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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 30

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 30)
Language
German
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sich über ihren jetzigen Antagonismus hinweg zum Zionismus durchringen werden. Einen kerngesunden Zionismus hat Belgien. Die außerordentlich regsame Ortsgruppe Antwerpens, an deren Spitze energische Leute von hohem Idealismus und praktischem Sinn stehen, bemühte sich, durch die Förderung der Geselligkeit, durch die Veranstaltung von Vortragsabenden, durch eine eigens in deutscher und französischer Sprache erscheinende Zeitschrift nicht nur sämtliche jüdischen Zwecke zu fördern, sondern auch das national-jüdische Gefühl und die Liebe zur Nationalsprache zu stärken und lebendig zu erhalten. In Italien hat sich der Zionismus wacker erhalten. Die an Zahl so geringe Judenschaft Italiens unterhält eine zionistische Presse, die im Verhältnis zur Anzahl der Juden und zu den kleinen Zionistengruppen ganz groß ist. Es herrscht dort auch eine Kulturströmung, die von zahlreichen zionistischen Journalisten und Schriftstellern gefördert wird. 9. Das amerikanische Judentum — Die religiösen Parteien — Die Reform — Unsere Kulturtätigkeit — Die proletarischen Richtungen — Kanada — Argentinien — Einige Worte über Südafrika Ein spontanes Hervortreten eines tiefempfundenen Bedürfnisses nach Verinnerlichung des Zionismus konnte in den verschiedensten Formen wahrgenommen werden. Wie überall, so ist auch der Zionismus im großen amerikanischen Judentum ein kleiner, aber beständiger lebenspendender Strom. In dem großen Werden bietet sich dem Auge des oberflächlischen Beobachters ein brodelndes Chaos dar, voll wirrer Erscheinungen, die der Gestaltung bedürfen, dem Geiste des Denkers hingegen — ein gewaltiges Element, reich an Anlagen, mit großen Kräften ausgerüstet, trotz des scheinbaren Materialismus im Grunde von den alten historischen Idealen beseelt, das erst in der Organisierung begriffen ist. Von Zeit zu Zeit tauchen auch dort mit aller Gewalt die großen prinzipiellen Fragen auf, die das moderne Judentum durchwühlen, und es ist mit Anerkennung zu verzeichnen, daß unsere Gesinnungsgenossen, besonders ihre geistigen Führer jede Gelegenheit wahrnehmen, um ihren Standpunkt in dieser Beziehung zu betonen und dem Bewußtsein der jüdischen Gesamtheit näher zu bringen. Die Gegensätze kamen im Laufe derletzten Jahre sehr schroff zur Geltung, und vor allem war es unter den schon früher ansässigen Juden der religiöse Parteikampf, der in Erscheinung trat. Die Volksverleugnung, die sich in schamloser Kühnheit immer mehr in die Öffentlichkeit wagte, gab anderseits Impulse und Anregungen für eine Abwehr. Die Art, wie die radikale Religionsreform dort sich zu organisieren suchte, war nur geeignet, der nationalen Idee zu nützen. Es ist klar, daß die Reform aller Richtungen auf dem Aussterbeetat steht, wenn sie nicht bald die Kraft gewinnt, sich aus der Versumpfung der Assimilation zu befreien, in die sie hineingeraten ist. Es war offenbar ein System des Selbstmordes, wenn die Reform im Laufe der letzten Jahre fortfuhr, den Gegensatz zu den größten Traditionen unseres Volkes beständig zu schärfen. Es gab kein Halten mehr auf dieser Bahn. Wenn für das Linsengericht einiger englischer Phrasen die Erstgeburt der nationalen Lehre auf den Versammlungen der Reform- Rabbis beinahe preisgegeben wurde, wenn in einer abgeschmackten und würdelosen Weise die so ausgeprägte Individualität des Judentums in den Brei allgemeiner nichtjüdischer Sekten hineingestampft wurde, so mußte die Assimilation selbst das Erschreckende dieses Memento mori einsehen. Die Parteien, die auf dem Boden des Judentums stehen, regten sich gegenüber diesen immer rücksichtsloser das Haupt erhebenden Faktoren der Volksverleugnung, aber die Formel, welche die Massen zu einer gesammelten Macht zusammenschließen könnte, ist noch nicht gefunden. Der Wille zum Leben, den unser Volk hat, wird früher oder später einen solchen Zusammenschluß ermöglichen. Auf diesem Gebiete haben unsere Gesinnungsgenossen schon manches geleistet. Je m^hr sie befruchtend, aufklärend, führend auch auf dem Gebiete der Gegenwart wirken, werden, desto mehr wird es ihnen gelingen, ihre tonangebende Stellung dort zu bestärken. Sie haben recht gute Versuche gemacht, ihre Presse zu entwickeln. Die Versuche mit einer hebräischen Presse sind bis jetzt mißglückt, aber es unterliegt kaum einem Zweifel, daß ein neuer Unternehmungsgeist und eine größere Energie vermögen werden, auch auf diesem Gebiete etwas Dauerndes zu schaffen. Es muß hervorgehoben werden, daß sehr zahlreiche und musterhafte modern-hebräische Schulen mit hebräischer Vortragssprache, wie auch viele Vereine für Pflege und Förderung des hebräischen Wissens, in Amerika mit großem Erfolge tätig sind. Die jiddische Massenpresse, industriell angelegt und nach amerikanischem Geschmack geleitet, hat alle guten und schlechten Seiten der amerikanischen Presse, wobei manche vielgelesene Blätter das Nationale fördern. Nirgends hat das volkstümliche Judentum seine Sonderart so zur Geltung gebracht und eine solche Tohuwabohu-Kultur der Gasse, manchmal in feinkünstlerischer, oftmals aber auch in grotesk-vulgärer Weise, in allen modernen Einrichtungen, in Literatur, Presse und Theater ans Licht gefördert. Was in dieser Entwicklung im Laufe der letzten Jahre wahrzunehmen ist, das ist die Erscheinung, daß das Seriöse und Gründliche, früher noch sehr schüchtern, aber jetzt immer sicherer und selbstbewußter hervortritt und von der Gewalt des Vulgären nicht mehr unterdrückt wird. In der Journalistik begegnet man schon ganz gediegenen wissenschaftlichen Abhandlungen, und auch auf dem Gebiete künstlerischen Schaffens veredelt sich der Volksgeschmack immer mehr. Das muß zum Nationalen zurückführen; diese Note wurde in den letzten zwei Jahren immer lauter. Ein ernstes Wollen und einen regen Eifer eines kleinen Kreises von Hebraisten zeigen auch die ersten Bände einer „Jüdischen Enzyklopädie in hebräischer Sprache", die in New York erschienen sind. Eine bemerkenswerte Entwicklung ist in dem Gedankenkampf und in dem inriern nationalen Ringen des jüdischen Proletariats in Amerika zu verzeichnen. In dem auf dem Vereinigungsparteitag zu Chicago geschaffenen „Programm der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion" haben die Grundideen der Zionisten, Territorialisten und Sejmisten ihren Ausdruck gefunden. Der erste Programmpunkt der vereinigten Partei bezieht sich auf den sozialistischen Charakter, der, sofern er ganz allgemein ist, uns nichts angeht. Hingegen hat eine Synthese des Territorialist YIII

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