Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
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den Ausweisen unter Osterreich, da die Sammlungen von der Sammelstelle in Wien aus geleitet werden. Die Sammlung für den Nationalfonds gewinnt immer weitere Kreise, auch unter den Nichtzionisten ist sie sehr populär. Die Schekelsammlung weist im laufenden Jahre eine beträchtliche Zunahme auf. Die Pflege der hebräischen Sprache wird sehr intensiv betrieben. An vielen Orten wurden hebräische Schulen gegründet, Lesezirkel und Bibliotheken geschaffen. Die Lehrer der hebräischen Schulen haben sich in einem Verbände organisiert. Im April 1909 wurde vom Zentralkomitee der „Hebräische Schulverein für Galizien und die Bukowina" ins Leben gerufen. Dieser Verein hat seinen Sitz in Lemberg und Vertrauensmänner fast in allen Städten des Landes. Er umfaßt gegen 40 hebräische Schulen mit ca. 60 Lehrkräften, Für die kulturelle Hebung der Juden sorgen die in den größern Ortschaften eingerichteten Toynbeehallen, öffentliche Bibliotheken und Lesehallen, die durchweg von Zionisten gegründet sind und meistens auch unter zionistischer Leitung stehen. Die zionistischen Frauen- und Mädchenvereine widmen sich insbesondere der Fürsorge für arme und elternlose jüdische Kinder. Auf Anregung und unter tätiger Mitwirkung der Zionisten sind neuerdings auch eine Reihe jüdischer Turnvereine entstanden. Die zionistische Organisation Galiziens ist auch ein Faktor im innerpolitischen Leben Galizens geworden. Sie geht an keiner Tagesfrage achtlos vorüber, die die galizische Judenschaft unmittelbar berührt. Die Fragen der wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der galizischen Judenheit ist von ihr energisch in die Hand genommen, im Kampf um die politischen Rechte der jüdischen Massen haben die Zionisten die Führung inne. Die intensive Betätigung mit diesen Fragen hat mittelbar auch eine beträchtliche Stärkung der zionistischen Landesorganisation selbst zur Folge gehabt. Dem Zwecke der wirtschaftlichen Hebung der galizischen Judenheit dient in erster Linie die von den Zionisten geschaffene Bank?,Credit-Union", die seit einigen Monaten arbeitet und sich bereits gut entwickelt hat. Außer der Zentrale in Lemberg hat sie in den letzten Monaten in Tarnopol, Brzezany und Brody Filialen eröffnet. Die Bank ist zweifellos berufen, ein überaus wichtiger Faktor im wirtschaftlichen Leben der galizischen Judenheit zu werden. 7 Ungarn Der Ausbreitung der zionistischen Bewegung in Ungarn standen bisher zwei Urnstände hindernd im Wege: das feindliche Verhalten der offiziellen Kreise der neologen und orthodoxen Judenheit einerseits und der passive Widerstand der Regierung anderseits. Angesichts dieser Schwierigkeiten kann mit um so größerer Genugtuung konstatiert werden, daß der Zionismus in Ungarn seit dem VIII. Kongresse einen sehr starken Aufschwung genommen hat, der insbesondere seit Beginn des Jahres 1909 in einer allgemeinen. Ausbreitung der Bewegung zum Ausdruck kommt. Der Zionismus hat in der letzten Zeit die Sympathie der öffentlichen Meinung in immer größerem Maße gewonnen, so daß sich die ersten Anzeichen eines allgemeinen Umschwunges der Stimmung bereits deutlich bemerkbar gemacht haben. Wenn auch die zionistische- Organisation heute in Ungarn noch verhältnismäßig schwach ist, so existiert doch bereits ein sehr starker latenter Zionismus, der nur günstigerer Verhältnisse bedarf, um in eitier mächtigen zionistischen Landesorganisation zum Ausdruck zu kommen. In den Herbstmonaten 1908 wurde das Bureau der ungarischen Landesorganisation von Grund auf reformiert und in die Lage gesetzt, eine über das ganze Land ausgebreitete, programmäßige Propaganda in Volksversammlungen und mittels Flugschriften zu entfalten. Diese Propaganda war so erfolgreich, daß sie zunächst Angriffe von jüdisch-gegnerischer Seite und infolgedessen wiederum seitens der antisemitischenVolkspartei auslöste. Diese benutzte die antizionistische Kampagne, um Stimmung gegen den dem Parlamente unterbreiteten neuen Wahlgesetzt ntwurf zu machen, der den Juden ziemlich günstig war. Es erschienen Leitartikel in antisemitischen Blättern, die den Zionismus als staatsgefährlich denunzierten, und es wurde auch eine Interpellation gegen den Zionismus im Parlament eingebracht. Indessen gelang es der zionistischen Organisation, den aus diesem Angriff drohenden Gefahren zu begegnen, so daß die ganze Affäre schließlich dem Zionismus nur Nutzen gebracht hat, da sie natürlich von zionistischer Seite propagandistisch verwertet wurde. Insbesondere fand ein in Form einer Broschüre abgefaßtes zionistisches Memorandum an die Begierung und das Parlament eine kolossale Verbreitung und eine sehr sympathische Aufnahme in der ganzen Presse und der Öffentlichkeit. Im Juli 1909 bestanden in Ungarn 149 organisierte zionistische Gruppen an 138 Orten gegen 96 im Jahre 1908. Die Zunahme beträgt also über 50°/o. Seit Juni haben sich im Lande weitere zirka 20 neue Gruppen gebildet, so daß Ungarn augenblicklich zirka 170 zionistische Organisationen zählt. Von 63 ungarischen Komitaten erstreckt sich der Zionismus über 58. In Budapest bestehen allein acht zionistische Vereine. Immerhin bietet die ungarische Judenheit noch ein überaus weites und entwicklungsfähiges Feld für die zionistische Tätigkeit. Im Jahre 1909/10 dürfte die Gesamtsumme der Einnahmen und Ausgaben der zionistischen Landesorganisation Ungarns 30 000 Kr. betragen. In Ungarn erscheinen drei zionistische Zeitschriften: „Magyarorszagi Cionista Szervezet," das offizielle Organ der Bewegung in ungarischer Sprache, einmal monatlich. Das Blatt entwickelt sich sehr zufriedenstellend und wird voraussichtlich demnächst in eine Halbmonatsschrift umgewandelt werden. Außerdem erscheint die „Allgemeine Jüdische Bundsehau", das Organ der Misrachisten, wöchentlich in deutscher Sprache und die „Preßburger Jüdische Zeitung" zweimal monatlich in deutscher Sprache. Überdies werden ständig Broschüren und Flugschriften in ungarischer Sprache veröffentlicht. 1908/09 erschienen fünf Broschüren, davon wurden drei vom Landeskomitee selbst ausgegeben. Seit dem letzten Jahre macht sich in Ungarn, speziell in den nordungarischen Komitaten, das Streben zum Zusammenschluß der auf misrachistischem Boden stehenden Zionisten bemerkbar. Dieser Richtung gehören etwa 600 Schekelzahler an. XXVII