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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 32

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 32)
Language
German
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es ob, diese Stimmung auszunützen, die Begeisterung in die richtigen Bahnen zu lenken; sie tat in dieser Beziehung, was sie konnte. Es ist aber kaum der Anfang einer neuen Arbeit; dieser Anfang bezeichnet nur die Bahn für ein weiteres Schaffen. 11. Die nationale Arbeit in Rußland Was man in Westeuropa schlechtweg als geistigen Zionismus bezeichnet, ist unter der Judenheit des Zarenreiches die nationale Richtung, die zwar einen klareren Ausdruck als irgendwo anders im Zionismus findet, der aber nichtsdestoweniger ein ganz großer Teil der Judenheit außerhalb des Zionismus huldigt. Mit verschwindenden Ausnahmen vertritt die Presse und die Literatur unserer Brüder in Rußland diesen Standpunkt. Mit Ausnahme einer kleinen Gruppe führender Juden in Polen, insbesondere in dessen Hauptstadt, die sich noch antinational gebärdet und mehr infolge des Trägheitsgesetzes als neuer, der Zeit entsprungener Impulse ihrDasein künstlich verlängert, ist die Assimilation in der großen Judenheit des Qesamtreiches ein überwundener Standpunkt geworden. Die sogenannte „j üdische Volksgruppe" in Petersburg, die vor einigen Jahren antizionistische Tendenzen an den Tag legte, ist mit vielen andern temporären Bildungen eines politischen Zeitgeistes in den Orkus der Vergessenheit versunken. Von Seiten der extremen Parteien wurde das nationale Prinzip zwar bemängelt, reduziert und nach ganz andernRichtungen abgelenkt, aber das war keine eigentliche Assimilation, und es ist auch im Qewirr allgemeiner politischer Parteiungen untergegangen. Abgesehen davon, daß die mächtig gewordene Reaktion diese Elemente zum Teil verjagt und verdrängt und zum Teil zum Stillschweigen gebracht hat, wäre auch eine konstante Befehdung des nationalen Prinzips in Rußland seitens jüdischer Massen gar nicht denkbar, weil die ganze Entwicklung mit aller Gewalt unsere Brüder nach dem Nationalen hindrängt. Die revolutionären Jahre, die reicher an Enttäuschungen und Aufregungen als an Erfolgen waren, haben viele Ablenkungen verursacht. Die berechtigten Hoffnungen auf eine Gleichberechtigung hatten die Geister und Gemüter in Anspruch genommen. Zu ihnen gesellte sich eine überreizte Phantasie und überspannte Forderungen, die an sich vielleicht gerecht waren, die aber auf keinerlei Verwirklichung Anspruch erheben konnten. Alle diese Tendenzen hatten sich in verschiedene Parteien und Organisationen verkörpert. Einen ungeheuer weiten Spielraum hatte der Nuancierungs- und zum Teil auch Zerbröckelungsprozeß innerhalb des jüdischen Proletariats, welches von allen möglichen Ideenströmungen durchflutet ist. Es gab kein System, keine Theorie, keine Hypothese, kein Schlagwort in der modernen Wirtschaftslehre, in den modernen Arbeiterbestrebungen und in ihren unendlich verschiedenartigen Keimen, Ansätzen, Verzweigungen und Kombinationen, die nicht sofort ihre Wortführer unter den Intellektuellen des Proletariats und in vulgarisierter Form ihre überspannten, fanatischen Anhänger in der Gasse, die sie gierig durch die jiddischen Übersetzungen aufsog, gefunden haben. Es fehlte keine einzige Nuance, — und alles in stärkerer Potenz als bei den andern. Mehr Polen als die Polen selbst, mehr Litauer als die Litauer, mehr Ukrainer als die Ukrainer, und radikaler als alle Radikalen, trug diese Entwicklung das bekannte Gepräge der Assimilation mit ihren Ubertreibungen und mit ihrer Affektation. Dann kam im proletarischen Zionismus selbst die Differenzierung durch Programme und Theorien ohne Ende. Auf einem Punkt waren sie alle einig: Wir sollen keine Werkzeuge für die andern sein, wir sollen unsere eigenen Werkzeuge sein. In manchen Bestrebungen, die auf Rußland gerichtet waren, befanden sich, auch nationale Bestandteile, wie beispielsweise bei den „Sejmowtzi". Es war eine Zeit, als diese letztern sich gar nicht als eine in der Luft schwebende Partei, sondern als eine reale Kraft betrachteten und von ihrem Standpunkte aus den Zionismus bekämpften. Sie hofften, alle nationalen Bestrebungen der Juden durch entsprechendeEinrichtungen im Goluthland selbst befriedigen zu können. Letztere bildeten nur einen Teil der Mosaik von Parteien, die ein ganz eigenartiges Schachbrett russisch jüdischer Tendenzen darstellte. Zu ihnen gehörten verschiedene Kombinationen, die den Zionismus mit ganz andern, zumeist wirtschaftlichen Bestrebungen verbanden. Der Zionismus, seinem Wesen nach vielartig, gestaltend und belehrend, auf die Rettung eines Volkes und die Vereinigung der Masse gerichtet, bietet für die Denkenden verschiedene Anhaltspunkte, die eine Harmonisierung desselben mit ähnlichen Ideen undTheorien in einer mehr oder weniger logischen Verbindung ermöglichen. Es sind oftmals geradezu absonderliche Kombinationen, die sich nicht lange halten können, und die nur den Versuch einiger Theoretiker darstellen. Einen einzigen, ziemlich breiten Strom bot die Bewegung der „zionistischen Arbeiter" („Poale Zion"), die deshalb eine viel realere Grundlage hatte, weil sie sich nicht auf eine Theorie beschränkte, sondern viele ihrer Anhänger veranlaßt hatte, nach Palästina zu gehen, oder die Idee einer Auswanderung nach Palästina oder einer Vorbereitung für die Arbeit dort in sich heranreifen zu lassen. 12. Die jetzige Arbeit — Die äußern Schwierigkeiten — Versuche gegen die Restriktionen Das verschlungene, endlos fortrollende Gewebe verschiedener kleiner Parteischattierungen und Theorien hat sich in den letzten zwei Jahren nicht weiter entwickelt; es ist eher zurückgegangen und zumeist ganz verschwunden. In einigen dieser Kombinationen haben sich die Grundideen immer mehr verflüchtigt, und die ursprünglichen Prinzipien sind immer mehr zerflattert. Eine Apathie trat ein, ebenso übertrieben, wie die frühere fieberhafte Begeisterung und der überschäumende Tatendrang. Diese Mißstimmung und Müdigkeit ist für den Zionismus noch viel lähmender, als die frühere Sturm- und Drangperiode. Die poale-zionistische Bewegung, die, wie gesagt, eine reale Grundlage hat, existiert nur noch in einem beschränkten Umfange und könnte bei richtiger Leitung gute Resultate ergeben. Die russischen Verhältnisse machen eine Entwicklung dieser Organisation unmöglich, und daher konnte sie sich nicht mehr in Rußland lokalisieren, sondern bemüht sich, nicht ohne einen sichtlichen Erfolg, durch eine Weltorganisation ihre Kräfte zu erhalten. Das Gros des Zionismus in Rußland ist zentralistisch, d. h. es huldigt dem Zionismus ohne jeden Vorbehalt oder Einschränkung und ohne Verbindung mit andern Richtungen. Die Nächststehenden sind die „ChoweweZion", von denen sich sehr viele in zionistischen X

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