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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 31

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 31)
Language
German
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mus und Zionismus im zweiten organischen Programmpunkt Ausdrück gefunden, welcher lautet, daß er die territoriale Lösung des jüdischen Problems in Erez Israel, worunter Palästina und die Nachbarländer zu verstehen sind, anstrebt. Das mesopotamische Projekt, als in die Grenze der Nachbarländer fallend, ist in das neue Parteiprogramm aufgenommen worden. Ferner ist die nationalkulturelle Arbeit innerhalb der Volksmassen unter Benutzung des Hebräischen und des Jüdischen scharf betont worden. Dieses neue Programm bedeutet einerseits eine Rückkehr derjenigen Vertreter des Proletariats, die -sich bis jetzt als Territorialisten-Sozialisten bezeichneten, zu Palästina und den Nebenländern und anderseits — die Anerkennung des Hebräischen als eines nationalkulturellen Faktors, anstatt der frühem, ganz extremen und negativen Haltung diesem historischen Element gegenüber. Es bleibt noch abzuwarten, welche Wege diese Entwicklung gehen wird, aber so viel ist sicher, daß die ganze Gedankenarbeit und all die Theorien und Programme des denkenden jüdischen Proletariats, wenn auch auf Umwegen und mit Ablenkungen, nach Zion zurückführt. Wir müssen noch Kanada erwähnen, wo wir eine starke und opferfreudige Organisation haben, die nicht nur Mittel sammelt, sondern auch ein jüdisches Leben fördert. Von einem starken nationalen Bewußtsein erfüllt, hat es diese Organisation vermocht, sich Beachtung und Berücksichtigung in allen Kreisen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung zu verschaffen. Im Süden wieder ist es Argentinien, wo nach der Auflösung der Föderation einzelne Vereine bemüht sind, den zionistischen Geist zu erhalten, zu welchem Zweck sie eine eigene Presse erhalten. Unsere Obersicht wäre mangelhaft, würden wir nicht unserer Brüder in Südafrika erwähnt haben. Der Zionismus hat demsüdafrikanischen Judentum seinen Stempel aufgedrückt. Unsere dortigen Gesinnungsgenossen haben den Zionismus zum Gemeingut fast aller empfindenden Juden gemacht. Sie haben das Volk gelehrt, zur Wahrung gemeinsamer Interessen sich zusammenzuschließen. Sie haben die Massen in ihren Bann gezogen, den Wohlhabenden einen Leitstern, den Armen einen Trost gegeben. Nach Maßgabe ihrer Kräfte wirken sie auch erziehlich und bringen ihre Bestrebungen in einer ihren Bedürfnissen entsprechenden Presse in englischer und jiddischer Sprache zum Ausdruck. 10. Die Lage in Rußland — Die verschiedenen zionistischen Erscheinungen Wohin wir immer unser Augenmerk richten, überall ist es die Idee, die in den Vordergrund des Interesses tritt. Wenn dies in Westeuropa und Amerika der Fall ist, so ist es in einem viel höhern Grade in Osteuropa und im eigentlichen Orient der Fall. Das jetzige geistige Leben unseres Volkes in Rußland ist schwer darstellbar. Wir wollen es trotzdem versuchen, diese Lage wenigstens nach der geistigen Richtung zu skizzieren, weil man ohne dies auch den Zionismus und seine Lage dort kaum begreift. Es zittern dort noch alle Folgen der revolutionären Jahre nach. Eine schwere Atmosphäre, die manchmal in Dunst zerfließt, manchmal auch Wolken ballt, Blitze entlädt, lastet über der Judenschaft jenes mächtigen Reiches. In diesem Zustande und nach den Ereignissen, die uns schwere Wunden geschlagen haben, ist es natürlich, daß die geistige Arbeit der Juden, die dort ihren Schwerpunkt hatte und noch für lange haben wird, in bedenklicher Weise geschädigt und geschwächt worden ist. Neben den mächtigen Massenkräften und der edelsten Blüte intellektueller Anlagen — ein Durcheinander von auftauchenden, verschwindenden, von ergriffenen, verworfenen, wiedereingeschobenen, hin und hef schwankenden Gedankenreiche nicht vollständig zur Reife kommen, weil sie zu schnell aufgegeben werden. Man kann diesen verschlungenen Pfaden nur folgen, wenn man schon den überragenden Gipfel gesehen hat, zu dem sie hinanführen, und das ist der individuelle und nationale Rechtskampf. Die große russische Judenheit ist rechtlos, unorganisiert, strebt nach einem menschenwürdigen Dasein, hängt zum großen Teil an den nationalen Traditionen und umfaßt eine ganze Skala von sämtlichen Parteirichtungen und Schattierungen, so viele der menschliche Geist nur erdenken mag. Alles gärt und ringt nach Form, alles ist voll guter Keime, unbestimmter Sehnsucht und dringenden Verlangens nach Verwirklichung berechtigter Bestrebungen. Eine scharfe, bestimmte Sonderung ist unmöglich. Es läßt sich nicht von Zionismus und Antizionismus in dem landläufigen Sinne sprechen, wie es in andern Ländern der Fall ist; beide sind außerordentlich differenziert. Die zionistische Organisation hat dort eine Peripherie, die bedeutend größer ist als sie selbst. Die überaus strengen Maßregeln der Behörden, die vielleicht nicht so sehr speziell gegen den Zionismus wie überhaupt gegen jede freie Lebensäußerung und gegen jeden Ausdruck eines kollektiven Willens gerichtet sind, die sich auch je nach der Zeit, den Orten und sonstigen verschiedenen Zufälligkeiten ändern, erschweren die organisierte zionistische Arbeit in einem Grade, von dem man anderwärts kaum einen Begriff haben kann. Aber das ist nicht der einzige Grund der Tatsache, daß der organisierte Zionismus auch nicht im entferntesten ein vollständiges Bild der vorhandenen zionistischen Kräfte Rußlands darstellt. Eine große Organisation der „Chowewe Zion", die dort auf legalem Boden arbeitet, umschließt eine Masse zionistischer Kräfte und bringt viele Punkte eines praktischen zionistischen Programms zur Betätigung im Rahmen des Erreichbaren und Möglichen. Auch diese Tätigkeit wird durch äußere Umstände beschränkt. Eine freie und geregelte Propaganda könnte auch diese Reihen verzehnfachen, denn Begeisterung und Interesse ist zur Genüge vorhanden. Das hat sich auch im Laufe der letzten zwei Jahre mehrfach gezeigt. Das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der „Bne Zion" in Moskau war eins jener Feste, die nicht dazu da sind, um Rückschau zu halten, sondern um zu beraten, was in der weitern Bewegung zu geschehen habe. Eine Reihe von Veteranen der Zionsliebe hatte sich zusammengefunden; ihnen schloß sich ein ansehnlicher Kreis neuer Zionsfreunde an, und Vorschläge wurden gemacht, Bedeutendes auf dem praktischen Gebiete in Palästina zu unternehmen. Dieses Bestreben äußerte sich in vielen Orten und in vielen Formen. Es beschränkte sich nicht auf organisierte Zionisten, nicht einmal auf „Chowewe Zion", es umfaßte verschiedene Kreise des jüdischen Volkes. Der zionistischen Organisation in Rußland lag IX 3*

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