Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Reihen befinden. Nächst diesen kommen die Nationalen, die keine Organisation bilden, von denen ein ganz großer Teil dem Zionismus nahesteht, oder richtiger gesagt, einige Teile des zionistischen Programms, besonders der geistigen Arbeit, selbst so betätigt, wie es die Zionisten nicht anders machen könnten. Außerdem existieren weite Kreise, die für den Zionismus oder für die Kolonisation Palästinas große Sympathien haben, ohne zu irgend einer Organisation zu gehören. Wir können diese Verteilung der Elemente nur ganz skizzenhaft schildern, aber auch diese skizzenhafte Schilderung fördert sonnenklar ans Licht, wie schwierig und kompliziert, wie zukunftsreich und vielverheißend aber zugleich die Arbeit in Rußland ist. Der Wert einer formellen, sozusagen bureaukratischen Kleinarbeit darf auch dort nicht herabgesetzt . werden. Wenn wir die ungeheuren Schwierigkeiten berücksichtigen, unter denen die Arbeit in Rußland gemacht wird, wo es von dem willkürlichen Ermessen jedes einzelnen Beamten abhängig ist, eine Versammlung zu gestatten oder die strengsten Strafen über dieselbe zu verhängen, so müssen wir die Leistungen der russischen Zentrale-sehr hoch einschätzen. Unsere Gesinnungsgenossen in Rußland arbeiten in der richtigen Oberzeugung und mit dem vollen Bewußtsein, daß sie gegen die Gesetze ihres Landes und gegen die Interessen der Bevölkerung absolut nichts unternehmen, was irgendwie in einen Widerspruch mit denselben gestellt .werden könnte. Es muß an dieser Stelle noch der Bemühungen gedacht werden, die durch die zionistische Leitung gemacht worden sind, um die Vorschriften und Anordnungen, welche dort als unerträgliche Härten empfunden werden, zu mildern oder zu beseitigen. Der Präsident der zionistischen Organisation, Herr David Wolffsohn, wandte sich dieserhalb persönlich an die russische Regierung und hielt sich zu diesem Zwecke in Petersburg auf, wo er von den höchsten Vertretern dieser Regierung empfangen worden ist. Seine Vorstellungen, von dem Wunsche beseelt, an den maßgebenden Stellen das richtige Verständnis für die zionistischen Ziele und Zwecke beizubringen, fanden, soweit sich das überschauen läßt, eine günstige Aufnahme, und es bleibt nur zu wünschen übrig, daß sich die Begriffe in dieser Beziehung klären, und daß den noch jetzt bestehenden, vollständig unberechtigten Beschränkungen, die nur auf Mißverständnissen beruhen, ein Ende gesetzt werde. Vorläufig ist davon nichts zu merken, was vielleicht zum Teil an den allgemeinen Verhältnissen liegt. 13. Die Gegenwartsarbeit in Rußland — Der geistige Zustand — Hebräisch und Jiddisch — Die Czernawitzer Konferenz Die ganz normale und ruhige zionistische Arbeit, die von unsern Freunden in Rußland gemacht wird, ist deshalb um so höher zu bewerten, als sie zu einer Zeit gemacht worden ist, wo alles andere im jüdischen Leben noch halb oder ganz zerstört darniederliegt. Die Gegenwartsarbeit ist in Rußland jetzt überhaupt sehr beschränkt, aber wo irgendwelche Versammlungen stattfinden, bei allen Veranstaltungen und Einrichtungen einer jüdischen Selbsthilfe und Selbstorganisierung arbeiten unsere zionistischen Gesinnungsgenossen wacker mit und betonen bei jeder entsprechenden Gelegenheit in nachdrücklichster Weise ihren nationalen und zionistischen Standpunkt. Jedoch um den Kreis weiter zu ziehen und um den Zionismus größer und intensiver zu gestalten, müssen noch ganz andere Kräfte heranzogen und zur Betätigung gebracht werden. Die Revolutionszeit hatte begreiflicherweise dem früher so vielseitigen und reichhaltigen schriftstellerischen und publizistischen Schaffen in unserer Nationalsprache ein jähes Ende gesetzt. Von der hebräischen Literatur und Publizistik ist nur weniges geblieben, das mit rühmenswertem Eifer erhalten wird, alles andere ist verschwunden. Der Zionismus Rußlands, die große und breite Grundlage des Zionismus der ganzen Welt, war aber zu einem großen Teil ein unmittelbares Produkt der literarischen und erziehlichen Arbeit, die in der geistigen Werkstäüe Tag für Tag, durch das Zusammenwirken verschiedener Kräfte und Talente, gemacht worden ist. Mit dem Verlust dieses mächtigen Faktors gingen auch viele der Folgen desselben verloren, oder haben sich nur in einer verkümmerten Gestalt erhalten. Für den Zionismus im engern Sinne dieses Wortes arbeitet außer den vortrefflichen Broschürenausgaben in Odessa (jetzt in Wilna) nur das von uns begründete hebräische Wochenblatt „Ha Olam", welches jetzt in Wilna erscheint, und der „Razswiet" in Petersburg. Diese beiden Preßorgane haben einen sehr großen Leserkreis, können aber trotz ihrer großen Ausbreitung nicht in alle jene Kreise dringen, die von den frühern altern hebräischen Zeitungen systematisch belehrt und informiert worden sind. Wir müssen einige Erörterungen allgemeiner Natur vorausgehen lassen, um zu zeigen, wie in Rußland der nationale Prozeß geschwächt worden ist und was jetzt wieder geschieht oder geschehen soll, um ihn zu stärken. In der jüdischen Literatur und in der jüdischen Presse Rußlands ist eine gewisse Schwenkung eingetreten. Das „Jiddische" hat in vielen Kreisen das Hebräische verdrängt; das Nationale ist vor dem Volkstümlichen gewichen. Von unserm Standpunkt haben wir nie das „Jiddische" als etwas Geringwertiges verworfen oder herabgewürdigt. Existiert es ja unter den großen Massen als Volkssprache und hat es sich ja auch im Laufe der letzten Jahrzehnte literarisch ganz wunderbar entwickelt. Nur ist es etwas ganz anderes und nimmt eine ganz andere Stellung ein als das Hebräische. Hebräisch ist der antike Geist, Jiddisch ist — die Realität; Hebräisch — die Sprache Zions, Jiddisch — die Sprache des Goluth. Nun hat sich auch in den letzten Jahren eine Anschauung geltend gemacht, das Jiddische besitze sämtliche Anlagen und Keime dazu, eine Nationalsprache zu werden. Einen ganz eigentümlichen Ausdruck fand diese Anschauung in einer Konferenz, die zwrar nicht auf russischem Boden, sondern außerhalb Rußlands (in Czernowitz) stattgefunden hat, und die vorzugsweise von jiddischen Schriftstellern beinflußt war. Wir können uns schwerlich dazu entschließen, diese Anschauung als ein dauerhaftes System zu betrachten. Wohl fördert sie manche feinsinnige, des Nachdenkens werte Gesichtspunkte an den Tag, sie kann aber nicht als historisch berechtigt und logisch stichhaltig betrachtet werden. Sie hat nur den psychologischen Reiz des Neuen, und darin liegt auch ihre Beschränktheit. Sie ist eine Zeiterscheinung. XI