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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 39

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 39)
Language
German
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Aus diesem Sachverhalt ergibt sich für uns ein politisches und kulturelles Programm, das nicht einmal präzisiert zu werden braucht, weil es schon in der Darstellung der Lage mit genügender Klarheit angedeutet ist. Es ist dies das Programm einer weisen, umsichtigen, mit Sachkenntnis und Intelligenz zu leitenden Politik, die mit den gegebenen Faktoren rechnen wird. Sie gründet sich weder auf einzelne Äußerungen, noch auf momentane Stimmungen, die günstig oder ungünstig sein mögen; sie wird auf Grund der großen Gesetze kultureller Entwicklung ihr Ziel erreichen. 21. Das Problem des Zusammenwirkens — Die Merkmale zionistischen Charakters — Die nationale Bedeutung der Kleinarbeit Es kann auch gar nicht ausbleiben, daß das Volk immer mehr und mehr sich uns zuwendet. Bei aller Gegensätzlichkeit dürfen wir nicht vergessen, daß jüdische Organisationen einen gemeinsamen Boden unter allen Umständen erhalten müssen für die Selbstrettung, daß also der jetzige Gegensatz nicht zu solcher Schärfe ausarten darf, daß ein Zusammenfinden zu gemeinsamen Zwecken unmöglich gemacht wird. Wenn wir von Berührungspunkten für ein Zusammenwirken sprechen, so ist der gemeinsame Boden gegeben. Er heißt Palästina. Nur müssen wir unsern Standpunkt genau präzisieren, damit das Zusammenwirken kein Sichaufgeben bedeute. Ein Bedürfnis, für das Stammland der Ahnen etwas zu tun, ist bei allen Juden zu bemerken, und die höher kultivierten genügen ihm vornehmlich dadurch, daß sie ihre Schulen dort gründen. Die Zionisten verfügen ihrer höhern Organisation gemäß über eine bei weitem größere Mannigfaltigkeit der innern Beziehungen und Zusammenhänge mit Palästina, und es ist deshalb natürlich, daß sie ganz anders und viel intensiver wirken. Es unterscheiden sich die Hilfswerke der andern von den unsrigen dadurch, daß sie zwar von einem Mitgefühl, vielleicht auch von einer Vorliebe für Palästina Kunde geben, daß sie aber nicht versuchen, dieselbe so zu gestalten, als ob es ihre eigenste Sache wäre. Das einfache Geben ist unmittelbar die Folge eines Mitgefühls; sich solidarisieren, sich eins fühlen mit etwas Geschaffenem fordert ein System, setzt eine bestimmte Gesinnung voraus. Der Zionist tritt in ein Verhältnis zu den Palästinaschöpfungen. Erwilldie.Dinge erkennen; er eignet sich dieDinge an, indem er dieselben sich vorstellt und als die seinigen in den Erscheinungen wiederfindet, welche er schafft. Nicht das Geben, das Schaffen ist das zionistische Merkmal. Man kann fragen, wie denn ein Schaffen sich beispielsweise in der Pfanzung eines Ölbaums zeige, und worin dies irgend welchen von andern gemachten Stiftungen überlegen sei. Wir behaupten keineswegs, daß an jedem Ölbaum ein nationaler Charakter nachzuweisen sei, und können zugeben, daß nicht in jeder Einzeltat das Große enthalten sein kann. Nichtsdestoweniger liegt derUnterschied darin, daß mit unserer Arbeit jedes geschaffene Werk zu einem erstrebten geworden ist. Wir haben ja nicht viel auf dem eigentlichen Gebiete der Kolonisation geschaffen, und bekanntlich haben wir uns nur vorgenommen, die Bedingungen für eine Kolonisation zu schaffen, aber in uns liegt der Keim des Schaffens, denn uns quält das Problem. Die Großphilanthropie hat dort vieles geschaffen. Ob es mehr oder weniger gelungen ist, — es ist nicht zu einem Schaffungstrieb, zu einem Schmerzgefühl des Nichtkönnens in der Diaspora geworden. Der Zionist und jeder Durchschnittszionist will ein Schaffender sein. Sein Mitgefühl erweitert, vertieft und verfeinert sich beständig, und es ist klar, daß dies die Folge ist der fortschreitenden Erkenntnis und des hierdurch mitbestimmten Wollens eines nützlichen, sittlichen und selbstbewußten Nationalgeistes. Die sittliche Kraft des einzelnen erhält in den Sammlungen und Gründungen das Mittel, zur Vorstellung einer ersehnten Einheit zu erlangen. Daß diese Bildungen mangelhaft sind und beständiger Berichtigungen bedürfen, kann die Partei nicht kümmern; denn sie muß schaffen. Denkt man nicht an die Idee, sondern berücksichtigt nur die Institutionen, so schrumpft natürlich der Wirkungskreis sehr zusammen, und man erkennt weder, wiefern sie aus der Idee erwachsen, noch wie sie auf diese zurückwirken. Deshalb hielten wir Umschau auf dem Gebiete der Gedankenarbeit, aus der es ersichtlich wird, wie die einzelnen Aufgaben und Arbeiten einander erschaffen, bedingen, erneuern und erhalten. Der Natur unserer Beobachtungen entsprechend, welche Gegenstände behandelt, die mehr geistiger als konkreter Natur sind, konnten wir weder die chronologische Reihenfolge, noch eine scharfe geographische Abgrenzung durchführen und richteten uns eher nach den großen Gesichtspunkten der ganzen Bewegung als nach den festen Punkten der Landsmannschaften und der Institution, die nur als Niederschläge der Arbeit und als jeweilige Verkörperung der Bestrebungen erscheinen. 22. Schlußbetrachtung, — Palästina. — Die Kattowitzer Feier. — Der Nordau=Geburtstag So gelangen wir zum Schluß unserer allgemeinen Betrachtungen, zum Ziel und Mittelpunkt all dieser Arbeit und Bestrebungen. In Palästina werden sich alle jüdischen Organisationen zusammenfinden; sie finden sich zum Teil schon jetzt zusammen. Man könnte uns den Vorwurf machen, daß wir über Palästina nur kurz und erst zum Schluß sprechen,- aber dieser Vorwurf wäre töricht. Jeder Gedanke und jeder Satz bezieht sich am Ende auf Palästina. Ist ja Palästina der Zweck und der Inhalt, die Gestalt und der Geist für sämtliche Einrichtungen und Bemühungen, Gegenstand aller Sorgen und Vorbereitungen und muß es jableiben. Wir ziehen dort immerweitere Kreise, und immer tiefer schlagen die Wurzeln, die durch unsere Anregung Nahrung empfangen. Die Grundlagen und die Voraussetzungen für einen Zusammenschluß werden dort geschaffen. Die Verwirrung und Zersplitterung muß überwunden werden. Eine niemals nachlassende Fürsorge für die Landwirtschaft, ebenso für die wohlverstandenen und wohlberechtigten Interessen der städtischen Bevölkerung ist die Leitidee aller Vorschläge, die sich auf Palästina beziehen. Wir wollen nicht nur Heim und Schutz für unser Volk schaffen, wir wollen auch Palästina zum Höhepunkt jüdischer geistiger Kultur machen. In Palästina soll die Kulturgemeinschaft des jüdischen Volkes fest begründet werden. DenNachwuchs heranbilden, dieLiebezurheimatlichenScholle fördern, die Nationalsprache verlebendigen — das sind unsere großen Kulturpostulate in Palästina. Palästina ist ein Faktor des jüdischen Lebens geworden, 4*

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