischen). Der Vorsitzende stellt nunmehr den Antrag des Permanenzausschusses zur Abstimmung. Dr. Heinrich Löwe: So schwer es uns wird, habe ich namens meiner Freunde die Erklärung abzugeben, daß wir nach den Erklärungen des Herrn Wolffsohn nicht in der Lage sind, so zu handeln, wie wir zu handeln uns für verpflichtet halten würden, wenn die Erklärungen unseres Präsidenten nicht vorlägen. Mit blutendem Herzen müssen wir es konstatieren, daß wir gern in