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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 29)
Language
German
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tertiärer Natur sind, wie z. B. die Einrichtung dieses oder jenes Vereins, die Statuten dieser oder jener Institution, sondern die Weltanschauungsfragen, auf denen der ganze Zionismus aufgebaut ist und die den wirklichen Differenzpunkt zwischen Zionisten und Antizionisten bezeichnen. Und haben unsere Gesinnungsgenossen hie und da mit großem Erfolg und Geschicklichkeit, mit Takt und Peingefühl ihren Kampf ausgefochten, so durften wir noch nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern wir mußten uns dessen bewußt sein, daß noch neue und viel schwerere Kämpfe im Judentum selbst unserer harren, und daß wir für diese Kämpfe die Waffen vorzubereiten hatten. Es war klar, daß die Waffen in diesem Kampfe nur geistige Waffen sein können. Die Vorbereitung des geistigen Rüstzeugs müßte daher die wichtigste Aufgabe unserer Partei sein. Stillstand bedeutet Rückgang. Das Wenige, was wir in dieser Beziehung besaßen, war bei weitem nicht hinreichend. Wenn von Versammlungen und Veranstaltungen national-zionistischen Charakters gesprochen wird, die doch die Lebensnerven unserer Bewegung darstellen, ohne die unsere Bewegung überhaupt gar nicht denkbarist, so müßte man auch dafür sorgen, daß für diese Versammlungen und Veranstaltungen immer neuer und frischer Stoff vorhanden sei, der sie auszufüllen und zu beleben vermag. Dieser Stoff kann nur von einer entsprechenden Literatur, von einer entsprechenden Presse und auch von der jüdischen Kunst geliefert werden. Die literarisch-zionistische, wie auch die publizistisch-zionistische und die künstlerische Tätigkeit ist also kein Beiwerk, sondern ein integraler Teil unserer Arbeit. Es ist aber durchaus nicht eine isolierte Tätigkeit; sie erstreckt sich auch oder soll sich auch erstrecken auf Kreise, die formell und organisatorisch, zum Teil auch ideell außerhalb des Zionismus stehen. In dieser Beziehung haben wir zu wenig geleistet, zu wenig befruchtet und angeregt. Nur hier und da sind doch manche Merkmale eines geistigen Strebens hervorgetreten. So z. B. wird mit Bezug auf England darauf hingewiesen, daß der kleine hebräische Kongreß, der im laufenden Jahre in Manchester stattgefunden hat, auch in einem geistigen Zusammenhang mit dem Zionismus stände, und daß ein nationaler Geist in die jüdischen Literaturvereine Englands seinen Einzug dadurch gehalten haben .soll, daß die hebräische Sprache und moderne jüdische Literatur mehr Berücksichtigung als bisher findet. Die Beschlüsse des erwähnten hebräischen Kongresses sind insofern wichtig, als sie sich auch auf das wichtige Schulgebiet erstrecken. Ein vernünftiger hebräischer Unterricht soll gefördert, hebräische Sprachvereine sollen gegründet und hebräische literarische Unternehmungen sollen unterstützt werden. Natürlich kann diese vereinzelte Tätigkeit Früchte tragen, nur wenn sie die Impulse, die Kräfte und den Stoff zu einem großen Teil von außen erhält; es müssen daher die Zusammenhänge geschaffen und die geschaffenen zu einer höhern Entwicklung gebracht werden. 8. Die Geistesarbeit in Ungarn und Holland, Frankreich, Belgien und Italien Eine hohe Wertung der geistigen Elemente und der literarischen Aufklärungsarbeit zeigte sich auch in Ungarn. In den von dort eingelaufenen Berichten wird auf die Bedeutung der Presse mit besonderin Nachdruck hingewiesen. Die Stellung der allgemein-jüdischen Presse wird als ein Moment dargestellt, welches für das Verhalten der allgemeinen Judenschaft fast ausschlaggebend wirkt. Es wird uns berichtet, daß die Vereine nirgends den Charakter ausschließlich technischer Vereine für Schekel- oder sonstige Sammlungen sind; sie veranstalten Vorträge, pflegen geselligen Verkehr, und ermöglichen einen Gedankenaustausch, der die Grundlagen des Zionismus schafft. Sie verfügen über drei zionistische Zeitschriften und haben eine große Masse von Broschüren verteilt. Nur dank dieser Arbeit ist es ihnen gelungen, die Zahl der Anhänger des Zionismus so bedeutend zu vergrößern. Ein einziges Fühlen beherrscht jetzt die dortigen zionistischen Führer: das Bedürfnis nach neuem geistigem Stoff und nach neuen literarischen Werten. Auch in Holland, wo der Zionismus in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat, konnte sich der Zionismus nicht auf der Linie der kleinen technischen Arbeit erhalten. Er mußte das Gebi.et der Ideen beschreiten und eine geistige Arbeit zur Geltung bringen. Unmittelbar nach dem Kongreß entspann sich ein Kampf zwischen Zionisten und jenem Teil der Orthodoxie, der die merkwürdige Ansicht vertritt, es sei orthodox, dem Zionismus gegenüber eine feindliche Stellung einzunehmen. Diese Gegnerschaft mußte mit ihren eignen Waffen, das heißt mit Argumenten aus der Geschichte und der Religion des Judentums bekämpft werden. Es machte sich auch eine geistige Bewegung unter der zionistischen Universitätsjugend bemerkbar, die in der Herausgabe eines zionistischen Jahrbuchs ihren Ausdruck fand. In Frankreich, wo bis jetzt der Zionismus eine sehr beschränkte Ausbreitung fand, ist die Tätigkeit der „Universite Populaire", die der zionistischen Initiative und hingebungsvoller Arbeit ihre Existenz verdankt, eine "der nutzreichsten Anstalten für die jüdische Masse. Die Gewinnung der jüdischen Masse, die sich in Paris konzentriert für den Zionismus, hat im Laufe der letzten Jahre keine Fortschritte gemacht. Die Lage der Einwanderer in Paris ist zu prekär, sie sind örtlich zu sehr zerstreut, ihre Verhältnisse sind zu wenig geordnet, und sie gehen zu sehr im schweren Kampf ums Dasein im fremden Milieu auf, als daß es leicht wäre, irgendwelche ideelle Bestrebungen unter ihnen zu fördern. Die jüdische studierende Jugend aus den osteuropäischen Ländern steht noch zu sehr unter dem Einfluß der verschiedenartigsten sozialen, kosmopolitischen und fremdnationalen Strömungen, als daß sie, mit wenigen Ausnahmen, für den Zionismus zugänglich gemacht werden könnte. Manche Kreise finden den Zionismus schon abgeblaßt und für ihre Effekthascherei nicht modern genug. Andere hatten noch nie Gelegenheit, ihre eigene Volksbewegung zu beobachten und in sich zu erleben. Es ist aber dies nur eine Frage der Zeit, denn die jüdische Jugend muß zu ihrem Volke zurückkehren, sofern sie uns überhaupt nicht verloren gehen wird. Der eifrige und tüchtige kleine Zionistenkreis in Paris hat es bisjetzt nicht vermocht, die „autochthonen" französischen Juden zu belehren. Das französischjüdische Paris ist die Hochburg des Indifferentismus und jener großen Institutionen, die in ihrer großherrlichen Unnahbarkeit noch lange Zeit brauchen, bis sie VII « 3

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