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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 36)
Language
German
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reichern Kennens sich fortentwickelt. Denn nicht nur in der Vergangenheit will der Zionismus aufgehen, er will auch für alle Fragen der Gegenwart, hauptsächlich für die Fragen der Gegenwart und der Zukunft dem Volke die Augen öffnen. 17. Die Ergebnisse der belehrenden Propaganda Keine einzige Idee und keine einzige Richtung im Judentum ist imstande, in einem so hohen Grade wie der Zionismus das Bewußtsein der einzelnen Juden mit dem Gedächtnis ihrer Nationalität zu erfüllen und sie damit für den Dienst im Leben der Nation zu erziehen. Daher ist die Förderung historischen Wissens ein anregender Faktor von unvergleichlicher Kraft. Nichts wirkt auf das jüdische Gemüt und auf den jüdischen Geist stärker als eine gediegene historische Lektüre oder das Anhören reichhaltiger historischer Vorträge. Wirken ja die Palästinavorträge auf die allermeisten, die doch keine aktuellen Lebensbeziehlingen zu Palästinahaben, hauptsächlichdurchdieWucht historischer Erinnerungen! Und wrorin besteht denn die eigentliche Macht der hebräischen Sprache und der tiefe Zusammenhang, der sie mit dem Zionismus verbindet, wenn nicht in ihrem historischen Charakter? Alles, was uns an die großen Geschichtsperioden unserer Nation bindet, bindet uns auch an Zion. Während uns die Gegenwart, die Lebensbedingungen, die verschiedenen Kulturen, die wir uns eigen machen, voneinander trennen, wird* das Zusammengehörigkeitsgefühl nur von diesen Faktoren bestärkt und befördert. Sie sind es, die uns auf einen gemeinsamen Boden stellen, nicht nur im Zielbewußtsein, sondern auch im Streben zum Ziel. In immer weitere Kreise ist besonders im Laufe der letzten Jahre die Überzeugung gedrungen, daß, wer dieses Ziel wünscht, dienotwendigenMittelnicht nur alseine harte Unentbehrlichkeit billigen, sondern mit der größten Freigebigkeit gewähren muß. Es ist dies ein Gebot .der Selbsterhaltung. Diese Erkenntnis hat unserer zionistischen Organisation in Rußland einen Notschrei entlockt, der vor der Übertragung des „Ha Olarn" nach Wilna in einem Aufruf dieser Organisation erklungen ist. Sie hat es verstanden, daß die Zeiten ernst seien und daß schwere Aufgaben der Lösung harren, daß die Partei auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit sein müsse und es daher Pflicht sei, die geistigen Kräfte in den Dienst der zionistischen Propaganda zu stellen. Eine bessere jüdische Stimmung regt sich, wie gesagt, und die Zukunft gehört derjenigen Partei, die sich dieser Stimmung bemächtigen wird. Was unserseits nach dieser Richtung geleistet worden ist, das ist die eigne Presse und die Erhaltung des „Jüdischen Verlags". Bei den knappen Mitteln, die der Organisation zu Gebote stehen, konnte nicht mehr gemacht werden. Berechtigte Mehrforderungen setzen die Existenz größerer Mittel und eines weitverzweigten Zusammenwirkens vieler Kräfte voraus. Aus den Erfahrungen der letzten Jahre ergibt sich die Notwendigkeit der Schaffung und Entwicklung aller geistigen Faktoren, die geeignet sind, das geschichtliche Einheitsgefühl und hierdurch den zionistischen Enthusiasmus und die Opferfreudigkeit zu einer höhern Entfaltung zu bringen. 18. Die zionistische Bewegung in der Türke Unsere Aufgaben Bezeichnenderweise gestaltet sich die zionistische Propaganda nicht nur in den großen europäischen Massenzentren Rußlands und Qaliziens, sondern auch im eigentlichen Orient immer mehr nach der nationalgeistigen Seite. Die recht eigentliche Signatur der beginnenden zionistischen Bewegung in der Türkei, die uns mit Freude erfüllt und unsere größte Aufmerksamkeit beanspruchen darf, ist eine kulturell-pädagogische. Der begeisterungsvolle Aufschwung des national-jüdischen Bewußtseins in manchen Kreisen der orientalischen Juden, besonders unter der Jugend, die Annäherung zwischen den Sephardim und Aschkenasim, die geeignet ist, das dortige bisher zerrissene und zerrüttete Judentum alle ein großes, zusammenhängendes und fortschreitendes Ganzes zu gestalten und zur Geltung zu bringen, alle diese neuen Entwicklungen stellen unsern Zionismus vor die große und ehrenvolle Aufgabe, als ein jüdischer Kulturfaktor im Orient, ausgerüstet mit vorzüglichen geistigen Kräften, aufzutreten. Nur durch eine Literatur, durch eine Presse, durch das lebendige und belehrende Wort, durch Erziehung und Schulen werden wir die Sephardim, deren Pioniere sich uns bereits angeschlossen haben, dazu bringen, den alten nationalen Ruhm zu wahren und zu fördern und den Zionismus in sich so aufzunehmen, daß er nicht in einem beständigen Auf- und Abschwanken zwischen Erweckung und Abspannung erglühe und erlösche, sondern es zu einer Kontinuität, zu einem wirklichen Fortschritt kommen lasse. Das jüdische Wissen muß nicht nurgehoben und vertieft werden, auch in die Breite muß es wachsen, es darf nicht nur Erkenntnis der Forscher, der Wissenden, derGelehrten, es muß zum Gemeingut breiter Schichten der Volksmasse werden. Wir Zionisten müssen die Pioniere und Bannerträger dieses Strebens sein. Wir müssen das große zusammenfassende Band, das alte Einigungsmittel, die hebräische Sprache, verbreiten, stärken und befruchten. Mit mächtigem Sinn werden wir den Nebel der Unwissenheit zerreißen, den Geist der Zwietracht verscheuchen und die getrennten Teile unserer zerstreuten Nation in Einklang stimmen. Wir müssen uns in jene uns bisher so fremde Welt, hineindenken und hineinempfinden. Wir müssen uns gegenwärtig halten, daß alles, was bis jetzt geschehen ist, nur auf dem Wege kultureller Beeinflussung sich vollzogen hat. Zum Teil war das auch beinahe vor einem halben Jahrhundert die Aufgabe der „Alliance Israelite Universelle". Man darf nicht aus den Fehlern gewisser Epochen einen Schluß auf das Ganze zielen. Ursprünglich war es das eifrige Streben dieser großen Institution, die alten Tugenden dem jüdischen Volke wiederzugeben. Energisch, packend, glühend, mit jedem Wort und mit jeder Wendung im Judentume fußend, riefen die ersten Begründer der „Alliance" die Juden zur Einheit auf in einer Weise, die jetzt als zionistisch bezeichnet und von manchem jetzigen Vertreter dieser Institution aufs schärfste verurteilt worden wäre. Die ältere Generation der sephardischen Juden hatte auch in den frühern Allianceschulen eine ziemlich gute jüdische Bildung genossen. Viele Sephardim, denen man jetzt noch begegnet und die sehr gut Hebräisch verstehen, haben dieses Wissen jenen ersten Schulen zu verdanken. Es XIV

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