Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316405--52730-3346487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Werk ist allerdings im letzten Augenblick infolge der Separationsgelüste gewisser jüdischer Kreise Galiziens und sonstiger reaktionärer Tendenzen gescheitert, die Frage ist aber aufgeworfen und wird nicht mehr von der Bildfläche verschwinden. Das Anwachsen der zionistischen Bewegung zeigt sich auch in der gesteigerten Teilnahme der Öffentlichkeit bei allen zionistischen Veranstaltungen. Neben den Veranstaltungen in Wien zeigen insbesondere die in Prag stets einen starken Besuch. Auch das 50semestrige Stiftungsfest der ,;Kadimah" hat Anlaß zu imposanten Kundgebungen für den Zionismus gegeben. Einige Wochen hindurch ist in Wien mit Erfolg der Versuch der Einrichtung einer „Jüdischen Bühne" gemacht worden, über den die Tagespresse sich lobend geäußert bat. Besonders erwähnenswert sind auch die vom zionistischen Studentenverein „Theodor Herzl" unter Zuziehung hervorragender Kräfte veranstalteten Palästinakurse. Das Zionistische Zentralbureau für Westösterreich hat ein Palästina-Informationsbureau für jüdische Auswanderer nach Palästina eingerichtet, deren Zahl ständig zunimmt. Das Bureau entfaltet eine segensreiche Tätigkeit. Es ist ihm gelungen, von den Bahn- und Schiffahrtsgesellschaften Ermäßigungen zu erlangen; auch hat sich das Bureau bei den Schiffahrtsgesellschaften mit Erfolg bemüht, eine humanere Behandlung der Auswanderer durchzusetzen. Die vom Zionistischen Zentralbureau herausgegebene und vom Mitglied des Aktionskomitees, Herrn A. Böhm, verfaßte Broschüre „Palästina-Arbeit(( leistet in der Agitation vortreffliche Dienste und wurde jüngst vom Niederländischen Zionistenbund ins Holländische übersetzt. Die eigenartigen Verhältnisse Österreichs haben es nie möglich gemacht, eine starke einheitliche Landesorganisation für ganz Österreich aufzubauen, wenn auch der Zusammenhang von Ost- und Westjuden stets betont wurde. Diese organisatorischen Schwierigkeiten haben im Jahre 1908 zur Bildung zweier Zentralbureaus für Westösterreich und Galizien geführt. Die Frage der gesamtösterreichischen Organisation ist noch nicht gelöst, voraussichtlich werden in der nächsten Zeit wieder Versuche gemacht werden, um einen Zusammenschluß der Organisationen herbeizuführen. Die westösterreichische Organisation ist in drei Distrikte gegliedert: Böhmen, Mähren-Schlesien und Innerösterreich. Die Zahl der Vereine beträgt insgesamt 71, davon in Böhmen 25, worunter 4 im letzten Jahre gegründet wurden, in Innerösterreich 25, in Mähren-Schlesien 12 und 9 Ferialverbindungen. Die Zahl der gesammelten Schekel beträgt im laufenden Jahre insgesamt 5400. Einen geradezu glänzenden Aufschwung nahm die Nationalfonds-Sammlung, die in den letzten beiden Jahren M 115 000.— erbrachte. Offizielle Organe der zionistischen Organisationen gibt es in Westösterreich nicht, dagegen erscheint eine Reihe nichtoffizieller zionistischer Zeitungen. Besonders erwähnenswert ist noch die von Zionisten gegründete Volks vorschußkasse in Prag und jetzt ein von dem Gründer dieses segensreichen Unternehmens ins Leben gerufenes Internat. Zweifellos sind die Bedingungen für eine ausgezeichnete Entwicklung der zionistischen Bewegung in Österreich gegeben. Unleugbar hat die Idee des Zionismus in der psychischen Entwicklung der Nichtzionisten außerordentlich viel Terrain gewonnen, wenn dies auch schwer zahlenmäßig zu konstatieren ist. 6 Galizien Galizien bildete vor dem VIII. Kongreß einen Teil der österreichischen Landsmannschaft und zerfiel in drei Distrikte. Nach dem VIII. Kongreß wurde ein besonderes Zentralkomitee der galizischen Zionisten mit dem Sitz in Lemberg geschaffen, und gleichzeitig ein neues Distriktskomitee für Podolien mit dem Sitz in Tarnopol gebildet. In den größeren Städten Galiziens wurden Kreiskomitees organisiert, denen die Organisation in ihren Kreisen obliegt, und außerdem Lokalkomitees für die Besorgung der zionistischen Angelegenheiten an den einzelnen Plätzen, Heute gibt es in Galizien fast keinen Ort mehr, wohin der zionistische Gedanke nicht gedrungen ist, und die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo an allen Plätzen mit nennenswerter jüdischer Bevölkerung ein zionistischer Verein besteht. Die in vier Distriktskomitees gegliederte zionistische Organisation in Galizien umfaßt rund 200 Vereine. Im November 1907 und im April L909 fanden Landeskonferenzen statt, an denen sich je 200 Delegierte beteiligten. In den letzten Monaten ist es auch gelungen, eine Organisation sämtlicher zionistischer Studentenvereine und -Verbindungen Galiziens ins Leben zu rufen, und augenblicklich arbeitet man eifrig an der Vereinigung der in Galizien bestehenden Frauenun d Mädchenvereine zu einer Gesamtorganisation, die dem Jüdischen Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina angegliedert werden soll. Die Mittelschüler sind gleichfalls in einem Verbände vereinigt, dem etwa 40 studentische Zirkel angehören. Die mündliche Agitation wurde in der Berichtszeit sehr lebhaft betrieben. Eines der wichtigsten Agitations- Instrumente ist natürlich die Presse. In Galizien erscheinen drei zionistische Zeitungen, das weitverbreitete ' „Lemberger Tagblatt" in jüdischer Sprache und die beiden polnischen Wochenschriften„Wschod" und „Slowo zydowskie". Außerdem stehen noch die beiden Zeitschriften „Rzeszower Volkszeitung" und „Sancer Zeitung" der zionistischen Organisation nahe. Der Verbreitung der zionistischen Idee unter der Schuljugend dient die Monatsschrift „Moriah" und die Halbmonatsschrift „Haschachar". Im Zentralkomitee besteht eine besondere Broschürenkommission, die den Verschleiß und die Verbreitung zionistischer und allgemein-jüdischer Broschüren besorgt. Das Interesse für Palästina ist auch unter Nichtzionisten sehr rege. Die Sammlungen erbringen durchweg Beträge, die im Verhältnis zu der allgemeinen ökonomischen Lage der galizischen Judenheit als sehr hoch bezeichnet werden müssen. Im letzten Jahre wurde besonders lebhaft die Agitation für die Palestine Land Development Company und den Bezalel betrieben. Für den Januar 1910 ist eine große Bezalel-Ausstellung in Lemberg in Aussicht genommen. Die Nationalfondssammlung wies eine ganz bedeutende Steigerung auf. Die Resultate erscheinen in XXVI