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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 38

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 38)
Language
German
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machende Bedeutung habe. Praktisches und Greifbares konnte noch nicht herauskommen, weil wir doch erst an der Schwelle dieses neuen Stadiums stehen und weil der Erneuerungsprozeß in der Türkei erst jetzt vor sich geht. Aber unsere Organisation ist in die neue Tätigkeit eingetreten. Eine große Aufklärungsarbeit wurde eingeleitet. Es entmutigt uns nicht im geringsten, es reizt nur unsere Energie und erhöht die Kraft unserer Initiative, daß wir auf Hindernisse, insbesondere seitens jüdischer Gegner, gestoßen sind. Unsere Gegnerschaft ließ ihrem maßlosen Zionistenhaß die Zügel schießen. Exaltierte Hetzer haben die Legende von den Losreißungsbestrebungen der Zionisten vom ottomanischen Staat in die Welt gesetzt. Als dieses Phantasiegebilde unserseits durch aufklärende Aufsätze zerstört worden ist, begannen sie Astrologie zu treiben und die Zukunft zu prophezeien, daß die Zionisten zwar nicht jetzt, aber in der Zukunft geneigt sein könnten, dem türkischen Staat Verlegenheiten zu bereiten. Eine Kette von Schlußfolgerungen aus erdachten Prämissen zog sich durch all diese Ausführungen und — Denunziationen. Demgegenüber ergab sich für uns die Pflicht, in einer groß angelegten Aufklärungsarbeit Abwehr zu leisten. Mit Ernst und Überzeugungstreue sind wir bemüht, die Wahrheit ans Licht zu fördern. Das geschieht ohne jede Verschleierung und ohne Schwächung unseres eigenen Prinzips, in der richtigen Erkenntnis, daß die Einheit und der Fortschritt des Osmanenreiches nur gefördert werden können durch die Verwirklichung unseres Ideals. Unter Einheit verstehen wir das, was dem Staate frommt. In einem Staate, wie es die Türkei ist, die in ihrem Grenzbereiche Angehörige verschiedener Nationen zusammenfaßt, können die Ziele des Staates nicht etwa die sein, eine Nation als existenzberechtigt zu erklären und in ewigen, den innern Frieden gefährdenden Kämpfen die Vernichtung der Minderheiten zu erstreben, sondern unter Berücksichtigung der bestehenden Verhältnisse muß, allerdings nach Erfüllung gewisser die Entwicklung des gemeinsamen Staates verbürgender Grundsätze, das Streben darauf hinausgehen, unter Wahrung der verschiedenen nationalen Eigentümlichkeiten die Gegensätze auszugleichen und Verhältnisse zu schaffen, unter denen sich die Staatsangehörigen wohl fühlen. Das ist patriotisches staatsnützliches Arbeiten. Ist das bei tatsächlich bestehenden Gegensätzen der Fall, um so mehr bei Gegensätzen, die nur auf einer Fiktion beruhen. Denn es existieren tatsächlich keinerlei Gegensätze zwischen ottomanischem Staatsinteresse und Zionismus, wie sie zwischen ottomanischemStaatsinteresse und andern nationalen Interessen vielleicht existieren mögen. Tausend Zusammenhänge zwischen ottomanischem Staatsinteresse und Zionismus sind logisch tief begründet, müssen aber zum Ausdruck kommen und zur Geltung gebracht werden. Das ist der Charakter und der Inhalt der jetzt beginnenden Politik. Wenn man die politische Situation mit klarem Auge überschaut, so gelangt man leicht zur Überzeugung, daß die Neugestaltung der türkischen Verhältnisse dem Zionismus moralisch schon jetzt riesige Erfolge gebracht hat. Diese Erfolge zerfallen in vier Kategorien: 1. Das kräftigste und überzeugendste Argument, das gegen den Zionismus immer ins Feld geführt worden ist, war die früher nicht unbegründete Behauptung, die Türkei sei als despotischer und rückständiger Staat kein geeigneter Schauplatz, auf dem eine ersprießliche Kolonisation gedeihen kann. Der Zug der Zivilisation, hieß es, geht nicht vom Westen nach dem Osten, sondern umgekehrt. Nun haben die neuen Ereignisse diese ganze Theorie auf den Kopf gestellt. Die großen Ideen der Kultur und der Zivilisation haben im Osten ihren sieghaften Einzug gehalten. Die Türkei ist ein moderner Staat geworden. Die Nützlichkeit einer Auswanderung aus den rückständigen halbdespotischen Ländern nach der Türkei ist so einleuchtend, daß auch die heftigsten Antizionisten sich der Richtigkeit dieser ,Idee nicht verschließen können. Der Zionismus hat deshalb schon Sympathien gewonnen und wird immer mehr Sympathien gewinnen in Kreisen, die ihm früher ganz unzugänglich waren. 2. Die politische Arbeit mit einem despotischen Staat, wo alles von Launen und Willkür abhängig ist, war außerordentlich schwierig. Wenn wir auch früher von der Hoffnung beseelt waren, daß wir unser Ziel erreichen werden, so lag das in der Macht der gerechten Überzeugung, daß eine gute und nützliche Idee sich überall durchringen müsse. Aber um wie viel freier und sicherer ist die Arbeit mit einem modernen zivilisierten Staat, der einen fruchtbaren Boden bietet für kulturelle und humane Ideen! In einem solchen Staat brauchen wir nicht auf günstige Launen zu rechnen, sondern auf die Macht der Logik, auf die staatsmännische Weisheit, auf die Notwendigkeiten der Entwicklung und auf den kulturellen Fortschritt, derunsereBestrebungennurbegünstigen kann. 3. Die Verbreitung der Idee unter den Juden der Türkei war früher in dem rückständigen Zustande, in dem sich die Türkei befand, ganz ausgeschlossen. Es unterliegt ja aber keinem Zweifel, daß die Juden der Türkei ein sehr wichtiger Faktor für das Gedeihen der zionistischen Bewegung sind. Erst in der neuen Türkei, unter dem Schutz der freiheitlichen Gesetze, ist es möglich geworden, eine gewisse Tätigkeit zu entwickeln und die Massen aufzuklären. Diese Aufklärung der Masseh wird immer weitere Fortschritte machen, und nichts wird sie hemmen. 4. In unserer eigenen Partei hat die politische Neugestaltung eine sehr nützliche Klärung herbeigeführt, Das frühere Schibboleth „Politik oder Praxis" ist verschwunden. Wir sind jetzt nicht mehr nach einem Schema gespalten. In Frage steht jetzt nicht „Politik oder Praxis", sondern wie wir unsere Kräfte entwickeln und weitere Kreise ziehen können, und da ist es an der Zeit, die Schlagworte aufzugeben, mit der Schablone zu brechen und mit der Wirklichkeit zu gehen. Diese Überzeugung dringt in immer weitere Kreise, und unsere Partei gewinnt hierdurch an Einheitlichkeit. Wenn wir noch hinzufügen, daß sich in dem aufstrebenden ottomanischen Staate auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit neue Aussichten eröffnen und daß eine rege Betriebsamkeit die Möglichkeit finden wird, sich in allen Ecken und Enden zu betätigen, daß die gesetzgeberische Arbeit mit der Zeit die Hindernisse aus dem Weg räumen muß und daß unsere Bestrebungen und positiven Arbeiten sich auf der aufsteigenden Linie des Fortschritts befinden, so gelangen wir zum Schluß, daß der jetzige Zustand die Keime einer großen Zukunft für uns in sich birgt und daß diese günstigen Bedingungen bei weitem die vorläufigen Widerstände upd Hemmnisse, die Vorurteile und Mißverständnisse überwiegen. XVI

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