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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 37

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 37)
Language
German
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ist aber leider mit der Zeit anders geworden. Die „Alliance" ließ sich von neuen Strömungen tragen; die Nachäffung fremder Fehler, die fremde Mode brach ein und verdrängte das Nationale. Wenn wir jetzt im Orient zu wirken beginnen, so brauchen wir nicht die A. I. U. zu bekämpfen; im Gegenteil, wir sind bereit, ihre Verdienste mit Bezug auf die Verbreitung allgemeiner Kultur, wie auch die Verdienste des Hilfsvereins der deutschen Juden, der wacker und in einem jüdischen Geiste eine ersprießliche Tätigkeit, entwickelt, uneingeschränkt anzuerkennen. Unsere Aufgabe wird hauptsächlich darin bestehen, das Nationale mehr zur Geltung zu bringen. Ein Anfang ist in dieser Beziehung von uns auf dem schriftstellerischen Gebiete gemacht worden. Ein ganz neues Gebiet intensiver nationaler Tätigkeit und Erziehung erstreckt sich vor uns, ein Gebiet, auf dem sich uns große Schwierigkeiten entgegentürmen, aber auch glänzende geistige Triumphe winken. 19. Bulgarien — Die Schulexpedition der A. I. U. — Ägypten — Ständige Propagandaredner Wir befinden uns in dieser Beziehung in einem vollständigen Einklang mit den Interessen und Stimmungen, die in letzter Zeit unter unsern sephardischen Brüdern vorherrschen. Das ist nicht nur der Fall in der Türkei, sondern auch unter den Sephardim Bulgariens, die diesem Problem das lebhafteste Interesse entgegengebracht haben und noch jetzt immer mehr entgegenbringen. Der friedliche Kampf um die Schule steht im Brennpunkte aller andern Kämpfe. Die Alliance Israelite Universelle hatte bekanntlich im vorigen Jahre eine Schulexpedition nach dem Orient gesandt, um die Lehranstalten, die von ihr unterstützt werden, zu untersuchen. Unsere sephardischen Brüder erwarteten von dieser Schulexpedition ein gutes Resultat für die Einführung des nationalen Geistes in den Schulen. Man sah überall einem Kurswechsel entgegen. Diese Hoffnungen haben sich bis jetzt nicht verwirklicht. Es fehlt in denSchulenfrisches pulsierendes, ursprüngliches Hebräisch. Man vermißt auch allgemein die Begeisterung des nationalen Lebens. Viele Eltern möchten ihre Kinder in ihren Anschauungen erzogen sehen, in Anschauungen, die sich an die nationale Geschichte anlehnen und deshalb auch schon in der Schule mit aller Bestimmtheit zum Ausdruck gebracht werden müssen, um so mehr, je absoluter heute die Assimilation und je spöttischer der Indifferentismus ist. Der Zionismus hat ein eminentes Interesse daran, daß in der Schule und durch die Schule ein Geschlecht herangezogen wird, das nicht nur mit einem mehr oder minder umfassenden Quantum von aneinandergereihten Kenntnissen ausgestattet, sondern durch Vertiefung des jüdischen Gemüts und Bildung des Nationalcharakters auch sittlich gefestigt und innerlich genügend ausgerüstet ist, um den mannigfachen Gefahren erfolgreich zu begegnen, die der jüdischen Jugend bei ihrem Eintritt ins Leben harren. Es ist bezeichnend, daß wir aus jedem Winkel unserer zionistischen Partei auf die Richtigkeit dieses Problems aufmerksam gemacht werden. So wird auch in dem Bericht, der uns aus Ägypten zugegangen ist, die Bedeutung der im zionistischen Geiste geleiteten Schule hervorgehoben, die von unserm Gesinnungsgenossen Herrn Kaleb geleitet wird. Es heißt in dem Bericht ferner, der Zionismus könnte dort sehr stark ausgebreitet werden, nur müsse man dafür sorgen, daß die kulturelle Tätigkeit sich weiter ausgestalte. Es wird auch auf die Notwendigkeit hingewiesen, ständige Propagandaredner anzustellen. Dieses Motiv wiederholt sich in manchen andern Berichten. Nur muß man den Begriff der Propaganda etwas tiefer auffassen. Die Propaganda kann nicht nach einem regelmäßigen Schema angelegt werden; mannigfaltig und immer wechselnd muß die Behandlung des Themas sein, wobei die Schatzkammer jüdischen Wissens fruchtbar gemacht werden muß. Eine angestrengte apologetische Aufklärungs¬ und Vertiefungsarbeit soll über die ganze jüdische Diaspora in Angriff genommen werden. Eine neue literarische künstlerische Tätigkeit soll darauf hinauslaufen, den Zionismus als eine dauernde und systematische nationale Tätigkeit mit überzeugender Kraft auch auf dem Gebiete der Dichtung und der Kunst zur Geltung kommen zu lassen. Das heißt den Boden bearbeiten und eine zukunftverheißende Aussaat bereiten. Eins ist sicher: Der Orient ist erwacht! Die Zeit ist reif zur Wiederaufnahme der Kulturaufgaben sowohl als auch dazu, daß die nationalen Grundsätze nachdrücklichst Anwendung finden. 20. Die politische Lage des Zionismus — Die Befreiung der Türkei — Die Vorteile und die Vorurteile Die politische Auferstehung des Osmanen- Reiches ist das größte Ereignis der verflossenen Kongreßperiode. Eine neue Ära hat begonnen. In einer die kühnsten Erwartungen übertreffenden Weise ist das lange Sehnen und Ringen der Jungtürken in Erfüllung gegangen. Die Freiheitsidee, die nur einzelne Gruppen von mutvollen Kämpfern und Märtyrern wahrten, ist zur Wirklichkeit geworden. Das ottomanische Volk hat sich über Nacht in ein freies, strebendes Kulturvolk umgewandelt! Der Eindruck, den dieses welthistorische Ereignis auf unsere Partei gemacht hat, war ganz gewaltig. Neue Gesichtspunkte begannen uns vorzuschweben, obenan das neue verfassungsrechtliche Prinzip der freien Türkei, sodann das Wechselverhältnis zwischen diesem Prinzip und unsern Bestrebungen und die daraus resultierenden Maßnahmen. Es ist klar, daß die zionistische Politik in ein Stadium neuer Arbeiten und Vorbereitungen eintreten mußte. Die Verhältnisse, Bedürfnisse und Stimmungen haben sich total geändert. Das Ideal blieb dasselbe; es gewann nur an Kraft und Klarheit, an Aktualität und Frische. Wie eine Sprungfeder wirkte die türkische Freiheit auf die zionistische Initiative; unter ihrem mächtigen Ansporn entstanden verschiedene grundlegende Projekte. Wir konnten uns nicht gegen die lebendige Entwicklung isolieren; wir wollten es auch nicht. Wir erblickten und erblicken in der Entwicklung der neuen Türkei die Parallellinie für die Entwicklung des Zionismus. Der Schwerpunkt, um den sich alle unsere Projekte kristallisiert haben, ist nunmehr die Verfassung geworden. Die Erörterungen, welche die Probleme der Politik während des letzten Jahres in unserer Öffentlichkeit gefunden haben, ließen es erkennen, daß sich die Oberzeugung immer mehr Bahn bricht, daß der Anbruch besserer Zeiten in der Türkei für uns eine epoche- XV 4

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