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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 35)
Language
German
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zwei Jahren geschehen ist, nur auf eine Kraft zurückzuführen, und das ist die Kraft der Belehrung. Man muß. den Entstehungsprozeß des Zionismus begreifen, um die Art und Weise zu erkennen, wie in der guten alten Zeit gearbeitet worden ist und wie gearbeitet werden müsse, um wieder große Erfolge zu erzielen, d. h. nicht nur, um den Zionismus automatisch zu erhalten, sondern um ihm die großen Mittel zuzuführen, die notwendig sind, seine Kraft zu vergrößern. „Wie entsteht der Zionismus in Westeuropa, und wie entsteht er im Osten? Das Zustandekommen zionistischer Vereine oder mit andern Worten der zionistischen Bewegung erfolgt unter westeuropäischen Juden in dieser Weise: Einzelne Juden werden durch' eine angehörte Rede, durch das Lesen eines Buches, eines Aufsatzes oder einer Reihe von Aufsätzen usw. angeregt. Sie schließen sich infolgedessen einem Vereine an, bilden einen neuen Verein oder bezeigen ihre Angehörigkeit durch die Entrichtung eines Beitrages. Diese Anregung hat auch eine tiefe erziehliche Bedeutung zur Folge. Im Qrunde kann der Westjude ebenso national fühlen wie der Ostjude. Aber die ganze Mehrheit ist zum Forschen und Grübeln nicht angelegt. Hier ist es hauptsächlich eine Vereinstätigkeit. Wenn von diesen Vereinen gesagt wird, daß hier nur „gearbeitet" werden müsse, so ist die Art und das Programm dieser Arbeit ganz klar. Es existiert dafür eine ausgezeichnete Vereinstechnik, die gemacht werden muß, um die Vereine zu erhalten, und lösen sich diese auf, so werden eben andere Vereine gegründet, und die Bewegung erhält sich. In den großen jüdischen Zentren Osteuropas war es seit jeher anders. Die Arbeit wurde nie nach der westeuropäischen Schablone gemacht und kann am allerwenigsten jetzt nach dieser Schablone gemacht werden. Wir haben dort einerseits mit Talmudjuden im edelsten Sinne dieses Wortes, anderseits mit einer gebildeten Klasse, mit einer intelligenten, zum Teil auch verbildeten Jugend und mit denkenden Arbeitern zu tun. Abgesehen davon, daß die Arbeit infolge der äußeren Umstände sich nicht so gestalten kann wie in andern Ländern, ist dieses Material wegen der Unsicherheit seiner Lebensverhältnisse, wegen der Unbeständigkeit seiner Wohnsitze usw. nicht so lenkbar wie etwa die Vereine unter den geordneten Verhältnissen Westeuropas. Die Aufopferungsfähigkeit kann, wenn der Qeist wachgerufen wird, bis zum höchsten Qrade gesteigert werden, aber er muß eben wachgerufen werden. Es besteht dort ein mächtiger Drang nach Forschung, ein analytischer, grübelnder, wissensreicher und scharfsinniger Qeist, dem die Form nicht genügt, und der in das Wesen jeder Sache tief eindringt. Diese Besonderheiten müssen festgehalten werden, damit man mit deren Berücksichtigung die zionistische Arbeit in die richtigen Bahnen lenke. 16.. Geschichte und jüdisches Wissen Es ergibt sich aus diesen Besonderheiten die logische Notwendigkeit einer mehr auf den Qeist als auf die Form, mehr auf die Massen, als auf die Vereine, mehr auf das Wesen, als auf das Schema gerichteten Propaganda. Die Eigenart der Verhältnisse und der Stimmungen, die man geneigt ist, als hindernde Momente zu betrachten, stellt sich bei einer richtigen Behandlung als eine erleichternde und begünstigende Vorbereitung dar. Die Unbeständigkeit der Lebensverhältnisse fordert ein festeres Sichanschmiegen an das zionistische Ideal, die Opferfreudigkeit kann wirtschaftlich und sittlich gut verwendet werden, und hauptsächlich ist es der lernende Qeist, den der Zionismus nähren muß und von dem er in wechselseitiger Beziehung getragen und gepflegt werden kann. Denn dieser lernende Qeist ist der jüdische Qeist, der geleitet werden kann von der Quelle der jüdischen Geschichte bis zur Mündung: Zukunft der jüdischen Nation in Palästina. Während dem ganz modernen westeuropäischen Juden die historisch-nationalen Begriffe oftmals in elementarer Form beigebracht werden müssen, braucht man sie bei den Ostjuden nur wachzurufen. Es ist mehrere Male wiederholt worden, der Zionismus sei eine historische Bewegung. Es genügt aber nicht, eine Formel auszusprechen; man muß sie auch gründlich verstehen und in die Tat umsetzen. Diese Tat ist die Weckungdes historischen Bewußtseins. Es ist nicht hier der Ort und es würde den Rahmen einer berichterstatterischen Übersicht überschreiten, wollten wir dieses Problem literarisch behandeln; aber eine Erläuterung des Begriffs ist doch für die Wertschätzung des Geschehenen und des zu Geschehenden unumgänglich notwendig. Wie kann der Zionismus zu einem beständigen historischen Trieb jedes einzelnen Zionisten werden? Wie können wir die zionistische Bewegung vergrößern und ihren Bestand sichern, damit sie nicht von den vorübergehenden Erscheinungen, von den unvermeidlichen Prüfungen und Enttäuschungen, Wandlungen und Abwechslungen Schaden erleiden soll? Die Lösung dieses Hauptproblems liegt in der richtigen Methode der zionistischen geistigen Arbeit oder der historischen, erziehlichen undbelehrendenPropaganda. Der Zionismus kann in unserer Zeit zu einer historischen Bewegung gemacht werden. Das westeuropäische Judentum muß belehrt, bei dem osteuropäischen Judentum muß das Wissen bereichert werden. Der Zionismus fußt hauptsächlich auf dem historischen Bewußtsein der Vergangenheit. Die Vergangenheit, auf welche das Gedächtnis des urteilenden Individuums sich zu beziehen hat, damit dies in der Fortdauer der Nationalität bleibe und diese für seinen Teil fortführe, umfaßt bekanntlich nicht nur diejenige Zeit, welche ihm selbst verflossen ist, sondern die Geschichte des Erkennens innerhalb seiner Nationalität, wie sie in den Oberlieferungen niedergelegt ist. Historische Begriffe denken, heißt Erkanntes wiederdenken. Das, was für die Bedeutung des nationalen Lebens sich in der Geschichte der Nation als allgemein gültig ansammelt und festsetzt, ist auf das Gedächnis der Nation gegründet, in welcher es durch unzählige Akte des Kennens, Beobachtens, Versuchens, Urteilens als wahres Erkennen gewonnen hat. Nicht einzelne Tatsachen werden so ins Gedächtnis zurückgerufen, sondern an den Tatsachen werden Gedanken und Gedankenreihen wieder lebendig und treten in die neuangeregte Denkarbeit ein, sei es, daß diese die moderne Begriffswelt selbst wieder durcharbeitet, sei es,* daß sie die Erfahrung der Zeiten fördert, welche auf Grund eines immer genauem und XIII

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