Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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Man muß das ganze innere Getriebe der Entwicklung durchschauen, um zu begreifen, auf welchem Boden dieser Prozeß neb'st all seinen Begleiterscheinungen entstanden ist. Die strebenden geistigen und künstlerischen Kräfte, die diese Anschauung vertreten und die jetzige Entwicklung angebahnt haben, sind im Grunde ihres Herzens national. Aber Jüdisches und Menschliches bildet bei ihnen immer nocheinenWiderspruch; infolgedessen fassen sie sich nicht zu einem einheitlichen Ziele zusammen, sondern streben einseitig nach dieser oder jener Richtung, betonen einseitig gewisse Bedingungen ihres Individuums und des menschlichen Daseins überhaupt. In diesem Zwiespalt entsteht das Gefühl des Mangels und daraus die Sehnsucht nach der fehlenden Vollkommenheit. Die Sehnsucht des Goluth-Intellektuellen oder des Goluth- Weltverbesserers strebt über die Wirklichkeits-Gebundenheit hinaus, nach dem Abstrakten, nach dem Ideal. Diejenigen, die es nicht vermocht haben, am Zionismus festzuhalten oder sich ihm anzuschließen, suchten es in der Verwirklichung des sozialen Ideals, und ist letzteres auch abgebraucht und abgeblaßt, so ist es die Kunst, die als tröstende Ergänzung und Befriedigung des Gefühls des Mangels dargestellt wird. Ist für die Eigenart des Lebens, wir meinen des jüdischen Lebens, schon gar keine Zuflucht mehr vorhanden, weder eine Autonomie im Goluth, noch das glückselige Reich der Gesamtmenschheit, so möge sie in der Kunst und in der jiddischen Sprache leben! Diese und ähnliche Strömungen befinden sich in einem unauflösbaren Zusammenhang mit der Entwicklung der Verhältnisse unter unsern Brüdern im russischen Reich. Dieser Richtung ist es einerseits zu verdanken, daß sich auf manchen Gebieten, insbesondere auf dem belletristischen, eine blühende jüdische Literatur entwickelt hat, die auch viele schätzbare Ansätze oder reife Werke künstlerischen Schaffens enthält und somit auch teilweise unserm national-geistigen Besitzstand zugute kommt. Am Ende ist ja auch das Volkstümliche zweifellos ein Bestandteil des Nationalen. Anderseits aber wird dieses Schaffen von einer Publizistik überwuchert, die zum Teil alle guten und — schlechten Seiten einer volkstümlichen Presse darstellt. Zu den guten Seiten gehört der Vorzug und das Verdienst, in weite Volkskreise gedrungen zu sein, die Leselust verbreitet zu haben, einen gewissen, zwar sehr bedingten und beschränkten, aber nicht zu unterschätzenden kulturellen Einfluß auszuüben, zu den Schattenseiten — die Seichtheit, die Übertreibung, die Sensationslust und das Frönen gegenüber den Instinkten der lesenden Masse. All diese Erscheinungen könnten noch geduldet werden, sie könnten auch nach einer gewissen Richtung als nützlich gelten, wenn sich nicht zugleich eine gewisse Tendenz gegen das Hebräische herausstellen würde. Ohne würdigen Ernst, ohne durchdachte Logik und ohne historische Grundlage wurde die Phrase wieder in die Welt gesetzt, das Hebräische zeige Alterszüge, während nur das Jiddische die Farbe der Jugend aufweise. Noch drolliger mußte dieser lästernde Unsinn erscheinen, wenn die Wortführer der antinationalen Theorie versicherten, daß sie die nationalen Interessen des jüdischen Volkes keinen Augenblick aus dem Auge verloren haben. So ist das Nationale durch die Verstiegenheiten wesentlich geschädigt worden. Aber dieser Periode ist keine lange Existenz beschieden. 14. Die Gesundungssymptome — Die neuen hebräischen Sprachvereine Viele Erscheinungen der letzten zwei Jahre haben den Beweis geliefert, daß sich gegen diese Tendenz die gesunderen nationalen Elemente immer mehr auflehnen und daß sich auch in den Reihen der Jiddischschreibenden, unter denen doch die meisten tief national fühlen und viele zu unsern besten zionistischen Kräften gehören, eine notwendige und berechtigte Bewegung gegen die Verirrungen eines tiberspannten, quasi volkstümlichen Antihebraismus einstellt. Es sind im Laufe der letzten Jahre verschiedene Vereine gegründet worden, die den Zweck haben, das Wissen der hebräischen Sprache zu verbreiten und auch das Hebräischsprechen mehr und mehr zu pflegen. („Chowewe Sfath Eber".) Hebräische Vorträge und Vorlesungen wurden so zahlreich besucht und mit einem solchen Enthusiasmus begrüßt, daß es offenbar wurde, daß sich große Kreise des jüdischen Volkes nach dem Hebräischen zurücksehnen und in ihm Halt und Hort für die Hoffnungen und Aussichten der jüdischen Wiedergeburt erblicken. Das Volk ist noch ganz so wie früher ein lernendes und lesendes geblieben. Das Gesunde an der Entwicklung und Ausbreitung des Jiddisch wird bleiben: das wertvolle künstlerische Schaffen, eine nützliche, populäre Publizistik, aber der Absolutismus des Jiddischen, die gehässige und höhnische Stellung der hebräischen Sprache gegenüber, das Bespötteln des jüdischen Wissens, die sensationelle Seichtheit und die derbe Verrohung brennen schon jetzt wie ein Feuerwerk schnell ab. Es wird jetzt schon wieder nach hebräischen Schriften verlangt, und früher oder später wird auch die hebräische Presse den ihr gebührenden Platz wieder einnehmen. Wir mußten alle diese Momente beleuchten, um aus den Verhältnissen und den Entwicklungen heraus die Lage des Zionismus in Rußland richtig zu erklären. Kein Land ist mehr geeignet, als das große Zentrum der jüdischen Massen, die Vorzüge einer tüchtigen zionistischen Arbeit hervortreten zu lassen und in den Leistungen, welche es an den Tag fördert, zugleich ein Prüfstein für die Kraft, das Qeschick, den Mut und die Ausdauer unserer Partei zu werden. Keine Judenschaft, als diese vielgestaltige, an Kräften und Talenten so reiche Masse, wird dann aber auch so tief die Segnungen empfinden, welche von einer tatkräftigen nationalen und zionistischen Arbeit ausgehen werden. All die Zickzackgänge des jüdischen Geistes in Rußland führen doch am letzten Ende zum Zionismus. 15. Die Wege der Propaganda — Der Charakter des Zionismus in Ost> und in Westeuropa Aber der Weg allein genügt nicht, er mag noch so gangbar sein, es müssen Wegweiser vorhanden sein, der Weg muß von Pionieren beschritten werden, deshalb ist-auch eine sichere Führerschaft und ein feines Verständnis notwendig. In den Mittelpunkten der großen jüdischen Massen und des starken jüdischen Fühlens und Denkens ist alles, was in den letzten XII